Die Welt am Abgrund? 

So bleiben wir mental gesund trotz der negativen Nachrichtenflut

Verzweifelte Menschen klettern auf Flugzeuge. Brände vernichten ganze Waldgebiete. Kaum ein Tag vergeht ohne immer weitere schlimme Bilder in den Nachrichten – das Leid der Menschen andernorts belastet auch hierzulande viele psychisch. Ein Interview mit Teresa Ngigi, Psychologin der SOS-Kinderdörfer weltweit, über achtsamen Medienkonsum und die Bedeutung von Selbstfürsorge.

Frau Ngigi, wie können wir mit der Flut an negativen Nachrichten aus aller Welt besser umgehen, ohne uns überwältigt und hilflos zu fühlen?

Es stimmt schon, gerade passieren so viele furchtbare Dinge auf einmal. Und wir sind dann schnell versucht, nach Antworten zu suchen. Wir wollen herausfinden, warum all das passiert. Das ist legitim und ganz normal. Aber ich denke, der erste Schritt liegt immer bei uns selbst: Wir müssen erst unser eigenes Haus aufräumen. Denn nur, wenn ich ganz bei mir bin, kann ich mit klarem Verstand auf die Dinge schauen, die da draußen in der Welt passieren. Es ist sinnvoll, auch beim Konsumieren von Nachrichten achtsam zu sein. Andernfalls können wir uns schnell überfordert fühlen.

Teresa Ngigi gibt Tipps für achtsamen Medienkonsum. Foto: SOS-Kinderdörfer

Was kann ich tun, um mein "Haus aufzuräumen" und achtsamer zu werden, wie Sie es sagen?

Meditation ist ein sehr wichtiges Werkzeug. Wenn ich meditiere, bin ich unvoreingenommen. Achtsamkeit heißt ja, dass ich in jedem gegebenen Moment präsent bin. Zum Beispiel jetzt, wo ich mit Ihnen spreche. Ich denke nicht daran, was ich zum Mittag essen werde und ich denke auch nicht darüber nach, welche Frage Sie mir als nächstes stellen. Nein, ich rede mit Ihnen über Achtsamkeit und das ist das allerwichtigste, was ich in diesem Moment tue. Durch Meditation verstehe ich mit der Zeit auch immer besser, was mich selbst ausmacht, was meine Stärken sind, wo ich an mir arbeiten kann. Und dann bemerke ich auch all die kleinen Gelegenheiten, in denen ich einen Unterschied machen kann für mich selbst und für andere, für die Gemeinschaft.

Nun hilft es ja wenig, Nachrichten komplett zu vermeiden. Wie kann ich denn konkret informiert bleiben und gleichzeitig meine mentale Gesundheit schützen?

Auch hier ist es wieder wichtig, ganz bei sich selbst zu bleiben. Als ich die schlimmen Nachrichten aus Afghanistan hörte, war mein erster Gedanke: “Warum?” Ich wurde sehr wütend und habe dann aber innegehalten und mich gefragt: “Okay, wobei kann mir meine Wut gerade helfen? Nutze sie doch, um aktiv zu werden!” Also habe ich sofort versucht, proaktiv zu werden und habe Freunde von mir kontaktiert, die in Afghanistan arbeiten. Ich habe sie einfach gefragt, wie es ihnen geht, habe zugehört und ihnen Mut gemacht. Ich konnte nicht den fliehenden und verzweifelten Menschen auf dem Flughafen helfen. Aber wenigstens konnte ich so meine Wut in etwas Konstruktives umwandeln. Genauso gut könnte man die Wut natürlich auch anders nutzen, zum Beispiel indem man spendet, demonstrieren geht. Selbst wenn es ein kleiner Akt ist, trägt es doch immer zum großen Ganzen bei.

Ich wähle meine Informationsquellen ganz bewusst so, dass ich die Informationen umwandeln kann. Da bin ich sehr selektiv, welche Nachrichten ich konsumiere oder welchen Gruppen ich beitrete in Social Media. Ich versuche Kanäle zu vermeiden, die nur negative Energie ausstrahlen und folge stattdessen solchen, die nach Lösungen suchen, wie wir die Situation ändern können. Informationen sollten in allererster Linie handlungsfähig machen.

Was kann ich tun, wenn ich trotz aller guter Vorsätze schon mitten im Sog der negativen News bin und nun merke, dass mich die Traurigkeit und Hilflosigkeit überwältigt?

Auch mich haben die Nachrichten aus Afghanistan sehr mitgenommen. Das Erste, was ich zu meinem Mann gesagt habe, war: "Lass uns in die Berge fahren und einfach nur laufen." Jeder Mensch hat andere Dinge, die ihm helfen, Druck abzubauen. Für mich ist das eben eine ausgiebige Wanderung. Es kann aber manchmal auch einfach nur ein schöner Film sein, ein Anruf bei Freunden – hauptsache es hilft mir, mich besser zu fühlen. Und das ist keine Flucht, das ist Selbstfürsorge! Selbstfürsorge ist so unglaublich wichtig, wenn wir einen positiven Einfluss auf unsere Gesellschaft haben wollen. Deshalb muss jede:r von uns für sich herausfinden, was ihm:ihr guttut – und dann diese Sache auch machen.

