Vom Straßenkind zum Barbershop-Besitzer
Tizazu hoffte auf ein besseres Leben in der Hauptstadt, doch dann landete er mit 14 Jahren auf den Straßen von Addis Abeba. Ein Programm der SOS-Kinderdörfer in Äthiopien rettete ihn aus der Obdachlosigkeit. Heute betreibt er seinen eigenen kleinen Barbershop und hat große Pläne.
Von Eva Fischl
Tizazus Reich ist eine Wellblechhütte an einer Durchfahrtsstraße in Islam Mekabr. Hier reihen sich Verkaufsstände an zusammengezimmerte Verschläge, in denen Menschen ihre Dienste anbieten. Der Stadtteil mit seinen schiefen Holzbauten und windigen Wellblechdächern liegt weit entfernt vom Zentrum der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, in dem im Rekordtempo neue Hochhäuser, breitere Straßen, grüne Parks und moderne Wohnanlagen entstehen – als sichtbare Verheißung für eine bessere Zukunft.
Eine andere Welt. In Islam Mekabr zeigt sich Addis Abeba von seiner schäbigen Seite. Keine fünf Quadratmeter ist Tizazus Arbeitsplatz groß. Die Wände sind mit Tüchern und Plakaten abgehängt, Kabel wild von der Decke herab verlegt. Ein Stück PVC liegt auf blankem Lehm, im Raum ist gerade so Platz für einen alten Frisörstuhl und ein Regal mit Spiegel. Davor hat Tizazu die Geräte und Pflegeprodukte aufgereiht, die er für seine Kunden braucht. Für den 18-Jährigen ist dieser Ort trotz seiner beklemmenden Armseligkeit etwas Besonderes: Er gehört ihm und sichert ihm das Überleben. Tizazu ist stolzer Besitzer eines Barbershops.
Dass er das einmal von sich behaupten kann, hätte er sich noch vor einem Jahr nicht mal in seinen kühnsten Träumen ausgemalt. Denn Tizazu war obdachlos, mit 14 Jahren im Moloch der Fünf-Millionen-Stadt Addis Abeba gestrandet. Ein Straßenkind ohne Hoffnung, ohne Perspektive. Bis er auf die Mitarbeitenden der SOS-Kinderdörfer stieß. "Sie haben mein Leben verändert, ohne diese Hilfe wäre ich heute nicht da, wo ich bin, sondern noch immer auf der Straße", sagt Tizazu.
Kein Schlafplatz, kein Essen und Angst vor Gewalt
Und dahin möchte er auf keinen Fall zurück. „Das war die schlimmste Zeit meines Lebens“, sagt der 18-Jährige. "Ich wusste oft nicht, wo ich schlafen sollte, wie und woher ich etwas zu essen bekomme oder auch nur ein neues Paar Schuhe." Er habe vor Restaurants und Hotelküchen gebettelt, in der Hoffnung, dass die Angestellten ihm Reste zustecken. "Ich habe oft gehungert, aber ich wollte keine Abfälle von der Straße essen. Aus Angst, dass ich davon krank werde", erzählt Tizazu.
Als Schuhputzer oder mit anderen Gelegenheitsjobs habe er sich durchgeschlagen – mehr schlecht als recht. "Ich habe immer versucht, ein bisschen was zu sparen, damit ich auch die nächsten Tage überstehe", erinnert sich der junge Mann mit dem freundlichen Lächeln. Die Gesetze der Straße seien hart. "Es gab oft Streitigkeiten mit anderen Leuten, Gewalt und Schlägereien. Ich lernte schnell, mich von gefährlichen Leuten fernzuhalten, Gut und Böse zu unterscheiden. Nur so kannst du überleben."
Mehr als zwei Jahre lang habe er auf den Straßen von Addis gelebt, erzählt Tizazu. Geholfen hätten ihm sein friedlicher Charakter und Freundschaften mit anderen Straßenkindern. "Man passt aufeinander auf. Wenn einer was zum Essen hat, teilt er. Wenn einer einen Schlafplatz hat, darf sich der andere auch mal ausruhen."
