16. September 2021 | NEWS

"Leben zu retten, ist gerade am wichtigsten!"

Hunderttausende Menschen betroffen: Interview zur Hungersnot in Madagaskar

Jean Francois Lepetit, Leiter der SOS-Kinderdörfer in Madagaskar, und Jean Pierre Tombozandry, Regionaler Leiter der SOS-Kinderdörfer Madagaskar in der Region Androy, sprechen über die humanitäre Krise, die sich seit Monaten in dem Inselstaat zuspitzt. Im südlichen Teil Madagaskars herrscht eine Dürre, die vielerorts eine Hungersnot ausgelöst hat: Das Leben hunderttausender Menschen ist bedroht, allen voran das von Kindern.

Wie viele Menschen sind derzeit von der Dürre und der daraus resultierenden Hungersnot bedroht?

Im Süden Madagaskars sind etwa 1,3 Millionen Menschen von Nahrungsmittelknappheit betroffen. 730.000 davon sind Kinder. Im vergangenen Trimester haben bereits 14.000 Menschen unter akuter Hungersnot gelitten, dieses Trimester ist die Zahl der Betroffenen auf 28.000 gestiegen.

Wie stehen die Chancen, dass sich die Situation bald verbessert?

Wir erleben gerade die schwerste Dürre seit 40 Jahren – und das in Zeiten der Corona-Pandemie. Diese Region leidet immer wieder unter Dürren, aber dieses Jahr sind doppelt so viele Menschen von Nahrungsmittelknappheit betroffen als normalerweise. Es ist davon auszugehen, dass der nächste Regen nicht vor Mai 2022 kommt, das ist die Jahreszeit, in der normalerweise angesät wird. Bis dahin sind es noch fast neun Monate – die Situation wird sich verschlechtern, wenn es nicht regnet. Die Lebensmittelpreise steigen stetig an, mittlerweile sind viele Menschen finanziell nicht mehr in der Lage, sich Essen zu kaufen.

Können Sie die Lage vor Ort beschreiben?

Die Kinder sehen so schlimm aus, es tut weh, allein darüber zu sprechen. Sie sind so unfassbar dünn. Viele von ihnen können aufgrund von Hunger und Schwäche nicht mehr in die Schule gehen. Die Menschen tragen seit Monaten die gleichen Kleider am Leib, es gibt ja auch kein Wasser zum Waschen. In den weiter abgeschiedenen Gegenden, wo wir keine Projekte haben, ist die Situation sogar noch schlimmer.

Was machen die Menschen, um zu überleben?

Seit Monaten essen die Menschen hier nur noch Kaktusfrüchte und Tamarinden. Die meisten verkaufen all ihr Hab und Gut, um sich noch etwas zu essen kaufen zu können. Manche essen sogar die Kerne und Saaten, die sie eigentlich im nächsten Frühjahr anpflanzen wollten – das treibt den Teufelskreis letztendlich aber nur weiter an. Die Menschen werden immer verzweifelter: Manche haben schon versucht, sich umzubringen, sie wollen so nicht mehr weiterleben.

Wie helfen die Kolleg:innen der SOS-Kinderdörfer?

In den sechs am härtesten betroffenen Regionen von Androy und Atsimo-Andrefana konnten wir Grundnahrungsmittel wie Reis, Getreide und Bohnen über zwei Wochen lang an 1.600 Familien verteilen. Außerdem bieten wir Spezialnahrung für mehr als 2.000 Kinder, vor allem für unter Fünfjährige, und für schwangere Frauen. Auch mit genereller Gesundheitsversorgung und psychosozialer Unterstützung können wir den Familien helfen. Nach der Soforthilfe sind wir dazu übergegangen, dieselben Familien 60 Tage lang für gemeinnützige Arbeit zu bezahlen: zum Beispiel für den Bau von Brunnen oder Straßenreparaturen.

Jean Francois Lepetit, Leiter der SOS-Kinderdörfer in Madagaskar

Normalerweise fokussiert sich unsere Arbeit auf die Unterstützung von Gemeinschaften: Denn die Menschen hier leben nicht allein, sie leben als Gemeinschaft. Unser Ansatz ist ganzheitlich. Vor dieser Hungerskrise bestand unsere Arbeit vor allem darin, den Familien Gesundheitsversorgung und Bildung zu bieten. Wir versuchen, nicht zu intensiv zu unterstützen: Die Menschen sollen nicht abhängig sein vom Mitleid anderer. Wir wollen, dass sie sich ihren Lohn verdienen und stolz auf sich sind. Deswegen bezahlen wir sie für gemeinnützige Arbeit, anstatt sie nur mit Gütern zu versorgen. So können sie ihr Essen selbst kaufen. Unser generelles Ziel ist es, dass diese Familien eines Tages finanziell unabhängig sind. Daran ist aber in der schrecklichen Situation gerade nicht zu denken. Momentan ist es unsere Aufgabe, die Not zu lindern. Leben zu retten ist gerade am wichtigsten!

