Handwerkskunst statt Billigmode
Perspektiven durch Ausbildung: Wie sich Mehader in Äthiopien aus der Armut befreit
Mehader (24) hat sich als Schneiderin selbständig gemacht - mit Unterstützung der SOS-Kinderdörfer. Die junge Äthiopierin schmiedet ehrgeizige Pläne und will so auch anderen Frauen Perspektiven eröffnen.
„Eines Tages möchte ich in einem von mir selbst genähten Kleid heiraten und später auch Kinder kriegen. Aber vorher möchte ich mich erst mal auf mein Business konzentrieren, ordentlich Geld verdienen und auch anderen Frauen gute Arbeit geben“, sagt Mehader lachend und zieht gekonnt einen rot-weißen Stoff unter der ratternden Nadel ihrer Nähmaschine hindurch.
Die 24-Jährige war zuvor arbeits- und mittellose – doch dann ermöglichten ihr die SOS-Kinderdörfer in Äthiopien eine Ausbildung zur Schneiderin. Jetzt näht sie an ihrem eigenen Traum. Die junge Frau, die früher oft hungrig ins Bett gehen musste, möchte traditionelle äthiopische Kleider auf die Laufstege der Welt bringen und eine international erfolgreiche Designerin werden.
Unermüdlicher Fleiß, unerschütterlicher Glaube
Mehader weiß, dass ihr Traum nur mit unermüdlichem Fleiß, unerschütterlichem Glauben an die eigenen Fähigkeiten und viel Glück zu erreichen sein wird. Denn der Weg in die globale Modewelt wird für die ehrgeizige Äthiopierin so steinig und staubig sein wie die unbefestigte Piste, die zu einem winzigen Haus in einem Armenviertel der äthiopischen Stadt Adama führt. Hier hat sie ihre kleine Schneiderei eingerichtet, hier schläft sie auf einer dünnen Matratze auf dem Boden neben ihrer gebrauchten Nähmaschine.
Noch ist das Modegeschäft in Äthiopien eine Einbahnstraße, doch Mehader will auf dieser Einbahnstraße zur Geisterfahrerin werden. Bislang wird der riesige Markt des 135-Millionen-Einwohner-Landes mit billigster Mode aus China, Bangladesch und anderen asiatischen Billiglohnländern geflutet. Auch die oft gut gemeinten Altkleiderspenden aus Europa haben manchmal verheerende Auswirkungen auf den lokalen Markt.
Mehader stellt sich diesem Trend schon jetzt erfolgreich entgegen. „Klamotten aus China sind meist billiger als meine Unikate. Aber die China-Klamotten sehen halt auch entsprechend aus. Vor allem für besondere Anlässe wie Hochzeiten wollen meine Kundinnen wirklich schöne Kleider. Dafür sind sie bereit, dreimal so viel wie für ein China-Kleid zu zahlen“, sagt die selbstbewusste Schneiderin.
Mehader spart bereits für eine zweite Nähmaschine
Langfristig will sie ihre Kleider nicht nur in ihrer Nachbarschaft, sondern weltweit verkaufen. Um mit ihrer eigenen Kollektion international erfolgreich zu sein, möchte die kreative Modeschöpferin traditionelle äthiopische Stoffe und Muster mit internationalen Trends kombinieren.
Ihre ehrgeizigen Pläne wird Mehader nicht alleine umsetzen können. Die geschäftstüchtige Näherin: „Bereits jetzt kann ich jeden Monat rund 1000 Birr (umgerechnet rund 5,50 Euro) zurücklegen. Bald werde ich davon eine weitere gebrauchte Nähmaschine kaufen können. Und dann werde ich eine weitere Schneiderin einstellen. Und dann noch eine. Hoffentlich kann ich bald vielen Frauen gute Arbeit geben und viele Kleider verkaufen.“
Dieser Artikel erschien in der Passauer Neuen Presse während der Weihnachtsaktion "Ein Licht im Advent" zugunsten der SOS-Kinderdörfer.