5 Jahre "Wir schaffen das!"

Menschlichkeit kennt keine Auswahlkriterien: Ein Kommentar von SOS-Mitarbeiterin Katharina Ebel

Vor 5 Jahren sagte Angela Merkel: “Wir schaffen das!” und meinte damit die Aufnahme von tausenden flüchtenden, verzweifelten Menschen, vor allem aus dem kriegszerrütteten Syrien.

Vor 5 Jahren reiste ich entlang der Flüchtlingsroute von Syrien bis zum Balkan, um die humanitäre Lage dieser Menschen für die SOS-Kinderdörfer zu dokumentieren. 

Die Szenen sind mir bis heute im Kopf. Die Verwirrung der Väter, wenn sie im Niemandsland völlig übernächtigt mit Kindern und letzten Habseligkeiten auf dem Arm aus einem überfüllten Zug stolperten und nicht einmal wussten, in welchem Land oder welcher Grenze sie sich befanden. Die Verzweiflung der in langen Schlangen wartenden Familien an den Grenzposten, nachdem sie in strömendem Regen samt fiebernder Kinder nach acht Stunden aufgeben mussten, um ihre Kinder zu versorgen. Aber auch die Euphorie und die Hoffnung, wenn sie es geschafft hatten, ihrem Ziel einen Schritt und ein Land näher zu kommen. Die Hoffnung, die mir oft die Kehle zuschnürte, weil ich daran denken musste, was sie in Deutschland erst einmal erwarten würde – eingepfercht in Flüchtlingsunterkünften, vorerst zwar in Sicherheit, aber verdammt zum Nichtstun.

2015 lernte Katharina Ebel auf der Flüchtlingsroute viele Menschen kennen, die von Hoffnung und Verzweiflung zerrissen waren. Foto: Katerina Illievska 

Ich sehe noch die Mut machenden Willkommensszenen vor mir. Habe aber auch die erschreckenden, von Angst und Missgunst getriebenen Kommentare im Ohr, die an sehr dunkle vergangene Zeiten erinnerten.

Ich hoffe, wir haben eines gelernt: Dass Menschlichkeit zu jeder Zeit über allen anderen Interessen stehen muss. Angela Merkels "Wir schaffen das" war ein Aufruf zur Menschlichkeit.  Denn was wäre geschehen, wenn es im Sommer 2015 geheißten hätte: "Nein, wir schaffen das nicht, wir nehmen niemand auf"? Hunderttausende wären dann entlang der Balkanroute und im Krisen geschüttelten Griechenland festgesessen. Unter katastrophalen, menschenunwürdigen Zuständen. Haben Sie noch die Bilder aus dem Flüchtlingslager von Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze vor Augen? Als die Grenze im Herbst 2015 geschlossen wurde, harrten dort monatelang Tausende Flüchtlinge aus, darunter viele Kinder, unter Zeltplanen, im Dreck, bei Dauerregen und Kälte.

Ja, nicht jeder Flüchtling mag integrationsfähig und -willig, gut ausgebildet und kulturell flexibel sein. Aber viele sind es und sie haben diese Gesellschaft bereichert. Menschlichkeit hat weder Integrationswillen, noch IQ oder Ausbildungsstatus zum Kriterium. 

Es geht nicht darum, wer uns am meisten nützt. Es geht einzig und allein darum, ethisch zu handeln.

Katharina Ebel, mitarbeiterin der SOS-Kinderdörfer weltweit

Wenn ich heute nach Syrien schaue, ist die Verzweiflung dort so groß wie nie zuvor. Jetzt steht nicht mehr der Krieg im Vordergrund, sondern die daraus resultierende Armut. Die Inflation, die verdoppelten Lebensmittelpreise und aktuell die Covid-19 Pandemie. Sie haben auch die Mittelschicht in die Armut getrieben. Anstehen für Lebensmittel und Benzin, sich weder Strom noch Wasser oder die Schule der Kinder mehr leisten zu können, erstickt alle Hoffnung auf eine Zukunft im Keim. Rücklagen, Häuser, Autos, Schmuck – sind verkauft oder restlos aufgebraucht.

Dieser Mutter aus Damaskus haben die SOS-Kinderdörfer einen kleinen Laden finanziert. Sie kämpft bis heute weiter – und wohnt in einem nicht fertiggestellten Rohbau. Foto: Alea Horst

Die Menschen, die geblieben sind, wissen nicht mehr weiter. Familienväter denken jetzt darüber nach, zu gehen und ihre Kinder zurückzulassen. Ihr Leben auf dem Mittelmeer aufs Spiel zu setzen oder den nicht minder gefährlichen Landweg antreten zu wollen, in der verzweifelten Hoffnung, ihren Familien und Kindern damit durch die Krise zu helfen.

Waren es vor 5 Jahren für mich Unbekannte, die sich auf den Weg machten, sind es jetzt meine Freunde. Menschen, die den gleichen Beruf ausüben wie ich. Die ähnliche Lebensstandards hatten und meine Interessen teilen. 

Menschlichkeit hat kein Ablaufdatum und auch keine Saison. Die Welt ist nicht gerecht und Krisen wird es immer geben. Für mich ist es deshalb ein Gebot der Nächstenliebe, denjenigen zu helfen, die unverschuldet unter Hunger, Armut, Gewalt und Katastrophen leiden.

Es geht nicht darum, wer uns am meisten nützt. Es geht einzig und allein darum, ethisch zu handeln. Wenn uns die aktuelle Corona-Pandemie eines gelehrt hat, dann doch, dass es jeden treffen kann, unerwartet und ohne Ausnahme. Was dann zählt, ist Menschlichkeit. 

Menschlich haben wir gehandelt, als alle anderen vor 5 Jahren die Grenzen schlossen. Ich denke, darauf können und sollten wir stolz sein. 

Für SOS-Mitarbeiterin Katharina Ebel steht fest: Menschlich handeln ist unsere Pflicht. Foto: Syrien/Alea Horst

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