Warten auf Morgen

"Unser gesamtes Leben wurde in fünf Lkw-Ladungen auf eine Mülldeponie gekippt", sagt Ganna. Sie und ihr kleiner Sohn Vanya wohnten im Norden der Ukraine und überlebten den Raketenangriff auf ihr Haus nur knapp. Noch Jahre später kämpfen sie täglich um Sicherheit und Normalität.

"Alles ist weg", sagt Ganna* und zeigt ein Video, das ein lokaler Sender nach dem Raketenangriff über sie gedreht hat. "Das gesamte Dach ist weg. Nur ein Zimmer ist nicht abgebrannt. Es waren fünf Lkw-Ladungen nötig, um die Trümmer wegzuschaffen."

Das Video zeigt eine verbrannte Nähmaschine. Ganna hält es an. "Die Nähmaschine meiner Großmutter. Als Kind durfte ich sie nicht anfassen", sagt sie mit einem traurigen Lächeln und fügt dann mit leiser Stimme hinzu: "Und jetzt ist sie weg."

Kein Ort zum Leben

Die Familie bezog die Wohnung eines Freundes, in der Hoffnung, wieder etwas Normalität in ihr Leben bringen zu können. Anfang 2022 erhielt Ganna eine Stelle als Lehrerin, bei der sie online arbeiten konnte, weil die Schule fast zur gleichen Zeit zerstört wurde wie ihr Haus. So war auch ihr Sohn Vanya* tagsüber versorgt.

Ganna und Vanja bei einem Eltern-Kind-Nachmittag der SOS-Kinderdörfer. Foto: Katerina Ilievska

Vanya verstummt

"Wir meldeten Vanya im Kindergarten an. Er war gerade drei Jahre alt geworden. Vor dem Krieg sprach er kurze Sätze. Im Kindergarten hörte er auf zu sprechen", erzählt Ganna. "Zuerst dachte ich, es läge an der neuen Umgebung. Vorher war er immer nur bei mir gewesen. Ein Arzt meinte, es könnte der Stress sein, weil wir während der Angriffe immer wieder in den Keller flüchten mussten."

Im Mai 2025 wurde bei Vanya Autismus diagnostiziert. Etwa zur gleichen Zeit trennten sich Ganna und ihr Mann und er verließ die Familie. Ganna wurde Teil des Familienstärkungsprogramms der SOS-Kinderdörfer. "Es war eine sehr schwierige Zeit", seufzt Ganna. "Ich bin den Menschen von den SOS-Kinderdörfern dankbar, dass sie zu mir gehalten haben."

"Ich bin dankbar, dass die SOS-Kinderdörfer zu mir gehalten haben."

Ganna, alleinerziehende Mutter, Teilnehmerin am Familienstärkungsprogramm der SOS-Kinderdörfer, Ukraine

Zusätzlich zu medizinischen Untersuchungen bot die Organisation Vanya individuelle psychologische Hilfe an. Der Junge besucht außerdem einen Logopäden und einen Sozialpädagogen. "Mein Vanya hat bei den SOS-Kinderdörfern lesen gelernt", sagt Ganna. "Die Hilfe ist ganzheitlich, sie verstehen, was Familien wie unsere brauchen."

Eine Ausbildung zur Näherin

Ganna konnte nicht wieder in ihrem alten Job arbeiten: Nachdem die Schule neu aufgebaut war, fanden alle Stunden wieder ausschließlich in Präsenz statt. Deshalb machte sie eine Ausbildung zur Näherin: "Nähen war mein Hobby in meiner Kindheit, meine Großmutter hat es mir beigebracht. Jetzt ist es eine Einnahmequelle."

Sozialarbeiterin Khrystyna ergänzt: "Für Vanyas Entwicklung ist es besser, dass seine Mutter flexible Arbeitszeiten hat, damit sie ihn zu den Kursen bringen und auch Zeit mit ihm zu Hause verbringen kann. Wir sehen große Fortschritte."

Im Familienstärkungsprogrammen kümmern sich Sozialarbeiterinnen und Psycholiginnen um Vanya. Foto: Katerina Ilievska

Heute hat Vanya keine Angst mehr vor Menschen. "Früher hat er niemandem in die Augen gesehen. Jetzt sagt er Hallo und spricht mit Menschen. Das motiviert mich, mein kleines Heimgeschäft weiter auszubauen." Ganna näht Kleidung auf Bestellung und stellt Wintermützen her, die sie online verkauft.

Der Alltag der Familie ist weiterhin geprägt von Bomben- und Raketenangriffen: "Die Luftangriffe sind für Vanya das Schlimmste: Er ist tagsüber müde, wir müssen nachts sehr oft in den Keller. Dort hat er Angst und schläft kaum. Ich musste sogar seinen Kindergarten wechseln, weil der alte kein Licht im Keller hatte."

Manchmal müssen auch die Aktivitäten der SOS-Kinderdörfer im Keller stattfinden. "Aber die Mitarbeiterinnen der SOS-Kinderdörfer können ihn immer beruhigen. Ihm geht es dort gut", sagt Ganna.

"Was wir brauchen, ist Frieden. Dann haben wir alles."

Ganna, alleinerziehende Mutter, Teilnehmerin am Familienstärkungsprogramm der SOS-Kinderdörfer, Ukraine

Ganna allerdings hat noch viel zu verarbeiten: "Im Jahr 2022 begann ich viel zu weinen. Ich weinte um mein Leben. Ich weinte um meine Zukunft. Ich weinte um den Verlust meines Zuhauses. Ich weinte um das, was mit Vanya geschah. Jeder Stress oder jede Infektion kann für meinen Vanya einen Rückschritt bedeuten. Wenn er im Kindergarten ist, fürchte ich um sein Leben, um seine Sicherheit, um seine Gesundheit. Wie es mir geht? Nun, ich lebe."

Bald ist Morgen

Gannas Blick richtet sich auf ihren Sohn. Vanya fährt mit seinen Spielzeugautos auf dem Boden. Ohne aufzublicken, sagt er: "Du bist eine erstaunliche Mama." Ganna lächelt endlich.

"Ohne Vanya hätte ich keine Kraft. Wenn wir uns nachts im Flur umarmen, während die Stadt bombardiert wird, drückt Vanya seinen Kopf an meine Brust und flüstert: ‚Bald ist es Morgen.‘ Ich warte auf den Morgen, auf diesen Morgen für Vanya."


*Namen geändert