28. Juli 2022 | PRESSEMITTEILUNG

Vergessene Krise in Kolumbien: Die größte Armut seit 20 Jahren

Bogotá - In Kolumbien spitzen sich soziale Ungleichheit und brodelnde politische Konflikte auch in Folge der Corona-Pandemie immer weiter zu. Das geben die SOS-Kinderdörfer bekannt. Eine weitere Herausforderung sei es, den Schutz und die Versorgung für die zahlreichen Geflüchteten aus Venezuela sicherzustellen.

"Wir erleben aktuell eine Armut, wie wir sie seit 20 Jahren nicht gesehen haben", sagt Cristina Urdaneta, Personalvorständin der SOS-Kinderdörfer in Kolumbien. Zur Eindämmung der Pandemie hatte die Regierung einen der härtesten Lockdowns weltweit verhängt. In der Folge seien Jobs weggefallen und Versorgungsketten zusammengebrochen. Besonders groß sei die Not in der ohnehin marginalisierten indigenen und afro-kolumbianischen Bevölkerung. Dort hätten in einigen Gemeinden mehr als 70 Prozent der Menschen keinen gesicherten Zugang zu Nahrung.

Unter dem wirtschaftlichen Druck und der großen Unsicherheit zerbrächen viele Familien. "Knapp 43.000 Kinder gelten als vaterlos", sagt Urdaneta. Sie liefen besonders Gefahr, Opfer von Vernachlässigung, Verarmung und Willkür zu werden. Kolumbien habe seit langem ein strukturelles Problem mit Gewalt gegen Kinder.

"Unsere Gesellschaft ist seit vielen Jahren gespalten", erklärt Urdaneta. Grund dafür sei ein politischer Streit zwischen Regierung, Rebellentruppen und der Farc-Guerilla, der bis heute nicht wirklich beendet ist. Trotz des Friedensabkommens 2016 habe ein Teil der Rebellen und auch des Militärs die Waffen nicht abgegeben und es komme immer wieder zu Schießereien. Cristina Urdaneta sagt: "Für diese Kämpfe werden auch Jugendliche rekrutiert, bevorzugt solche, die keine Anbindung mehr an ihre Familie haben. In ihren Einheiten erleben sie Gewalt und Folter, und sie stellen ein Viertel der Opfer dieser bewaffneten Konflikte."

Die SOS-Kinderdörfer unterstützen die Menschen unter anderem in drei Notfallzentren in Maicao, Riohacha und Uribia. Mit Bildungs- und Familienstärkungsprogrammen beugen sie dem Zerfall von Familien vor, Jugendliche bekommen eine Ausbildung und werden auf dem Weg in die Selbständigkeit begleitet. "Wir sensibilisieren aber auch ganze Gemeinden für die Rechte und Bedürfnisse von Kindern, um den Schutzgedanken gegenüber Kindern zu verankern", so Urdaneta.

Ein weiterer Schwerpunkt der Hilfe sei die Unterstützung unbegleiteter Minderjähriger, die aus dem Nachbarland Venezuela flüchten. Sie liefen besonders Gefahr, in die Hände von Menschenschleppern zu geraten. Die SOS-Kinderdörfer helfen mit Nahrung, Wasser und einer sicheren Unterkunft und unterstützen dabei, Familien wieder zusammenzuführen. 1,8 Millionen Menschen aus Venezuela sind in Kolumbien registriert.

Insgesamt ist die Hilfsorganisation in 15 Provinzen des Landes aktiv. 2021 konnte sie über 60.000 Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsen und Familien helfen.

Von der Weltbevölkerung vergessen: In zahlreichen Staaten kämpfen Kinder und Familien seit Jahren ums Überleben – im Schatten der Öffentlichkeit und zum großen Teil abgeschnitten von wirkungsvoller Hilfe. Die SOS-Kinderdörfer berichten in dieser Serie über die aktuelle Situation in Konfliktländern, in denen die Klimakrise, die Corona-Pandemie, aber auch der Krieg in der Ukraine die ohnehin katastrophale Lage weiter zugespitzt haben. Über "Vergessene Krisen" in Somalia, Madagaskar, Kolumbien, Guatemala und anderen Ländern.

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