Hoffnung auf Rädern

Digitale Bildung für junge Menschen in Delhis Slums: Wie der IT-Lernbus der SOS‑Kinderdörfer in Indien neue Chancen eröffnet

Das erste Mal vor einem Computer – viele der Kinder und Jugendlichen sitzen davor mit einer Mischung aus Neugier, Unsicherheit und Staunen: Der Lernbus der SOS-Kinderdörfer in Indien bringt digitale Bildung direkt zu ihnen in die Slums von Delhi. Statt Müll zu sammeln, eröffnen sich nun neue Perspektiven und echte Jobchancen.

An einem drückend heißen Nachmittag rollt der knallblaue Bus durch die dicht bebauten Slums am Rand von Delhi. Pooja Gupta, Sozialarbeiterin der SOS-Kinderdörfer, steigt aus – ihr Ziel: "Jeden Tag einen Ort mehr anzufahren, um die zu erreichen, die sonst niemand erreicht."

Der digitale Lernbus der SOS-Kinderdörfer fährt in die Slums von Delhi.
Rollendes Klassenzimmer mit Computer-Lab: Der Lernbus der SOS-Kinderdörfer bringt digitale Bildung zu Kindern und Jugendlichen in Slums und abgelegene Orte - Foto: Christine Kehrer

Die Lebensbedingungen der Familien vor Ort sind prekär. Kinder und Erwachsene sind häufig gezwungen, mit Müllsammeln Geld zu verdienen, oder sie müssen betteln, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Viele Kinder sind mangelernährt, und Bildungschancen sind für viele kaum erreichbar.

"Kinder und ihre Eltern leben hier ohne festes Dach, kochen auf der Straße und es fehlt am Nötigsten. Krankheiten sind weit verbreitet, Hygiene kaum vorhanden", berichtet Pooja Gupta. Wer hier aufwächst, muss oft früh Verantwortung übernehmen. Wie Neha*, 13 Jahre alt, die ihre kranken Eltern unterstützt: Sie muss arbeiten, weil das Geld hinten und vorne nicht reicht.

"Oft fehlt es sogar an Essen und Trinken. Die Medikamente für meine Eltern sind teuer. Mein Bruder arbeitet, und ich versuche, so wenig wie möglich zu verbrauchen – manchmal gehe ich nicht einmal auf die Toilette."

Neha (13)
Kinder und Jugendliche haben sich einer Reihe angestellt und steigen in den Digitalen Lernbus der SOS-Kinderdörfer ein.
Bitte einsteigen! Für die Kinder und Jugendlichen öffnet der Lernbus die Tür zu einer neuen, digitalen Welt und zu besseren Zukunftschancen - Foto: Christine Kehrer

Digitale Bildung verändert Leben

Doch an diesem Tag ist für Neha und viele andere Kinder und Jugendliche alles anders. Der Bus verwandelt sich in ein rollendes Klassenzimmer mit Computer-Lab, ausgestattet mit 16 Rechnern. Die IT-Trainer:innen bringen viel Geduld und Zeit für Fragen mit. "Ich freue mich sehr, mit diesen Kindern zu arbeiten, sie zu motivieren und ihnen Computerkurse zu geben", sagt IT-Trainer Manjeet Gupta.

IT-Trainer Manjeet Gupta vermittelt Kindern und Jugendlichen digitales Wissen
IT-Trainer Manjeet Gupta vermittelt den Kindern und Jugendlichen digitales Wissen - Foto: Christine Kehrer

Die Kinder, die zum Digitalen Lernbus kommen, sind Schulabbrecher:innen und hatten bisher keinen Zugang zu digitalen Medien – so erreicht das Programm gezielt besonders benachteiligte Kinder.

"Als ich den Bus sah, war ich sehr froh, es hat sich angefühlt, als wäre ich in der Schule gewesen."

Amin (10)

"Uns wurden viele Dinge beigebracht – wir lernten das System, die Maus und wie man die Tasten benutzt. Stück für Stück konnte ich alles bedienen."

Neha (13)

"Viele Kinder haben noch nie eine Maus gesehen. Beim ersten Klick erscheint dann dieses Lächeln – es ist meine größte Motivation", erzählt Pooja Gupta.

Berufliche Perspektiven und Selbstvertrauen

Das Programm vermittelt nicht nur digitale Grundkenntnisse, sondern eröffnet Zukunftschancen. In drei- bis viermonatigen Kursen werden die Jugendlichen praxisnah ausgebildet und anschließend bei der Arbeitssuche unterstützt. Dabei arbeiten die SOS-Kinderdörfer eng mit Partnerorganisationen zusammen, die den Kursabsolvent:innen gezielt Jobs vermitteln. Das Ergebnis ist beeindruckend, wie Hemant Kumar Das, Programmleiter der SOS-Kinderdörfer in Indien, betont: "Nahezu 90 bis 100 Prozent finden eine Beschäftigung, was sehr ermutigend ist."

Für viele Mädchen und junge Frauen ist das Training eine völlig neue Erfahrung. So lernen sie auch, selbstbewusst aufzutreten. Denn in Indien ist es gerade für sozial benachteiligte Mädchen keineswegs selbstverständlich, ihre Meinung zu äußern oder sich Gehör zu verschaffen – sei es in der Schule, zu Hause oder im Alltag.

"Uns wurde hier sehr gut Selbstvertrauen vermittelt. Wir haben gelernt, selbst in unserem Alter überall zu sprechen, überall hinzugehen und sich allem zu stellen. So wurde uns ein bestimmtes Auftreten beigebracht – wie man handelt und wie man sein Leben selbst gestaltet."

Tusi (15)
Pooja Gupta, Sozialarbeiterin der SOS-Kinderdörfer, vor dem Digitalen Lernbus der SOS-Kinderdörfer
Pooja Gupta, Sozialarbeiterin der SOS-Kinderdörfer, vor dem Digitalen Lernbus der SOS-Kinderdörfer - Foto: Christine Kehrer

Hürden – und wie sie überwunden werden

Zunächst ist Skepsis spürbar. "Anfangs fehlt die Unterstützung der Eltern, da sie sich der Bedeutung digitaler Tools nicht bewusst sind. Sie glauben, dass digitale Tools ihre Kinder verderben könnten. Auch von den Gemeindevorstehenden erfahren wir diese Ablehnung, da sie den Nutzen dieser Bus-Sessions nicht erkennen", berichtet Pooja Gupta. Doch mit Vertrauen, Kontinuität und sichtbaren Erfolgen ändert sich das – viele Familien erkennen, wie sehr digitale Fähigkeiten ihren Alltag erleichtern können, z. B. beim Ausfüllen von Formularen oder dem Bezahlen von Rechnungen.

Mehr als IT-Kenntnisse: Ein Versprechen auf Zukunft

Jahr für Jahr profitieren bis zu 800 Kinder und ihre Familien von diesem mobilen Lernzentrum – dort, wo digitale Bildung sonst unerreichbar scheint. Die Kinder nennen den Digitalen Lernbus "Umeed on Wheels" – Hoffnung auf Rädern. Das Wort "Umeed" stammt aus dem Urdu und steht für Hoffnung, Optimismus und die Überzeugung, dass Wandel möglich ist. "Es geht nicht nur um Technologie", sagt Sozialarbeiterin Pooja Gupta, "sondern um ein Versprechen, und die Motivation für eine bessere Zukunft des Kindes."

* Namen der Kinder und Jugendlichen geändert


 

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