Corona in Italien: "Die Kinder vermissen die Schule"

Interview mit SOS-Kinderdorf-Leiterin im norditalienischen Vincenza

62 Kinder und fünf Jugendliche sind in ihrer Obhut: Marta Trecco ist SOS-Kinderdorfleiterin im norditalienischen Vincenza. Wir haben sie gefragt, wie sie und ihre Schützlinge mit der Ausgangssperre und der Angst vor der Ansteckung mit dem Corona-Virus zurechtkommen.

Frau Trecco, was hat sich im SOS-Kinderdorf Vincenza seit dem Ausbruch des Corona-Virus verändert?

Marta Trecco ist SOS-Kinderdorf-Leiterin im norditalienischen Vincenza.

Wir hatten immer eine starke Dorfgemeinschaft, alle Familien teilten ihren Alltag und die wichtigsten Momente miteinander – das ist gerade nicht mehr so möglich. Jetzt bleibt jede Familie für sich in ihrem Haus, wir müssen Kontakte vermeiden, zwischen den Familien und auch zu unserer Nachbarschaft. So etwas hatten wir noch nie seit der Eröffnung 1981. Unsere Betreuerinnen und Betreuer tragen einen Mundschutz, wenn sie mit den Kindern lernen, spielen oder fernsehen. Bis auf die SOS-Mütter und Erzieherinnen und Erzieher arbeiten alle Mitarbeiter von zuhause aus. Die Kinder gehen nur in Fünfer-Gruppen hinaus zum Spielen auf die Wiese des Kinderdorfs, sie wechseln sich in Schichten ab.

Wie kommen die Kinder damit zurecht?

Sie möchten natürlich ihre Freunde aus den anderen Häusern, aus der Schule oder dem Kindergarten sehen. Sie vermissen sie. Aber wenn wir ihnen erklären, warum das im Moment nicht möglich ist, sind sie sehr verständig und solidarisch. Es ist beeindruckend, wie gut die Kinder mitmachen. Die meisten fühlen sich sicher zuhause, dank der guten Arbeit der Betreuerinnen und Betreuer. Sie reden viel mit den Kindern und Jugendlichen, nehmen ihre Ängste ernst und erklären, wie man sich schützen kann. Obwohl es manchmal schon frustrierend ist, vor allem für die kleineren Kinder, nicht hinausgehen zu dürfen, halten sich alle an die Regeln.  Alle vermissen ihren gewohnten Alltag, ich habe sogar schon von Jugendlichen gehört: „Ich will endlich wieder zur Schule gehen!“ Das haben sie vorher nie gesagt.

Wie erklären Sie den Kinder, was gerade geschieht und warum sie zuhause bleiben müssen?

In ihrer Isolation machen sich die Menschen in Italien gegenseitig Mut: singend auf dem Balkon und im Internet unter dem Hashtagh #andràtuttobene - alles wird gut gehen! Hier haben italienische SOS-Kinder ein Plakat gemalt, um den Aufruf zu Solidarität in der Corona-Krise zu unterstützen. Wir halten zusammen!

Wir versuchen ganz konkrete Erklärungen zu geben, dafür lassen wir uns viel Zeit und wir wiederholen es immer wieder. Den Kleineren zeigen wir, wie sie sich schützen können, in dem sie sich die Hände auf eine bestimmte Weise waschen. Und dass sie einmal ganz langsam „Tanti auguri a te“ singen sollen, während des Einseifens, damit es auch gründlich ist und lange genug einwirken kann.

Worüber machen sich die Kinder Sorgen?

Fast alle Kinder, die wir betreuen, sind Sozialwaisen und haben Eltern, die sich nicht um sie kümmern können. Viele Kinder sorgen sich weniger um sich selbst, als um ihre leiblichen Eltern, die sie jetzt nicht mehr treffen können. Sie würden sie am liebsten im Kinderdorf in Sicherheit bringen.

Wie beschäftigen Sie die Kinder zuhause?

Wir binden die Kinder und Jugendlichen stärker in die täglichen Abläufe ein: Wir kochen mit ihnen einfache Rezepte – mittlerweile sind sie echte Spezialisten im Zubereiten von Keksen, Fleischbällchen und selbstgemachten Ravioli und Tortellini! Bevor der Kontakt selbst zwischen den einzelnen SOS-Familien unterbunden werden musste, hielten wir im SOS-Kinderdorf noch Informationsveranstaltungen ab über Gender-Gerechtigkeit und den Internationalen Frauentag. Wir zeigten ihnen, wie man vertikale Gärten baut und bepflanzt im Rahmen der Aktion "M 'Illumino di Meno” - einer italienischen Umweltinitiative.

Was brauchen Sie alle jetzt am meisten?

Wir stellen gerade sicher, dass für die Kinder immer genug Betreuerinnen und Erzieherinnen da sind. Wenn jemand krank wird, muss er zuhause bleiben, also haben alle, die gesund sind, mehr Dienste als üblich. Uns fehlen Mundschutz und Händedesinfektionsmittel und antibakterielle Putzmittel. Außerdem brauchen wir dringend PCs und Laptops, damit die Kinder und Jugendlichen von zuhause aus lernen können, denn wenn alle sechs Kinder in einem Haus die E-Learning-Programme der Schule machen sollen, ist ein PC zu wenig.

 

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