Wenn man wie von Ihnen empfohlen Selbstfürsorge betreibt, kann man sich leicht schuldig fühlen. Schließlich können die Menschen in Haiti, in Afghanistan, in Griechenland, der Türkei oder in den Überschwemmungsgebieten Deutschlands gerade keine Pause einlegen. Wie kann man dieses Schuldgefühl abstellen? Und wie können wir aus diesem Kreislauf ausbrechen, in dem wir rund um die Uhr an das Leid anderer denken?

Es ist ganz normal, sich angesichts der Lage in der Welt schuldig zu fühlen. Weil wir uns mit dem Leiden anderer identifizieren, haben wir manchmal das Gefühl, dass wir sie verraten, wenn wir etwas Gutes für uns selbst tun. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Empathie und Mitleid. Empathie bedeutet, in die Schuhe des anderen zu schlüpfen, um zu erfahren, was er:sie fühlen könnte. Und dann, nachdem ich das getan habe, gebe ich die Schuhe wieder zurück. Mitleid hingegen bedeutet, dass ich die fremden Schuhe anziehe und mit nach Hause nehme. Das ist ein großer Unterschied. Denn dann wird mein Leben im Chaos versinken. Empathie bedeutet nicht, dass ich deine Schuhe in dem Moment, in dem ich sie zurückbringe, vergesse. Nein, ich habe dich in irgendeiner Weise unterstützt, vielleicht sogar ein Gebet gesprochen oder dir ein paar positive Gedanken geschickt. Aber beim Mitleid lassen wir uns in das Elend der anderen hineinziehen. Dann sind wir nicht in der Lage, zu helfen. Schuldgefühle sind normal, aber sie sollten uns nicht dazu bringen, uns selbst zu entbehren. Deshalb ist Achtsamkeit hier sehr wichtig: Ich bin nicht gleichgültig gegenüber der Situation dieser Menschen, aber ich möchte nicht, dass mich diese Situation nach unten zieht. Denn in diesem Zustand kann ich niemandem helfen. Im Gegenteil: Geht es mir nicht gut, wirkt sich das auch auf andere Menschen in meinem Umfeld aus. Wenn ich so sehr von diesen Leiden eingenommen bin, werde ich wahrscheinlich auch meinem Partner und meinen Kindern das Leben schwermachen. Ich muss mich also um mich selbst kümmern und darf mich nicht schuldig fühlen.

Kann es helfen, mit Freund:innen und Familie über die aktuelle Nachrichtenlage zu sprechen? Oder ist das eher kontraproduktiv?

Nehmen wir doch mal ein anderes aktuelles Beispiel: Lange haben die Menschen immer nur über Corona gesprochen. Es ging um die Impfungen, die Zahlen, die Verschwörungstheorien. Da begibt man sich also schnell auf dünnes Eis. Natürlich haben wir die Tendenz, mit Freunden über diese schlimmen Ereignisse zu sprechen – das ist Teil unserer Kultur geworden. Auch hier kann Achtsamkeit helfen, früh zu erkennen, wann ein Gespräch eine falsche Wendung nimmt. Man kann sich ja ruhig über die aktuellen Ereignisse unterhalten, aber ich empfehle, bei dem zu bleiben, was wir ändern können an der Situation. Ich habe kürzlich mit einer Kollegin über Afghanistan gesprochen und anstatt uns zu beschweren, haben wir überlegt, was wir jetzt tun können, um den Menschen zu helfen. Und nach einer Weile haben wir dann auch wieder über andere Themen gesprochen. Durch Achtsamkeit kann ich selbst den Stopper einschieben und eine Unterhaltung positiv gestalten.

Was muss ich beachten, wenn ich mit Kindern über die aktuelle Nachrichtenlage spreche?

Welche Informationen geeignet sind, kommt ganz auf das Alter an. Teenager haben ihre Handys und Computer. Über Social Media kommen sie manchmal an ganz andere Infos als wir Erwachsenen. Auch meine Kinder, die 15 und 16 sind, erzählen mir manchmal Sachen, die mich richtig schockieren. Für Jugendliche in diesem Alter ist es wichtig, dass wir sie anleiten auf ihrem Weg durch die Informationslandschaft. Jüngere Kinder hingegen hören vieles: Der Fernseher oder das Radio laufen im Hintergrund und manche von ihnen haben schon eigene Handys. Dann frage ich die Kinder gerne, was sie denn schon wissen. Darauf kann ich aufbauen und ihnen helfen, die Ereignisse besser einzuordnen und zu verstehen. Es ist wichtig, dass ich hierbei altersgerecht mit ihnen rede. Auch bei Kindern können schlimme Nachrichten in Wut umschlagen. Kinder können aber auch Botschafter für eine bessere Gesellschaft werden. Wir als Erwachsene haben die Aufgabe, ihnen zu zeigen, dass man proaktiv werden kann, anstatt nur zu reagieren und wütend zu werden. Wir müssen sie ermutigen, nach den Werten wie Respekt, Würde und Vertrauen zu handeln. Wenn wir ihnen gute Werte vorgelebt haben, werden sie auch in schwierigen Situationen intuitiv ganz genau wissen, was zu tun ist.  

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