"Ich bekam die Familie, von der ich immer geträumt habe."

Iryna war noch ein Kind, als sie erfuhr, wie zerbrechlich Familie sein kann – und wie wertvoll zugleich. In Brovary geboren, erlebte sie eine von Schwierigkeiten überschattete Kindheit. Ihre Rettung: die Aufnahme ins SOS-Kinderdorf, das ihr einen Neuanfang und eine echte Familie ermöglichte.

Iryna wurde 1999 in eine große Familie geboren, in einer Stadt, deren Name seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine vielen ein Begriff ist: Brovary. Glücklich war die erste Zeit nicht. Ihre Mutter, alleinerziehend und mit zu vielen Kindern überfordert, war kaum präsent. "Die meiste Zeit wurden meine Geschwister und ich von meiner älteren Schwester und meinem älteren Bruder betreut – sie waren damals selbst noch Kinder", erinnert sich Iryna.

Es waren schwierige Jahre, überlagert von den Erinnerungen an Sozialdienste, die das Haus regelmäßig aufsuchten. 2007 und 2008 seien von "ständigen Kontrollbesuchen" geprägt gewesen, sagt sie. Schließlich, eines Tages, kamen die Geschwister in ein Waisenhaus. "Ich erinnere mich nur noch vage. Ich bekam geschmacklosen Brei zu essen und hatte Angst. Es war dunkel", sagt sie.

Ein neuer Anfang

Im Frühjahr 2009 dann der Wendepunkt: Iryna und ihre Geschwister werden in einer Pflegefamilie aufgenommen – unter dem Dach des SOS-Kinderdorfs Brovary. "Hier bekam ich die Familie, von der ich immer geträumt hatte. Es war die schönste Zeit meiner Kindheit", sagt Iryna. Es sind einfache Worte, denen man anmerkt, wie viel sie ihr bedeuten. "Ich bin so dankbar, dass das Schicksal mir die Chance gegeben hat, zusammen mit meinen Geschwistern in einer Familie aufzuwachsen." Zum ersten Mal spürte Iryna, was es bedeutet, Teil einer Familie zu sein.

"Ich wünsche mir, dass jedes Kind die Liebe und Unterstützung erfährt, die ich bekommen habe. Es verändert alles." Sie erinnert sich an gemeinsame Kochabende, an Ermutigungen, an Unterstützung bei den Hausaufgaben. "Meine Pflegemutter brachte uns bei, wie man Beziehungen aufbaut. Ich habe so viel von ihr gelernt. Dank dieser Unterstützung bin ich die Person, die ich heute bin."

"Ich wünsche mir, dass jedes Kind die Liebe und Unterstützung erfährt, die ich bekommen habe. Es verändert alles."

Iryna, alleinerziehnde Mutter, aufgewachsen im SOS-Kinderdorf Brovary, Ukraine

Nach dem Schulabschluss geht Iryna aufs Berufskolleg, spezialisiert sich auf Büroverwaltung. Später folgt ein Studium im Bereich Informations- und Dokumentationsmanagement, das sie erfolgreich abschließt. Selbstständigkeit bedeutet für Iryna mehr als einen Abschluss – es bedeutet ein eigenes Zuhause. Mithilfe einer staatlichen Wohnbeihilfe kauft sie 2021 eine kleine Wohnung in einem nahegelegenen Dorf. "Ich wollte sie so gestalten, dass meine Tochter und ich uns dort wohlfühlen", sagt sie.

Als die groß angelegte Invasion Russlands beginnt, engagiert sich Iryna als Freiwillige, unterstützt Vertriebene, sammelt Spenden.

Die Familie steht im Mittelpunkt

Heute ist Iryna selbst Mutter. Ihre Tochter ist drei Jahre alt. Die eigene Familie steht für sie im Mittelpunkt, ihre Bindung zu den Geschwistern ist eng, zur leiblichen Mutter besteht wieder Kontakt. "Ich versuche, sie so gut ich kann zu unterstützen", sagt sie.

Iryna bleibt den SOS-Kinderdörfern verbunden, gibt Workshops für Jugendliche, teilt ihre Erfahrungen. Ihr Weg soll anderen Mut machen, damit auch sie eine Familie bekommen, von der sie bisher nur träumen konnten.