Wir wollen nachhaltige Entwicklung fördern. Das heißt, wir gehen nicht einfach in eine Gegend, verteilen kostenlos Essen und gehen nach einiger Zeit wieder. Wir sind hier nicht nur ein humanitärer Akteur, sondern wir sind Teil der Gemeinden. 2011 haben wir unsere Arbeit in Madagaskar begonnen, ebenfalls wegen einer Dürre – und wir sind noch immer hier, wir lassen die Menschen nicht im Stich. Unsere Mitarbeiter:innen sind Menschen, die von innerhalb der Gemeinden für die Gemeinden arbeiten. Sie können nicht einfach weggehen und diese Leute vergessen – denn sie selbst sind diese Leute.

Betrifft euch diese Krise auch persönlich?

Lepetit: Manchmal überwältigt mich die Situation. Das Problem ist so immens und niemand scheint hinzuschauen. Es gibt ja nicht einmal Frischwasser – also trinken die Menschen verunreinigtes Wasser. Ich frage mich immer wieder: Wie kann man sie in einer so unmenschlichen Situation nur im Stich lassen?

Tombozandry: Wenn ich morgens aus der Haustüre gehe, sehe ich Menschen herumsitzen. Sie warten darauf, dass ihnen irgendjemand Essen gibt. Manchmal würde ich am liebsten weinen bei dem Anblick. Es macht mich so traurig, sie so zu sehen. Manche Menschen verlassen die Gegend, alle in dreckiger Kleidung, ein paar Taschen und ihre Kinder auf dem Arm. Es ist eine Sache, diese schrecklichen Bilder im Fernsehen zu sehen. Aber es ist eine komplett andere Sache, das alles in der Realität zu erleben. Das lässt sich mit Worten nicht beschreiben.

Wie beeinflusst die COVID-19-Pandemie eure Arbeit?

Es ist wirklich schwierig: Wenn wir Masken und Hygieneartikel verteilen oder über Social Distancing aufklären, sehen sie uns an, als wären wir verrückt. Menschen, denen seit Tagen der Magen knurrt, ist diese Pandemie egal. Für uns ist es hart, ihnen zu erklären, dass auch COVID-19 sie töten kann, während sie eigentlich nur darüber nachdenken, wie ihre Familien diese Hungersnot überleben können.

Madagaskar leidet schon heute an den Konsequenzen des Klimawandels. Dürren wie diese werden in Zukunft wahrscheinlicher werden. Was ist am nötigsten, um dieses Problem anzugehen?

Das "El Niño"-Phänomen bestärkt diese Dürre, das kommt etwa alle vier Jahre vor. Aber dieses Mal ist es schlimmer, wir hatten seit vier Jahren kaum Regen. Das ist die Folge des globalen Klimawandels. Es ist wichtig, zu sagen, dass diese Menschen im Süden Madagaskars nur bedingt zur Klimakrise beigetragen haben – aber sie sind diejenigen, die schon jetzt leiden. Sie zahlen für ihren eigenen problematischen Umgang mit der Natur, aber vor allem zahlen sie für das schlechte Verhalten der Menschen in den Industrieländern.

Wir denken, dass es wirklich wichtig ist, den Menschen hier Umweltbildung zu vermitteln. Die Abholzung ist ein riesiges Problem: Die Menschen holzen die Wälder ab, um Feuerholz zu haben und um Häuser zu bauen. Viele von ihnen sind Analphabeten, sie wissen nichts vom Klimawandel. Das wollen wir unter anderem durch ein sehr spannendes Projekt für soziale, ökologische und ökonomische Entwicklung ändern: Dank der Partnerschaft mit einer peruanischen Universität studieren gerade einige junge Menschen aus unseren SOS-Kinderdorf-Programmen im Master Molekularbiologie in Peru. Das Klima dort ist ähnlich trocken wie bei uns. Anschließend werden sie wiederkommen, um in Madagaskar Anbaumethoden und Landwirtschaftssysteme zu verbessern.

Wie schon erwähnt haben die Menschen, die gerade unter dieser Hungersnot und der Dürre leiden, nur wenig zur Klimakrise beigetragen, sondern vor allem die Industrieländer…

Wir müssen endlich verstehen, dass wir Menschen alle voneinander abhängen. Der Lebensstil von Menschen in Industrieländern hat Auswirkungen auf die Menschen in anderen Weltregionen, zum Beispiel in Südmadagaskar. Sie müssen ihre Lebensweise verändern – denn das, was wir hier gerade erleben, könnte in einem Jahrhundert auch zum Beispiel in Europa passieren. Deswegen ist unser Appell an die Industrieländer: Zeigt Verantwortung! Unterstützt die Menschen, die jetzt schon um ihr Leben kämpfen! Wir müssen Menschen, Tiere und die Erde respektieren!

Bei den SOS-Kinderdörfern ist es unsere Aufgabe, den verwundbarsten Kindern ein gutes und nachhaltiges Leben zu ermöglichen. Wie soll das gehen, wenn das Leben selbst gerade stirbt? Wir müssen unsere Lebensweise verändern – in Südmadagaskar genauso wie überall sonst. Wir müssen zusammenhalten. Denn Solidarität bedeutet, solide und starke Verbindungen zu haben. Und diese brauchen wir nun mehr denn je.

 

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