"Alles, was ich brauche"
Geborgenheit wirkt über Generationen – eine Erfolgsgeschichte aus den SOS-Kinderdörfern in Marokko
Hicham und Meriem Jabbar kennen sich, seit sie denken können. Heute sind sie verheiratet und liebevolle Eltern einer kleinen Tochter. Beide verbindet eine besondere Geschichte: Sie sind im SOS-Kinderdorf Ait Ourir in Marokko aufgewachsen und fanden dort eine neue Familie.
Ausgesetzt am Straßenrand
Meriem und Hicham waren beide Säuglinge, als sie im SOS-Kinderdorf aufgenommen wurden. Hicham wurde als Baby – mit drei, vier Monaten – am Straßenrand ausgesetzt. Wie man ihm später erzählte, war sein Zustand lebensbedrohlich. "Es ging um Leben und Tod. Ich war krank und es fehlte mir an Wärme und Zuneigung", berichtet er heute. "Die Leute sagten: ‚Legen Sie ihn einfach zurück, das Baby wird sterben. Lassen Sie es. Das Baby wird auch im Krankenhaus sterben."
Doch der damalige Dorfleiter brachte den Jungen ins SOS-Kinderdorf Ait Ourir. "Als ich ankam, kam ich zu meiner Kinderdorfmutter Najat. Sie hat sich wie um ihr eigenes Kind um mich gekümmert. Ich habe diese schwierige Phase überwunden und bin gesund geworden."
Eine neue Familie
Auch Meriem kam mit wenigen Monaten ins SOS-Kinderdorf. Ihre Eltern waren nicht in der Lage, sich um ihre kleine Tochter zu kümmern und so wurde sie auf Anraten des Jugendamtes in einer SOS-Kinderdorf-Familie aufgenommen. "Ich wuchs mit den anderen Kindern auf. Ich sah sie als meine Geschwister an, genauso wie man das bei echten Geschwistern empfindet", erzählt sie. "Ich nannte unseren Dorfleiter 'Papa'. Wir sahen uns als ganz normale Familie."
Als Meriem älter war, fragte ein Pädagoge des SOS-Kinderdorfs sie, ob sie Kontakt zu ihren leiblichen Eltern aufnehmen wolle. Doch Meriem entschied sich dagegen: "Für mich ist die Mutter, die mich großgezogen hat, alles, was ich brauche."
Fundierte Ausbildung
Im SOS-Kinderdorf fanden Meriem und Hicham eine neue Familie, in der sie Geborgenheit erfuhren, ihre Begabungen entfalten konnten und gefördert wurden.
Beide konnten so eine fundierte Ausbildung absolvieren: Hicham entdeckte schon früh sein handwerkliches Talent. Im SOS-Kinderdorf sah er gerne dem Leiter der Haustechnik über die Schulter. Heute arbeitet er als Anlagentechniker und ist für die Instandhaltung von Ferienanlagen nahe Marrakesch verantwortlich. Die Vielseitigkeit seines Berufs – von Tischlerei bis zur Instandsetzung einer Solaranlage – schätzt er besonders: "Ich habe meinen Traumberuf gefunden", sagt Hicham.
Meriem entschied sich für ein Studium im Bereich Personalmanagement und absolvierte einen Masterabschluss. Ihre Abschlussarbeit hat sie zum Thema "Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben" geschrieben. Heute arbeitet die junge Mutter in Marrakesch im Personalmanagement.
In ihrer Freizeit engagiert sie sich ehrenamtlich als Mentorin im SOS-Kinderdorf. Sie unterstützt Jugendliche, die nach dem Schulabschluss Orientierung suchen, und hilft bei der Jobsuche. "So wie wir profitiert haben, können auch andere profitieren." Meriem will etwas zurückgeben – durch ihr Engagement als Mentorin kann sie wichtige Unterstützung bieten, gerade in Marokko, wo fast vier von zehn jungen Menschen arbeitslos sind.
Bindungen fürs Leben
Meriem und Hicham fühlen sich auch heute noch als Teil einer großen Familie. Regelmäßig schauen sie im Kinderdorf vorbei, kommen zu Veranstaltungen und an Feiertagen - und ihre Tochter ist dann dabei.
"Jetzt bin ich selbst Mutter und fühle mich diesen Kindern sehr verbunden. Das ist ein wunderbares Gefühl", sagt Meriem.
Hicham trifft bei seinen Besuchen im SOS-Kinderdorf einen väterlichen Freund: den Dorfleiter Abouali Abdelmounaim. Der sagt: "Ich habe alle Phasen seiner Schul- und Ausbildung mit ihm durchlebt. Ich habe eine besondere Bindung zu ihm."
Ein sicheres Zuhause für ihre Tochter
Meriem und Hicham sind heute verheiratet und haben eine Tochter, die sie liebevoll umsorgen. Die gemeinsame Familienzeit ist ihnen besonders wichtig. Sie genießen die gemeinsamen Mahlzeiten und Gespräche mit ihrer Tochter, fördern ihre Talente und unterstützen ihren sportlichen Ehrgeiz.
Heute lebt die Familie in einer familienfreundlichen Wohnanlage. Weil Meriem und Hicham beide berufstätig sind und gute Jobs haben, konnten sie sich dort ihre eigene kleine Wohnung leisten. "Wir haben uns hier gut eingelebt", sagt Meriem.
Im Kreis ihrer kleinen Familie, wächst die Tochter von Hicham und Meriem in Geborgenheit und Liebe auf. Sie erlebt, was es bedeutet, füreinander da zu sein, Talente zu fördern und Träume zu verwirklichen – und damit schließt sich der Kreis einer Geschichte, die im SOS-Kinderdorf begann und mit Hoffnung in die nächste Generation weitergetragen wird.