Mehr Sachlichkeit in der Gender-Diskussion

Geschlechterrollen anders denken

Julia Reichenpfader studierte Geschlechterforschung, Sozialpolitik und Deutsche Philologie. Sie forscht und publiziert zu Körperdiskursen, Gender und Literatur und ist Mitarbeiterin im transdisziplinären Studienprogramm Q+ an der Universität Mainz.

Woher, glauben Sie, kommt die Ablehnung gegenüber LGBTIQ*-Menschen?

Julia Reichenpfader

Ablehnung ist noch nett gesagt. Menschen aus dem LGBTIQA+ Spektrum sind oftmals Anfeindungen, (strukturellen) Diskriminierungen, Marginalisierungen, Hass, Morddrohungen und massiver Gewalt ausgesetzt.

Viele Menschen fühlen sich verunsichert, wenn ihr binäres Weltbild ins Wanken gerät. Sehr vereinfacht gesprochen: Wir sind es gewöhnt, die Welt in Gegensätzen zu denken: Mann-Frau, Tag-Nacht, Natur-Kultur, Körper-Geist, usw.

Personen, die durch ihr Begehren, ihre Sexualität oder Geschlecht daran erinnern, dass dieses Weltbild nicht dieser Wahrheit entspricht, erfahren Ablehnung; sie entsprechen nicht der patriarchal konstruierten Logik von einer binären Geschlechterordnung. Diese Norm könnte noch erweitert werden, um z.B. eine helle Hautfarbe, einen schlanken Körper, glatte Haare etc.

Weitere Diskriminierungserfahrungen machen Personen beispielsweise aufgrund ihrer Religion, Behinderung oder Gesellschaftsschicht. Dabei können sich die Diskriminierungsformen überlappen und verstärken: Personen werden nicht nur entweder aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Behinderung diskriminiert, sondern wegen beiden oder auch mehreren Dingen gleichzeitig.

Warum sind wir so fixiert auf Geschlechterrollen?

Sind wir fixiert auf das Thema „Geschlechterrollen“ oder auf ein bestimmtes Bild, welches wir von Geschlecht haben und nicht loslassen möchten?

Vermutlich denken nicht alle Menschen über Geschlechterrollen als solche nach, sondern wundern sich eher, wenn ihre Erwartung an stereotypes Gender-Verhalten unerfüllt bleibt.

Wenn eine Person anders aussieht oder anders handelt, als es das vorherrschende Geschlechterordnungssystem vorgibt, sind viele verunsichert, schockiert oder wütend. Nicht-binäre Geschlechtsidentität bedeutet, in keine der beiden konstruierten Geschlechterrollen von „Mann“ oder „Frau“ zu passen oder passen zu wollen.

Geschlechterrollen anders zu denken, heißt, das Gewohnte zu verlassen, was Angst machen kann. Es bedeutet aber auch, bestehende Machtstrukturen und Arbeitsteilungen zu hinterfragen und Hierarchien zu verschieben. Menschen, die an einer binären Genderordnung und an Stereotypen festhalten, verteidigen also (unbewusst) den Status quo und die bestehenden Machtverhältnisse.

Das binäre patriarchale Genderbild hat auch ökonomische Anteile: Beispielsweise leisten weibliche gelesene Personen den größten Teil unbezahlter Care-Arbeit. Mit der Hinterfragung der historisch gewachsenen Genderrolle, in der die Frau die Gebende zu sein hat, könnte sich etwas an der Akzeptanz der unentgeltlich geleisteten Arbeit ändern.

Was wünschen Sie sich, welche Verbesserungen schlagen Sie vor für die Gender-Diskussion?

Ich würde nicht von „der“ einen Gender-Diskussion sprechen, sondern von verschiedenen Diskursen, die sich rund um das Thema ausmachen.

Ich persönlich werde oft gefragt, was ich vom so genannten „gendern“ halte – begleitet von einem Augenrollen seitens der Fragenden. Da ich mir sicher bin, dass Sprache Realität schafft, finde ich es wichtig, anders zu gendern. Denn das sprachliche Gendern ist ja nicht neu – die männliche grammatische Form wird als Norm gesetzt. Neu wäre die gendergerechte Sprache, die man lernen kann. Äußerst emotional werden hier Sprachnormen verteidigt. Ich würde mir hier etwas mehr Sachlichkeit wünschen und eine Reflexion darüber, woher diese starken Emotionen kommen.

Lebensbedrohliche Emotionen kommen bei rechtspopulistischen Strömungen auf, die der Gleichstellungspolitik, den Gender Studies, queerfeminischen Bewegungen und / oder anderen Akteur*innen oftmals aggressiv gegenübertreten. Sexistische und rassistische Sichtweisen sind innerhalb dieser Strömungen verwoben und deuten auf die Angst vor dem politischen Machtverlust hin. Wichtig wäre, diese Verknüpfung ernster zu nehmen und die Radikalisierungstendenzen zu beobachten.

Gibt es schon Fortschritte in der positiven Wahrnehmung von LGBTIQ*-Personen?

In den letzten Jahren wurde Diversität in der Werbung en vogue. Immer mehr Medien beschäftigen sich mit dem Thema. Eine erhöhte Sichtbarkeit von Menschen aus dem LGBTIQA+ Spektrum oder von anderen Menschen mit Diskriminierungserfahrungen ist natürlich gut, sollte aber auch kritisch beobachtet werden: Wird eine Person als Vertreter*in einer bestimmten Gruppe oder als Individuum dargestellt?

Wenn Unternehmen, NGOs oder Bildungseinrichtungen stolz auf ihre Diversitätsbeauftragten sind und dies als Marketinginstrument einsetzen, sollten sie sich auch fragen: Wie sieht es hinter den Kulissen aus? Wie divers sind die Mitarbeiter*innen? Wie verschiebt sich die Zusammensetzung, wenn die Führungsebene in den Blick genommen wird? Welche Machtansprüche werden geltend gemacht? Welchen Redeanteil bekommt wer beim Meeting? Wer nimmt den meisten Raum ein? Ist eine strukturelle Veränderung wirklich erwünscht?

Langfristig gesehen wäre es wünschenswert, wenn Kategorisierungen weniger entscheidend wären. Hierfür müssen wir zunächst auf Gender fokussieren und Debatten führen, um die damit einhergehenden Ungerechtigkeiten aufzuzeigen. Wenn Sexualität, Begehren und Geschlecht als Effekte von soziokulturellen Normierungen und Regulierungspraxen verstanden werden, welche als solche hinterfragbar und veränderbar sind, wäre ein großer Schritt getan.

 

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