"Ich lasse euch nicht im Stich"
Arsema (18) kümmerte sich schon als Kind um ihre blinde Mutter und ihre gehbehinderte Großmutter. Mit Unterstützung der SOS-Kinderdörfer möchte sie sich ihren großen Traum erfüllen und Augenärztin werden - damit ihre Mutter endlich wieder sehen kann.
An dem Tag, an dem Arsema das Licht der Welt erblickte, begann ihre Mutter Zayd ihr Augenlicht zu verlieren. "Ich habe bei Arsemas Geburt sehr viel Blut verloren. Irgendwann konnte ich nichts mehr sehen. Gott schenkte mir an diesem Tag die beste Tochter der Welt. Aber an diesem Tag begann ich auch blind zu werden", erinnert die 45-jährige Zayd sich an jenen verhängnisvollen Tag vor 19 Jahren.
"Sie hatte keine richtige Kindheit, es tut mir so leid"
Als ihr Mann, Arsemas Vater, realisierte, dass seine Frau, die Mutter seiner Tochter, erblindete und er sich in Zukunft nicht nur um sein Kind, sondern auch um seine Frau kümmern müsse, ließ er seine Familie einfach sitzen. Arsema versuchte, die Lücke, die ihr Vater riss, so früh wie möglich zu füllen. Sie kaufte ein, kochte, wusch, putzte, begleitete ihre Mutter und ihre heute 80-jährige Großmutter Meazu zu Ärzten, übernahm alles, was ihre Mama und ihre Oma nicht mehr konnten. Sie beschwerte sich nie - überfordert war sie dennoch. Auch wenn sie keine Schuld trifft, wusste Arsema schon als Kind: Gäbe es mich nicht, wäre Mama nicht blind - dieser Selbstvorwurf lastet noch immer schwer auf dem Mädchen ohne Geschwister.
"Während andere Kinder gespielt haben, hat Arsema sich um ihre blinde Mutter und ihre alte Oma gekümmert. Und in der wenigen Zeit, die ihr blieb, hat sie immer für die Schule gelernt. Sie ist so ein gutes Mädchen, aber sie hatte keine richtige Kindheit. Es tut mir alles so leid", sagt Zayd, während der Blick ihrer getrübten Augen durch die kleine Hütte irrt, die sie mit ihrer Tochter und ihrer Mutter bewohnt. Nirgendwo finden ihre weit aufgerissenen Augen Halt. Während Zayd spricht, nimmt Arsema ihre Hand und streichelt sie. Die zärtliche Geste scheint zu sagen: "Ist schon gut, Mama. Du musst kein schlechtes Gewissen haben. Du kannst nichts dafür. Ich habe das alles gerne für Dich und Oma gemach."
Oma fiel nach Verletzung als Verdienerin aus
Bis sie sich das Bein verletzte, verkaufte Arsemas Oma ein bisschen Gemüse, doch seitdem sie sich nicht mehr zum Markt schleppen kann, hatten Großmutter, Mutter und Enkelin überhaupt kein Einkommen mehr. Auch wenn die Jugendliche nie klagte: Arsema kümmerte sich zwar um ihre Mutter und ihre Großmutter, doch nebenbei als Kind und ehrgeizige Schülerin auch noch Geld für den gesamten Haushalt verdienen, das konnte sie nicht.
Als Sozialarbeiter:innen der SOS-Kinderdörfer in Äthiopien auf ihre Notlage aufmerksam wurden, erhielt die Drei-Generationen-Frauen-Familie endlich Unterstützung: mit monatlichen Zuwendungen für Essen, Schuluniform und Schulmaterialien, Hygieneartikel und Kleidung. Absolut überlebensnotwendig wurde diese Unterstützung während des Krieges, als die Lebensmittelpreise in ihrer Heimatstadt Mekelle und in ganzen Kriegsregion in Tigray explodierten und Großmutter, Mutter und Tochter oft hungrig ins Bett gehen mussten.
Unterstützung durch Psycholog:innen
Zudem hatte Arsema gehört, dass Soldaten während des Krieges und der Belagerung vor allem Mädchen und jungen Frauen auflauerten, um sie zu vergewaltigen. Dennoch musste die zu Beginn des zweijährigen Krieges 14-Jährige immer wieder das Haus verlassen und in der Stadt nach Essen und Trinkwasser suchen. "Ich hatte wahnsinnige Angst, als Soldaten mich auf der Straße anmachten, aber zum Glück ist mir nichts passiert", berichtet Arsema. Um nicht wie viele andere Kinder und Jugendliche während des Krieges in Depressionen zu verfallen, lernte Arsema von SOS-Kinderdorf-Psycholog:innen unter anderem, wie sie mit bewusster Atemtechnik gegen Panikattacken vorgehen kann.
Immer wieder sagten ihre Mutter und ihre Großmutter Arsema, sie solle das umkämpfte Mekelle alleine verlassen und sich auf dem Land in Sicherheit bringen. Immer wieder sagte Arsema: "Ich lasse Euch nicht im Stich. Ich bleibe bei Euch."
Als der Krieg vor drei Jahren endete, begann für Arsema endlich wieder regelmäßiger Unterricht. Sie nutzte jede freie Minute zum Lernen und schloss die Schule als eine der Jahrgangsbesten ab, hofft jetzt einen der extrem begehrten Medizin-Studienplätze zu ergattern. Arsema: "Ich möchte Augenärztin werden. Ich will rausfinden, ob es nicht irgendwelche neuen Behandlungsmethoden gibt, damit Mama endlich wieder sehen kann."