"Sichtbar werden – als Mensch!"

Generation Genderfluid – die Erfolgsgeschichte von einem, der sich zweimal outete

Der junge Brasilianer Miguel Emmé setzt sich in seiner Heimat für die Rechte von Schwulen, Lesben und Transpersonen ein. Unterstützung erhält er von den SOS-Kinderdörfern.

Miguel steht mit 20 Jahren und seiner jungen Biographie für Diversität und eine Generation, die den Mund aufmacht. Wer eine Tragödie erwartet, das Drama eines homosexuellen Jungen, den die Last von Diskriminierung und Ausgrenzung erdrückt, der liegt falsch. Denn Miguels Geschichte ist eine andere – sie inspiriert und macht Mut.

Miguel war gerade mal drei Jahre alt, als er merkte, dass er anders ist als die Jungen in seinem Alter: "Ich hatte andere Interessen als meine Freunde. Das haben die auch gemerkt, und schon bald war ich ein 'Freak', ein Außenseiter."

Das Glück, akzeptiert und geliebt zu werden

Liebe zur Musik: Miguel feilt an seiner Karriere als Songwriter.

Doch der Umzug in die Nähe der Megacity Sao Paolo änderte alles. Hier fühlte sich der damalige Teenager sicherer in seiner eigenen Haut und entwickelte ein neues Selbstbewusstsein, das ihm Raum gab, sich zu entfalten: "Meine Eltern hatten gespürt, dass ich mich hier akzeptiert fühle, das hat auch für sie vieles leichter gemacht." Bei seiner Familie als schwul geoutet hatte sich Miguel, als er 15 Jahre war und sein Vater die SMS seines damaligen Freundes gelesen hatte. Die Reaktion seiner Eltern war so, wie viele andere es sich nur wünschen können: "Sie hatten es nicht nur akzeptiert. Seit diesem Moment unterstützen und fördern sie mich, wo sie nur können."

In seiner neuen Heimat entdeckte er auch seine Liebe für die Musik. Neben der Arbeit im Bäckereibetrieb seiner Mutter widmet er sich seiner großen Leidenschaft und feilt an seiner Karriere als Songwriter, Sänger – und Sängerin, denn in seiner Rolle als Drag-Queen "Klaudia Kay" hat er seine wahre Berufung gefunden. Klaudia wurde ins Leben gerufen, als Miguel 16 Jahre alt war. Und von da an spürte er, dass in ihm nicht einfach nur ein Junge steckt, der andere Jungen liebt. "Es hat noch ein bisschen gedauert, aber dieses Jahr habe ich mich bei meiner Familie und meinen Freunden ein zweites Mal geoutet – als nichtbinär." Miguel bezeichnet sich nun selber als genderfluid, er fühlt sich sowohl männlich als auch weiblich. "Ich bin auf diesen Schritt, mich selbst als nichtbinär zu outen, unfassbar stolz und möchte Andere, die auch so fühlen, inspirieren, es mir gleich zu tun!"

Der Kampf um Akzeptanz

Drag Queen: Miguel alias "Klaudia Kay"

Viele von Miguels Freunden aus der LGBTIQ-Community haben dieses Glück nicht. Ihr Weg hin zu Akzeptanz und Gleichstellung war und ist noch immer übersät von Stolperfallen. Obwohl Brasilien einen hohen Anteil an Schwulen, Lesben und Transpersonen hat, ist die Akzeptanz außerhalb der großen Städte verschwindend gering. Die Abneigung innerhalb der Bevölkerung entlädt sich nicht selten in Hass und Gewalt. Besonders gegen die über 750.000 transsexuellen Menschen in Brasilien. Transfrauen haben es am schwersten: Ihre Lebenserwartung liegt gerade mal bei 35 Jahren. In keinem anderen Land der Welt werden mehr transsexuelle Menschen und Transvestiten umgebracht als in Brasilien. Von denen, die mit dem Leben davonkommen, erfahren die meisten soziale Ächtung, finden nur schwer Arbeit und rutschen in die Prostitution ab.

Für diese Menschen setzt sich Miguel Emmé ein: "Ich mache mich nicht nur für die Rechte von Transpersonen stark, sondern auch dafür, dass sie beruflich gefördert und auf dem Arbeitsmarkt ihre faire Chance bekommen."

Freunde aus dem SOS-Kinderdorf

Zum ersten Mal im Leben: Bei der "YouthCan!"-Konferenz in Essen sieht der Brasilianer Schnee. 

Bereits als Schüler begann sich Miguel zu engagieren. "Die Lehrer an meiner damaligen Schule haben den Kontakt zu den SOS-Kinderdörfern hergestellt. Seitdem habe ich an zahlreichen sozialen Projekten mitgearbeitet", erzählt Miguel, "und ich habe viele Jugendliche aus dem SOS-Kinderdorf Lorena kennengelernt. Einige von ihnen sind zu Weggefährten geworden, die mir bis heute geblieben sind!" Für seine Freunde bei SOS war es nie ein Problem, dass Miguel queer bzw. nichtbinär ist, Ressentiments hatte er dort nie erlebt, eher eine Art Neugier, die ihm entgegengebracht wurde, ohne ausgelacht zu werden.

"YouthCan!" als Sprachrohr für Miguel

Durch seine ehrenamtliche Tätigkeit im Jugendrat des "Lorena Youth Center", in dem er sich unter anderem für berufliche Chancengleichheit bei jungen Schwulen, Lesben und Transpersonen einsetzt, wurde Miguel 2018 als Teilnehmer von "YouthCan!" ausgewählt, einer Beschäftigungs-Initiative der SOS-Kinderdörfer in Kooperation mit verschiedenen Unternehmenspartnern, in seinem Fall thyssenkrupp Elevator. "YouthCan!" hilft Jugendlichen, den Einstieg in die Berufswelt zu meistern: "In sieben Monaten lernten wir eine Menge über den Arbeitsmarkt, über Gleichberechtigung am Arbeitsplatz, wie man sich richtig bewirbt und bekamen sogar eine technische Einführung in die Aufzugtechnik."

Miguel besuchte im Rahmen dieses Projekts im Januar 2019 auch die "YouthCan!"-Konferenz in Essen, zu der die Firma thyssenkrupp Elevator geladen hatte, um von der Situation von Jugendlichen in seiner Heimat und über sein Engagement für die LGBTIQ-Gemeinschaft zu berichten. Miguel war damals mit 19 Jahren der jüngste Teilnehmer. Er hielt nicht nur eine beeindruckende Ansprache, sondern begeisterte auch mit einer Gesangseinlage. Miguels Botschaft hat nicht nur die jungen Teilnehmer inspiriert, sondern auch Ralf Dürrwang, den Leiter der Abteilung Corporate Citizenship bei der Deutschen Post DHL Group, der an der Konferenz ebenfalls teilnahm. Er entschloss sich danach, zusammen mit seinem Ehemann, SOS testamentarisch zu bedenken, um Jugendliche mit LGBTIQ-Hintergrund zu unterstützen. Die folgenden Worte, die Miguel an die Konferenzteilnehmer richtete, verursachten auch bei Ralf Dürrwang Gänsehaut:

"Teil der LGBTIQ-Gemeinschaft in Brasilien zu sein, ist jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung. Zu viele meiner Freunde sind der Homophobie schon zum Opfer gefallen. Daher möchte ich, dass wir sichtbar werden, als das, was wir sind – als Menschen!"

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