"Kinderleben sind von Gewalt und Tod geprägt."
Seit Beginn des Kriegs war Monika Kleck in Kontakt mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen in der Ukraine. Im Interview spricht die Psychologin und Fachreferentin für mentale Gesundheit darüber, welche Auswirkungen der Krieg auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen in den besetzten Gebieten hat, und wie die SOS-Kinderdörfer helfen.

Frau Kleck, wie geht es Kindern und Jugendlichen in den besetzten Gebieten?
Schlecht! Sie leben in der Nähe der Front. Wir müssen also davon ausgehen, dass ihr Leben seit mindestens vier Jahren, teilweise aber auch schon seit 2014, von Krieg und Tod geprägt ist. Viele von ihnen haben in den letzten Jahren Elternteile, Familienmitglieder oder Freunde verloren und selbst Beschuss und Gewalt erfahren. Vermutlich sind sie überwiegend schwer traumatisiert. Hinzu kommt, dass in den besetzten Gebieten hohe Arbeitslosigkeit und bittere Armut herrscht. Besonders hart ist die Situation für Kinder, die dort in nicht assimilierten proukrainischen Familien aufwachsen.
Warum?
Über proukrainischen Familien schwebt das Damoklesschwert, dass die Kinder den Eltern gewaltsam entzogen werden. Russland hat ukrainische Kinder verschleppt, um sie zu brainwashen. Man versucht, einen Keil zwischen die Kinder und ihre Eltern zu treiben, die Jungs und Mädchen fühlen sich oft hin- und hergerissen. Das ist gerade für Kinder emotional sehr anstrengend.
Wie kann das Kinderrechtsnetzwerk helfen?
Wenn Angehörige von verschleppten Kindern und Jugendlichen sich an das Netzwerk wenden, versuchen die Mitarbeiter:innen trotz aller Schwierigkeiten und Gefahren über Kontaktpersonen, die in Russland meist der Opposition angehören, die Kinder ausfindig zu machen und mit ihren Familien wiederzuvereinen. Die Arbeit dieser Helfer:innen in Russland ist extrem gefährlich. Um sie nicht weiter zu gefährden und um künftige Aktionen nicht noch schwieriger zu machen, können keine Details dieser komplizierten und riskanten Operationen preisgegeben werden.
Wie hilft das Kinderrechtsnetzwerk Kindern und ihren Familien, die aus den besetzten Gebieten fliehen wollen?
Auch die Flucht aus den besetzten Gebieten ist nicht einfach und muss gründlich und zugleich heimlich vorbereitet werden. Man kann nicht einfach von den besetzten Gebieten in die Ukraine einreisen. Oft führt die komplizierte Flucht über Russland, Weißrussland und Polen in die westliche Ukraine. Helferinnen und Helfer begleiten die Kinder und Familien oder unterstützen sie an kritischen Stationen wie Grenzübergängen. Sobald sie in der nicht besetzten Ukraine angekommen sind, helfen sie den oft nur mit einem kleinen Rucksack Geflohenen bei der Integration durch die Anmeldung an Schulen, der Beschaffung von Schulmaterialien und Kleidung und medizinische Versorgung. Pädagog:innen, Psycholog:innen und Therapeut:innen der SOS-Kinderdörfer helfen ihnen in Sozialzentren mit psychosozialen Angeboten, solange die Kinder und ihre Familien diese benötigen.
Haben die Ukrainer:innen Angst vor russifizierten Kindern?
Nein, sie haben keine Angst, sich mit indoktrinierten Kindern Feinde ins Land zu holen. Sie wollen ihre verschleppten Kinder zurück und geben sie nicht auf.