"Die Gefahr ist groß, dass Kinder vor Hunger sterben": Stopp der US-Entwicklungshilfe potenziert im Tschad die Ernährungsnot
Serie der SOS-Kinderdörfer über die gravierenden Folgen der Auflösung von USAID. 5. Teil: Tschad
N’Djamena / Farchana – Der Tschad ist eines der ärmsten Länder weltweit, das immer öfter von klimabedingten Katastrophen und bewaffneten Konflikten der Nachbarländer betroffen ist. Der Binnenstaat gilt als eines der größten afrikanischen Aufnahmeländer für Geflüchtete. Aufgrund der wirtschaftlichen Instabilität ist das Land nicht in der Lage, den Bedarf der vielen Geflüchteten und Vertriebenen zu decken. Der Wegfall der US-Finanzierungen für humanitäre Hilfe, insbesondere in Bezug auf die Versorgung von Geflüchteten, forciert die Nahrungsmittelknappheit und das Ringen der Menschen um die verbliebenen Ressourcen.
Cyrille Roassoum Ngarbim, Koordinator für Humanitäre Hilfe bei den SOS-Kinderdörfern Tschad sagt: "Wegen der USAID-Streichungen ist vielerorts die Nahrungsmittelhilfe eingestellt worden. In den Geflüchtetencamps gibt es jetzt noch mehr unterernährte Kinder. Auf der Suche nach Essen irren die Kinder in den Camps und auf Märkten umher. Die Gefahr ist groß, dass sie ausgebeutet werden oder vor Hunger sterben!"
Der Tschad ist kein Einzelfall. In einer Serie zeigen die SOS-Kinderdörfer, welche Folgen die Auflösung der US-Entwicklungsbehörde USAID und der Stopp zentraler Förderprogramme für Kinder und Familien in besonders betroffenen Ländern haben.
Humanitäre Notlage betrifft Bevölkerung und Geflüchtete
Im Tschad sind fast 80 Prozent der Bevölkerung mehrfach von Armut betroffen - hinsichtlich der Nahrungsmittel, des Zugangs zu Bildung und Gesundheitsdienstleistungen. Darüber hinaus ist das zentralafrikanische Land in den letzten Jahren mit dem größten Geflüchteten-Zustrom in seiner Geschichte konfrontiert: dort leben rund 1,5 Millionen Geflüchtete. Rund 900.000 stammen aus dem Sudan, wo seit drei Jahren Bürgerkrieg herrscht. Noch 2024 haben die USA knapp 162 Millionen Dollar in die Entwicklungszusammenarbeit investiert. Zusammen mit Partnerorganisationen wurden die Gelder unter anderem für die humanitäre Hilfe für Geflüchtete eingesetzt. Seit Anfang 2025 sind viele Hilfsorganisationen aufgrund der Streichung der US-Finanzmittel gezwungen, Einsatzgebiete zu verlassen oder ihre Hilfe stark einzuschränken. Alain Routoumbaye, Projektleiter für humanitäre Hilfe der SOS-Kinderdörfer in der Region Quaddai sagt: "Tagtäglich kommen mehr Geflüchtete, zugleich stehen aber weniger Versorgungsressourcen als bisher zur Verfügung. In den Geflüchtetencamps stellt uns das bei der Verteilung von Lebensmitteln vor enorme Herausforderungen. Es ist nicht mehr genug für alle da! Kinder wie Erwachsene leiden Hunger."
Grenzregion Quaddai steht vor Versorgungskollaps
Die Grenzregion Quaddai ist für viele sudanesische Geflüchtete und Vertriebene erste Anlaufstelle, laut UN sind davon 86 Prozent Kinder und Frauen. Obwohl die humanitäre Hilfe der SOS-Kinderdörfer Tschad unabhängig von US-Finanzmitteln agiere, so Alain Routoumbaye, brächten die Kürzungen auch die Teams der SOS-Kinderdörfer in den Geflüchtetencamps an ihre Grenzen. Dort betreiben die SOS-Kinderdörfer zum Beispiel in vier Camps sogenannte ,Child Friendly Spaces‘: betreute Schutzräume, wo Kinder und Jugendliche zum Beispiel psychosoziale Unterstützung und Bildungsangebote erhalten. Zudem basiere der Kinderschutzsektor auf der Zusammenarbeit verschiedener humanitärer Akteure und Akteurinnen. "Wenn wir ein krankes Kind an ein Gesundheitszentrum überweisen wollen, das aber aufgrund der Kürzungen schließen musste, gefährdet das das Leben des Kindes." In allen Camps sei der Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen und zu Bildung jetzt extrem eingeschränkt, auch seien Programme zum Schutz von Mädchen und Frauen vor Gewalt ausgesetzt worden. "Es steht zu befürchten, dass Kinder wie Erwachsene wegen der Ressourcenknappheit immer mehr schädliche, aggressive Bewältigungsstrategien entwickeln – das gilt für die Geflüchteten, aber auch für die Gemeinschaften, die sie aufnehmen", so Alain Routoumbaye und sein Kollege Cyrille Roassoum Ngarbim fügt hinzu: "Diese dramatische Unterversorgung lässt uns humanitäre Helfer mit einem tiefen Gefühl des Versagens zurück. Wenn die internationale Gemeinschaft jetzt nicht ihre Kräfte bündelt und Gelder aufbringt, werden viele, viele Kinder und Erwachsene sterben."
Wie die SOS-Kinderdörfer helfen
Die SOS-Kinderdörfer Tschad betreiben insgesamt 19 ,Child Friendly Spaces‘ in den Krisenregionen des Tschad, neun davon in den Geflüchtetencamps von Quaddai. Wegen des Rückzugs anderer Hilfsorganisationen suchen immer mehr Kinder Zuflucht in den Schutzräumen der SOS-Kinderdörfer. Um dem erhöhten Bedarf gerecht werden zu können, ist in allen Einrichtungen die Zahl der Mitarbeitenden deutlich aufgestockt worden. Auch kommen in den Camps mehr sogenannte ,Community-Mitarbeitende‘ zum Einsatz, sie stehen den geflüchteten Familien beratend zur Seite.
Hintergrund zur Serie: Die Folgen des USAID-Stopps
Die SOS-Kinderdörfer dokumentieren in einer Reihe von Berichten die Auswirkungen der Auflösung von USAID auf besonders betroffene Länder. Neben dem Tschad gehören dazu unter anderem Nigeria, Peru, Simbabwe, Kolumbien und die Ukraine. USAID zählte jahrzehntelang zu den größten Gebern weltweit. Mit der Eingliederung in das US-Außenministerium im Februar 2025 wurden zahlreiche Programme gestoppt oder massiv gekürzt - mit direkten Folgen für Gesundheitsversorgung, Kinderschutz, humanitäre Hilfe, Friedensförderung und Kriminalitätsbekämpfung. Laut einer Studie der Fachzeitschrift ,The Lancet‘ könnten die Einschnitte bis 2030 zum Tod von bis zu 4,5 Millionen Kindern beitragen.