Trotz Angst und Erschöpfung halten die Menschen durch
Auch 2026 werden die SOS-Kinderdörfer Kindern und kriegsbetroffenen Familien in der Ukraine mit vielen Programmen helfen. Ein Interview über Erschöpfung, Zukunftspläne und Zuversicht mit Serhii Lukashov, Leiter der SOS-Kinderdörfer Ukraine.
Seit vier Jahren lebt die ukrainische Bevölkerung in permanenter Angst. Wie geht es den Menschen?
Sie sind verzweifelt und traumatisiert, was unsere Arbeit zunehmend schwierig macht. Es können jederzeit und überall Menschen verletzt und getötet werden. Die Angst treibt natürlich auch unsere Mitarbeitenden um und auch sie sind erschöpft. Doch ihr Mitgefühl mit den vielen notleidenden Familien ist größer als ihre Angst, das bewundere ich sehr. Wenn Sie sich allein nur vorstellen, dass in Charkiw und Cherson tägliche Bombardements zu ihrem Arbeitsalltag gehören!
Wie genau helfen Sie?
Wir stehen weiterhin den Menschen in den Frontregionen und den vielen geflüchteten Familien bei, die sich jetzt in der Zentral- und Westukraine ein neues Leben aufbauen müssen. Wir unterstützen sie materiell und mit psychosozialer Hilfe, wir stehen ihnen zur Seite, bieten Freundschaft. Die Nachfrage wächst, aber unsere Ressourcen sind begrenzt, leider.
Ein Projekt, das 2026 richtig Fahrt aufnehmen wird, sind die »Children’s Living Places«.
Ja, bis 2027 errichten wir an drei Standorten neuen, sicheren Wohnraum für Pflegefamilien. Zu einem »Children’s Living Place« gehören mehrere Wohnhäuser und ein Sozialzentrum. Der erste »Children’s Living Place« in Lviv, nahe der polnischen Grenze, wird voraussichtlich noch in diesem Jahr bezugsfertig sein. Das Projekt zahlt auf eines unserer Hauptziele ein: Kinder, die die elterliche Betreuung verloren haben oder Waisen sind, sollen nicht mehr in anonymen Kinderheimen untergebracht werden, was vielerorts immer noch gängige Praxis ist. Alle Kinder haben das Recht, in einem familiären Umfeld aufzuwachsen. Deshalb bleibt die Unterstützung von Pflegefamilien für uns ein zentrales Thema.
Zudem schaffen Sie Schutzräume und Freizeitangebote für kriegsbetroffene Kinder. Können sich die Kinder überhaupt auf diese Verschnaufpause einlassen?
Die Kinder, mit denen wir arbeiten, überraschen mich immer wieder. Obwohl sie soviel Schlimmes erlebt haben, spielen und lernen sie, sobald sich die kleinste Möglichkeit dazu bietet. Das gibt mir und meinen Mitarbeitenden Kraft zum Weitermachen!