Als Tizazu sich mit 14 Jahren in seinem Heimatdorf im Süden Äthiopiens in einen Bus in Richtung Hauptstadt setzte, hatte er ganz andere Vorstellungen von seiner Zukunft. Er wollte der Armut in der Region Wolayta entfliehen, sich ein besseres Leben in Addis Abeba aufbauen. " Meine Eltern waren Kleinbauern mit sehr wenig Einkommen. Nach der siebten Klasse musste ich die Schule verlassen, weil sich meine Eltern meine Ausbildung nicht mehr leisten konnten", erzählt Tizazu, der auch drei ältere Geschwister hat. Zu wenig Ertrag auf den Feldern für zu viele Köpfe.
"Ich wäre nur eine Last für meine Familie gewesen"
Wie Tizazu geht es Millionen Jugendlichen in Äthiopien. Extreme Armut und Perspektivlosigkeit zwingen sie dazu, ihre Familien zu verlassen. Manche suchen ihr Glück in den Großstädten, andere machen sich in ihrer Not auf den gefährlichen Fluchtweg in Richtung Europa, nicht wenige enden in Internierungslagern oder ertrinken im Mittelmeer.
Wie einsam und verzweifelt diese jungen Männer und Frauen sein müssen, wie sehr sie unter Druck stehen, das wird auch im Gespräch mit Tizazu deutlich. "Selbst während meiner schlimmsten Zeit auf der Straße wollte ich nicht zurück in mein Heimatdorf, auch wenn ich meine Familie noch so sehr vermisst habe", erzählt Tizazu. "Ich wäre nur eine Last für sie gewesen. Lieber kämpfte ich hier ums Überleben."
In dieser Zeit verlor Tizazu auch seine Mutter. Dass er sich damals die Busfahrkarte nach Hause nicht leisten, sich nicht von ihr verabschieden konnte, verfolgt ihn bis heute. "Ich trauere immer noch um sie", sagt er leise.
Doch dann, als er über seinen Barbershop zu erzählen beginnt und wie sehr sich sein Leben im vergangenen Jahr verändert hat, schleicht sich ein kleines Lächeln um seine Mundwinkel, seine Augen strahlen. "Meine Mutter wäre sehr glücklich", sagt Tizazu. "Das hat sie sich immer für mich gewünscht, dass ich ein eigenes Geschäft habe und selbständig bin."
Sparen für den großen Traum
Und der 18-Jährige scheint sein Business gut zu verstehen. Während unseres Interviews schauen immer wieder Kunden vorbei, die Tizazu auf später vertröstet. "Als er in unser Programm kam, war er erst 17. Sehr jung, aber sehr ambitioniert", erzählt Alemu Muneye, der bei den SOS-Kinderdörfern in Äthiopien das Hilfsprojekt für Straßenkinder in Addis koordiniert. "Er ist ein harter Arbeiter und wird sich weiterentwickeln", ist sich Tizazus Mentor sicher. "Ich bin sehr stolz auf ihn", sagt Alemu Muneye.
Nach zwei Monaten Business-Training und Praktikum in einem Frisörsalon konnte Tizazu seinen eigenen Laden eröffnen. Acht bis zehn Kunden hat er am Tag, verdient pro Schnitt etwa 70Birr (umgerechnet etwa 40 Cent). Für die Hütte zahlt er 2500 Birr Miete im Monat (etwa 14 Euro), vom restlichen Einkommen bestreitet er seinen Lebensunterhalt und spart für seinen großen Traum.
"Im Moment läuft es gut. Ich möchte mich räumlich verbessern und einen richtigen Beautysalon eröffnen, am besten im Zentrum der Stadt. Dort zahlen Kunden 200 bis 500 Birr pro Schnitt", sagt Tizazu. Die Armut hinter sich lassen und so richtig durchstarten – das hat sich der 18-Jährige zum Ziel gesetzt. "Ich glaube, dass er das schafft", sagt sein Mentor Alemu Muneye und klopft Tizazu auf die Schulter. "Er ist ein Vorbild für andere und das beste Beispiel dafür, dass unser Programm funktioniert."
Dieser Artikel erschien in der Passauer Neuen Presse während der Weihnachtsaktion "Ein Licht im Advent" zugunsten der SOS-Kinderdörfer.