Ashenafi webt an seiner Zukunft
Nach dem Tod seiner Mutter musste Ashenafi die Schule verlassen und schlug sich als Tagelöhner auf dem Bau durch. Mit Unterstützung der SOS-Kinderdörfer erarbeite sich der 18-Jährige eine zweite Chance. Jetzt verdient er als Weber seinen Lebensunterhalt - ein Beispiel dafür, wie Hilfe zur Selbsthilfe funktionieren kann.
Von Eva Fischl
Größer könnte der Gegensatz kaum sein. Mitten in einem der größten Slums der äthiopischen Stadt Adama liegt eine kleine Manufaktur für edle Stoffe. In dem winzigen Raum wurden Pflöcke in den nackten Lehmboden gerammt. Putz blättert von den türkisgrün gestrichenen Wänden, vor Regen schützt nur ein schiefes Wellblechdach. Kreuz und quer sind Seile gespannt, die mit Hölzern und einer Art überdimensioniertem Kamm Webstühle bilden. Zwei junge Männer sitzen auf dem Boden, die Füße in einer ausgehobenen Mulde verborgen, und ziehen in großer Geschwindigkeit weiße und grüne Garne durch die gespannten Fäden.
Traditionelle äthiopische Handwerkskunst als Hilfe zur Selbsthilfe
Es ist ein archaischer Anblick im Jahr 2025. So wurde vermutlich auch schon vor Tausenden von Jahren gewebt. Für Ashenafi, einen der beiden jungen Männer in der kleinen Manufaktur, bildet dieses alte Handwerk, das in Äthiopien eine lange Tradition hat, die Lebensgrundlage. Der 18-Jährige und sein Kollege weben auf den einfachen Webstühlen feine Tücher aus weißer Baumwolle, die Teil der äthiopischen Landestracht sind. Verziert werden sie mit grünen, roten oder gelben Garnen in bestimmten Mustern. Der Verkauf der Tücher sichert Ashenafi die Existenz. „Endlich kann ich meine Miete und mein Essen bezahlen und muss mir keine Sorgen mehr machen, ob ich morgen einen Job finde oder nicht“, erzählt der 18-Jährige. „Alles, mein ganzes Leben hat sich verbessert.“
Ashenafi stammt aus einer kinderreichen, sehr armen Familie. Als seine Mutter starb, war er 14 Jahre alt. Kurz darauf musste er die Schule verlassen, weil es sich die Familie nicht mehr leisten konnte. „Unser Leben wurde immer härter“, erzählt Ashenafi. Der Jugendliche schlug sich als Tagelöhner durch, fand immer mal wieder Jobs auf dem Bau. Doch der geringe Verdienst für die körperliche Schwerstarbeit reichte nie aus, um gut über die Runden zu kommen. Immer wieder drohte ihm der Absturz in die Obdachlosigkeit.
Ausbildung als Weber und berufliche Starthilfe
Doch dann erhielt Ashenafi plötzliche eine zweite Chance. Staatliche Sozialarbeiter:innen brachten ihn mit Mitarbeitenden der SOS-Kinderdörfer in Adama zusammen, die Ashenafi in eines ihrer Hilfsprogramme aufnahmen. „Ich durfte an den Trainings teilnehmen und entschied mich für die Weberei“, erzählt der 18-Jährige. „SOS stellte mir das Material für den Webstuhl und Garne zur Verfügung, damit ich loslegen konnte“, sagt Ashenafi.
Und das ließ sich der junge Mann nicht zweimal sagen. Mit Feuereifer und großer Freude geht er ans Werk. Ein Tuch webt er an einem Tag, arbeitet er auch nachts, dann schafft er sogar zwei, erzählt der 18-Jährige mit einem breiten Grinsen. „Ein Tuch kann ich für 1000 Birr (umgerechnet etwa 5,50 Euro) verkaufen, etwa 500 Birr kostet mich das Material“, rechnet Ashenafi vor.
Von Ashenafis Arbeit profitieren auch andere
Von der Weberei im Slum profitieren auch Frauen, die in der Straße vor der keinen Manufaktur Garne herstellen, die Ashenafi und sein Kollege zum Weben brauchen. Ashenafis Plan: Er will die Produktion steigern und den Vertrieb ausbauen. Dabei denkt der 18-Jährige auch an andere. „Wir haben so viele Straßenkinder hier. Sie könnten als Händler meine Tücher verkaufen und hätten dann auch ein eigenes Einkommen“, überlegt der 18-Jährige. So könne er etwas zurückgeben und auch anderen eine zweite Chance ermöglichen.
Geht sein Plan auf, dann haben auch die SOS-Kinderdörfer eines ihrer wichtigsten Ziele erreicht. „Die größte Herausforderung für junge Menschen in Äthiopien ist die Arbeitslosigkeit“, sagt Landesdirektor Sahlemariam Abebe. Die SOS-Kinderdörfer befähigen Jugendliche und junge Erwachsene, sich selbst aus der Armut zu befreien und neu anzufangen. Ashenafis Geschichte zeigt uns, dass diese Hilfe Kreise zieht.
Dieser Artikel erschien in der Passauer Neuen Presse während der Weihnachtsaktion "Ein Licht im Advent" zugunsten der SOS-Kinderdörfer.