"Unsere Bindung ist für immer!"

Eine SOS-Kinderdorfmutter und ihre erwachsene Tochter sprechen über ihre enge Bindung

Natasha Gjorgievska ist seit 2004 SOS-Kinderdorfmutter im SOS-Kinderdorf Skopje in Nordmazedonien und hat bereits 16 Kinder großgezogen. Cece Nikolova kam damals mit sechs Jahren als erstes Kind zu ihr. Heute ist sie 23 Jahre alt und arbeitet als Journalistin. Ein Gespräch über Vertrauen, Mut und Schönheit.

SOS-Kinderdörfer: Cece und Natasha, was braucht ein Kind, um vertrauen zu können?

Cece: Mama hat mir von Anfang an das Gefühl gegeben, das ich ihr wichtig bin, sie hat sich gesorgt und um mich gekümmert. Das war der Schlüssel.

Natasha: Wenn Kinder klein sind, sind ihre Bedürfnisse überschaubar: Essen, Kleidung, ein warmes Zuhause und das Gefühl, sicher und geliebt zu werden. Wenn ich als diese Grundbedürfnisse erfülle, kommt auch das Vertrauen.

Damit Cece trotz ihrer Krankheit weiter tanzen konnte, unterstützte Natasha sie von Anfang an. 

Cece: Das war von Anfang an unsere Basis und hat sich nie geändert. Es hat mir auch in schweren Zeiten geholfen: Ich leide seit meiner Kindheit an Alopezie, starkem Haarausfall. Meine Mutter ließ nichts unversucht, um mir zu helfen.

Natasha: Wir probierten alles Mögliche aus, nichts half. Cece ertrug es mit Anmut und Würde. Sie liebte es zu tanzen und ich tat alles dafür, Mützen oder Tücher zu finden, die zu ihren Tanzoutfits passten und sie so zu befestigen, dass sie auch im wilden Tanz nicht herunterfielen.

Cece: Ich war Mama sehr dankbar.

SOS-Kinderdörfer: Viele Kinder, die ins SOS-Kinderdorf kommen, haben schwierige Zeiten hinter sich, manche sind deshalb wütend, aggressiv oder ziehen sich zurück. Wie gehen Sie damit um?

Natasha: Wenn ein Kind aggressiv reagiert, bedeutet dies nicht, dass das Kind schlecht ist. Es braucht Vertrauen und Führung durch eine verlässliche Bezugsperson. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Kinder zu ermutigen, mit ihnen ihre Interessen zu entdecken, ihre Erfolge zu feiern. Ich bin ihr größter Cheerleader. Und ich rede mit ihnen über alles, erkläre, höre zu. Ich bin auch Mentor für neue SOS-Kinderdorfmütter und -väter im Dorf. Ich sage ihnen immer: Wenn es Probleme gib, halte inne und frage dich, was dahintersteckt.

SOS-Kinderdörfer: Gibt es etwas, das das Vertrauen erschüttern kann?

Natasha war für Cece da, als sie schon alleine wohnte und es ihr nicht gut ging. Dieses Vertrauen verbindet sie für immer. Foto: Katerina Ilievska

Cece: Es ist immer am einfachsten, mit der Person, der man am nächsten steht, zu streiten, weil man genau weiß, dass die Verbindung alles aushält. Aber das gehört zu einer Familie dazu, nicht wahr? Unsere Bindung ist für immer.

Natasha: Ich kann mir keine Situation vorstellen, durch die ich das Vertrauen in meine Kinder verlieren würde. Ich kann es einfach nicht.

Cece: Ich bin jetzt mal ehrlich. Ende 2019, nur wenige Tage vor Neujahr, hatte ich einen Nervenzusammenbruch. An diesem Abend schrieb ich eine SMS an Mama.

Natasha: Sie hat sich verabschiedet.

Cece: Mama ist sofort gekommen.

Natasha: Ich eilte zu ihrer Wohnung, packte ein paar Sachen und nahm sie mit nach Hause. In ihrem verletzlichsten Moment erlaubte sie mir, sie zu führen. Geplant war, dass ich mit den Kindern einen dreitägigen Winterurlaub verbringen sollte. Also sprach ich mit dem Dorfleiter und wir beschlossen, dass ich Cece mitnehmen würde. Cece und ich unterhielten uns bis spät in die Nacht, und am nächsten Morgen um 8 Uhr fuhren wir zusammen mit den anderen los.

Cece: Der Urlaub war mir egal. Ich wollte nur bei meiner Mutter sein.

Natasha: Ceces Vertrauen war überwältigend. Ich war sehr froh, als es ihr wieder besser ging.

SOS-Kinderdörfer: Gab es auch Momente, in denen die Kinder für Sie da waren?

Natasha: Sehr oft und besonders, als innerhalb von 40 Tagen meine Mutter und mein Bruder starben. Meine Kinder halfen mir über meinen Kummer hinweg.

Cece: Mamas Mutter war unsere Oma Mare. Ihr Bruder war unser Onkel Borche. Ihr Verlust war auch unserer und der einzige Weg durch die Trauer war es, zusammen zu sein. Mal haben wir eine Tasse Tee für Mama gemacht, mal haben wir sie in den Arm genommen.

SOS-Kinderdörfer: Cece, die Alopezie ist ein Teil Deines Lebens. Vor kurzem hast du einen mutigen Schritt unternommen. Magst du davon erzählen?

Cece zeigt sich inzwischen auch ohne Perücke. Foto: Katerina Ilievska

Cece: Seit ich klein bin, trage ich eine Perücke und hatte schon lange darüber nachgedacht, mich ohne sie zu zeigen – so, wie ich bin. Eines Morgens schaute ich in den Spiegel und dachte: "Worauf wartest du noch?" Ich rief zwei Freundinnen an und wir machten Fotos, die ich anschließend in den sozialen Medien teilte. Die Reaktionen waren überwältigend. Viele Menschen waren berührt, sprachen mir Anerkennung aus!

Ich habe nicht vor, nun immer ohne Perücke herumzulaufen. Heute zum Beispiel trage ich auch eine, um die Kinder, die jetzt im Haus meiner Mutter leben und mich nur mit Haaren kennen, nicht zu erschrecken. Trotzdem war die Aktion unglaublich befreiend und ich hoffe, damit auch anderen zu helfen, sich zu akzeptieren, wie sie sind.

SOS-Kinderdörfer: Natasha, wie ging es Ihnen mit Ceces Aktion?

Natasha: Ich dachte an unsere 17 gemeinsamen Jahre zurück. Und ich erinnerte mich daran, wie ich sie badete, als sie klein war. Oft konnte ich sehen, wie die wenigen Haarsträhnen, die neu gewachsen waren und über die sie sich so freute, beim Baden ausfielen. Es war nicht nur das Badewasser, das anschließend im Abfluss landete, sondern auch viele Tränen, die ich um mein Mädchen weinte.

Ich bin beeindruckt von Ceces Mut. Und ich finde, dass ihre Schönheit ohne Perücke noch stärker herauskommt: Ihre Augen lächeln, ihr Lächeln tanzt, ihr Gesicht leuchtet! Das ist mein Mädchen, das ich für immer lieben werde.

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