Reich an Kindern
Neben ihrer eigenen leiblichen Tochter hat Habtam mittlerweile 20 weitere Kinder als SOS-Kinderdorf-Mutter begleitet. Das allein ist schon eine große Aufgabe - doch die Kriegsjahre hätten ihr alles abverlangt, erzählt die 52-Jährige. Ihre größte Angst sei gewesen, dass sie ihre Kinder, die schon ihre Eltern verloren haben, nicht beschützen kann.
Von Eva Fischl
Nomen est omen, heißt es so schön. Der äthiopische Frauenname Habtam bedeutet übersetzt "reich". "Ja, ich bin reich an Kindern, und ich danke Gott dafür. Das scheint mein Schicksal zu sein", sagt Habtam lachend. Die 52-Jährige arbeitet als SOS-Kinderdorf-Mutter in Mekelle, der Landeshauptstadt der nordäthiopischen Region Tigray. Neben ihrer leiblichen Tochter Workey (28) hat Habtam in den letzten zwei Jahrzehnten 20 weitere Kinder großgezogen, beziehungsweise tut es immer noch. Um jedes einzelne von ihnen sorgt sie sich, zu jedem von ihnen hat "Mama Reich" bis heute Kontakt.
"Sie ist eine liebevolle Mama. Sie passt auf uns auf, liebt und behandelt uns wie eigene Kinder", sagt Tochter Maza (18), die mit vier jüngeren Brüdern die aktuelle SOS-Kinderdorf-Familie bildet. Semere* ist 12, Haile* 10, Buruk* 9 und der Jüngste, Hawi*, fünf Jahre alt. Er kam erst nach dem Krieg ins SOS-Kinderdorf.
Alle fünf Kinder haben ihre Eltern verloren. Im SOS-Kinderdorf in Mekelle fanden sie ein neues Zuhause. Habtam ist immer für die Kinder da, gibt ihnen Liebe und Sicherheit.
Angst um die Kinder
Doch der Krieg, der zwischen 2020 und 2022 in Tigray tobte und nach Schätzungen bis zu 800.000 Menschen das Leben kostete, brachte auch die erfahrene SOS-Kinderdorf-Mutter Habtam an ihre Grenzen. "Die Kriegsjahre waren die schlimmsten meines Lebens", sagt Habtam. "Ich hatte Angst, dass ich meine Kinder, die schon ihre leiblichen Eltern verloren haben, nicht beschützen kann."
Die Nachricht, dass die äthiopische Armee und ihre eritreischen Verbündeten auf Mekelle vorrückten, hätte alle im SOS-Kinderdorf in Angst und Schrecken versetzt. Bald darauf habe man die ersten Kampfhandlungengehört und gespürt. "In einer Zementfabrik in der Nähe ist es zu massiven Bombeneinschlägen gekommen", erinnert sich Habtam mit Grauen an die Kriegstage. "Wir hatten solche Angst, dass die Soldaten auch unser Kinderdorf angreifen und haben uns alle in einem Raum versammelt und gebetet."
Bomben und Hunger
Aus Furcht vor Luftangriffen malten die SOS-Kinderdorf-Mitarbeitenden in großen Lettern SOS aufs Dach. "Wir sind ein Dorf, in dem lauter Waisen leben. Unsere Regierung sollte uns doch beschützen und nicht schädigen", klagt Habtam. Den Mädchen im SOS-Kinderdorf habe sie verboten, nach draußen zu gehen. "Wir hatten von den Massenvergewaltigungen gehört", erklärt sie.
Von ihren Kindern sei Buruk am stärksten betroffen gewesen. "Er war damals noch so jung, erst drei Jahre alt. Die Bomben schockten ihn, er konnte sich die Geräusche nicht erklären und versteckte sich unter dem Bett. Nachts nässte er sich wieder ein", erzählt Habtam. "Mit den älteren Kindern konnte ich über das, was uns da gerade passiert, sprechen, sie verstanden es besser. Teilweise haben sie mich getröstet."
Das Trauma des Krieges
Dennoch hat der Krieg bei allen Spuren hinterlassen. "Während der sechsmonatigen Blockade sind so viele Kinder in dieser Gegend verhungert, weil sie nichts zu essen hatten", sagt Habtam. "Dass wir Teil des Kinderdorfs waren, hat uns das Leben gerettet", ist sich die SOS-Kinderdorf-Mutter sicher. Auch im Dorf sei das Essen rationiert worden. "Wir mussten die Zahl der Mahlzeiten reduzieren. Weil wir im Kinderdorf ein paar Nutztiere haben, hatten wir wenigstens Milch", erinnert sich Habtam. "Wir mussten auf so vieles verzichten, die Schulen waren geschlossen, es gab keinen Unterricht. Aber wir haben überlebt."
Diese positive Einstellung ist es auch, die Habtam ihren Kindern mitgeben will. Beim Verarbeiten der Kriegstraumata helfen auch Gruppensitzungen mit den Psychologen der SOS-Kinderdörfer. "Wir sprechen über unsere Gefühle und Ängste", erklärt Habtam. "Das hilft." Für die Kinder gebe es spielerische Therapien und Sport als Ausgleich. "Auch das ist sehr wichtig", weiß Habtam. "Die Kinder sollen wieder Spaß haben können und sich frei fühlen."
"Alle Kinder sind gut durchgekommen"
Für ihre jüngsten fünf Kinder wünscht sich die SOS-Kinderdorf-Mutter, dass sie ihr Leben genauso leben werden wie ihre erwachsenen Kinder. Einige von ihnen hätten heute selbst schon Familie, arbeiteten in ihren Wunschberufen oder studierten. "Alle sind gut durchgekommen und können der Gesellschaft etwas zurückgeben", sagt Habtam stolz.
Vor kurzem ist Habtams SOS-Kinderdorf-Familie umgezogen - vom SOS-Kinderdorf-Gelände in ein Haus in Mekelle. Dort leben sie nun Tür an Tür mit ihren Nachbarn und sind bestens integriert. Und wie bisher lebt die SOS-Kinderdorf-Mutter mit den Kindern unter einem Dach, ist weiter für sie da, Tag und Nacht.
Aber 21 Kinder sind genug, findet Habtam: "Wenn Hawi, mein Jüngster, erwachsen ist, dann möchte ich mich auch zur Ruhe setzen." Ihren Ruhestand hat sich die 21-fache Mutter dann mehr als verdient. Diese Lebensleistung muss "Mama Reich" erst mal jemand nachmachen.
* Die Namen der Kinder wurden geändert.
Dieser Artikel erschien in der Passauer Neuen Presse während der Weihnachtsaktion "Ein Licht im Advent" zugunsten der SOS-Kinderdörfer.