10. Januar 2020 | PRESSEMITTEILUNG

"Viele Hilfsaktionen sind grandios gescheitert"

Interview mit Wilfried Vyslozil, Vorstandsvorsitzender der SOS-Kinderdörfer weltweit

Über 300.000 Tote, Hunderttausende Verletzte, fast zwei Millionen Obdachlose – das war die traurige Bilanz des schweren Erdbebens am 12. Januar 2010. Aber auch Hilfe in Rekordhöhe: Rund 13 Milliarden Dollar an Hilfsgeldern wurden nach dem Erdbeben versprochen. Ein Gespräch mit Wilfried Vyslozil, Vorstandsvorsitzender der SOS-Kinderdörfer weltweit, über nachhaltige Hilfe in einem gescheiterten Staat.

Gemessen an den Hilfsgeldern in Milliardenhöhe müsste Haiti doch auf dem besten Weg ist, die bittere Armut zu überwinden?

Vyslozil: Leider ist das Gegenteil der Fall. Den Haitianern geht es heute mehrheitlich schlechter als vor dem Erdbeben. Seit Monaten wird das Land von Unruhen erschüttert. Die Menschen gehen zu Zehntausenden protestierend auf die Straßen, Barrikaden werden gebaut, täglich kommt es zu Schießereien zwischen bewaffneten Banden und Sicherheitskräften. Schulen und Universitäten sind geschlossen, das Wirtschaftsleben steht still. Es gibt kaum Trinkwasser und Benzin, nur wenig Lebensmittel und selten Elektrizität.

Man muss allerdings wissen, dass von den versprochenen staatlichen Milliarden-Hilfen nicht einmal die Hälfte ausgezahlt wurde. Und von dem Geld, das ankam, verschwand einiges in dunklen Kanälen. Korruption ist in Haiti weit verbreitet. Auch das war ein Auslöser für die momentanen Unruhen.

Was ist schiefgelaufen?

Es war im Grunde alles da: Geld, technische Mittel, Personal, der politische Wille, Dringlichkeit. Über 10.000 verschiedene Hilfsorganisationen waren nach dem Erdbeben in Haiti. Von winzig kleinen bis zu den großen. Manche verteilten Bibeln mit einem 10-Dollar-Schein darin. Andere bauten Hühnerställe. Vor allem die vielen kleinen Organisationen agierten völlig unkoordiniert. Und oftmals völlig am Bedarf vorbei. So sind viele Hilfsaktionen grandios gescheitert. Immerhin haben die großen Organisationen im Rahmen der Nothilfe erstmals gut koordiniert über UN OCHA, das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten, im Cluster gearbeitet.

Leider hat man die Haitianer viel zu selten einbezogen. So wurde aus der ersten Nothilfe kein nachhaltiger Aufbau. Anstatt mit den Betroffenen Hilfe zu planen, beispielsweise mit Starthilfen zur Selbstversorgung, wurden Hilfsprojekte ohne die Haitianer gemacht und gingen dadurch an Land und Leuten vorbei.

Woran machen Sie das fest?

Es gab teilweise bizarre Fehlplanungen. Mit mehreren hundert Millionen Dollar wurde beispielsweise im Norden des Landes ein Industriepark gebaut, ein koreanischer Konzern hatte versprochen, dort 20.000 Arbeitsplätze für Näherinnen zu schaffen. Es waren nie mehr als ein Viertel dieser Zahl und auch davon wurde schon wieder ein Teil abgezogen, weil es sich anderswo noch billiger produzieren lässt.

Ein anderes Beispiel: Für die Obdachlosen wurden Unterkünfte aus Sperrholzplatten und Wellblech weit außerhalb von Port-au-Prince errichtet. Doch dort gibt es weit und breit keine Erwerbsmöglichkeit. Die Siedlung zählt heute 200.000 Einwohner und ist aufgrund der Armut und der Ausweglosigkeit zu einem der gefährlichsten Slums Haitis heruntergekommen. Und überall in Port-au-Prince stehen seit dem Erdbeben Bauzäune, hinter denen sich bis heute nichts getan hat.

Auch die SOS-Kinderdörfer haben nach der Katastrophe versucht, die Not zu lindern und beim Wiederaufbau zu helfen – ebenfalls ohne Erfolg?

Wir haben unmittelbar nach der Katastrophe in den zerstörten Wohngegenden rund um unser Kinderdorf 117 Lebensmittelverteilstellen eingerichtet und darüber fast 24.000 Kinder und Erwachsene ein halbes Jahr lang versorgt. Nach der Ersthilfe muss aber langfristige Hilfe zur Selbsthilfe entstehen: Viele dieser Verteilstellen wurden inzwischen in dauerhafte Gemeindezentren für Kinder und arme Familien umgewandelt. Dort werden vor allem alleinerziehende Frauen und extrem arme Familien befähigt, selbst ein kleines Geschäft aufzuziehen und so für Einkommen zu sorgen. Außerdem haben wir sieben Schulen gebaut oder wiederaufgebaut, um Kindern Bildung zu ermöglichen.

Was unterschied die Hilfe der SOS-Kinderdörfer in Haiti von der Arbeit anderer Organisationen?

Unsere Organisationsform: für die SOS-Kinderdörfer in Haiti arbeiten fast ausschließlich Haitianer. Und wir waren bereits vor dem Erdbeben vor Ort. Die Kollegen kennen sich mit den Gegebenheiten aus und wissen besser als wir aus Europa, wie man ihre Landsleute unterstützt. Hilfsprogramme werden so nicht übergestülpt, sondern gemeinsam entwickelt. Zugegeben: Dieser Weg dauert länger, ist aber der einzige, der langfristig funktioniert.

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