„Heute darf ich müde sein“
Kateryna floh vor vier Jahren mit ihren Söhnen aus der Ukraine nach Georgien. Die alleinige Verantwortung für zwei Kinder – fernab der Heimat – wurde zur psychischen Zerreißprobe. Im Frauen-Club der SOS-Kinderdörfer fand sie Freundinnen und lernte, für sich selbst zu sorgen.
Steffi Davis
Chefredakteurin
schreibt über die weltweite Arbeit der SOS-Kinderdörfer, über bewegende Erfolgsgeschichten, mentale Gesundheit und starke Persönlichkeiten.
„Wir hatten alles – ein Eigenheim, ein Auto, Haustiere und stabile Jobs. Aber eines Tages brach alles zusammen.“ Kateryna sitzt in ihrer Wohnung im georgischen Kutaisi, als sie uns ihre Geschichte erzählt.
Ausbruch und Aufbruch
Die 40-Jährige erinnert sich gut an ihr altes Leben in Kyiv, an die Zeit, als sie noch keine Sorgen kannten. Doch am 20. März 2022, um 4 Uhr morgens, änderte sich alles: Ein lauter Knall, grelles Licht – eine Rakete schlug in der Nachbarschaft ein.
„Da hatte ich zum ersten Mal wirklich Angst – um mein Leben und das meiner Kinder.“ Es folgte eine schwere Entscheidung: Sie packte zwei Koffer, nahm ihre beiden Söhne mit und stieg in einen Evakuierungszug.
Sie fuhren die Nacht über mit ausgeschaltetem Licht in einem überfüllten Waggon. „Erst am nächsten Morgen, in Polen, spürten wir den stillen Himmel und etwas Ruhe“, sagt Kateryna. Sie flogen weiter nach Kutaisi. Den Kindern, damals 6 und 12, erklärte sie, dies sei ein kleines Abenteuer – eine Pause vom Krieg.
Ankommmen in Georgien
Die ersten Wochen überwältigten Kateryna. Sie schlief viel, alles fühlte sich unwirklich an. Zusätzlich machte auch ihr Ehemann in der Ukraine ihr Druck, wieder zurückzukommen. Die Ehe zerbrach. Kateryna war psychisch an einem Tiefpunkt.
Dann kam der Jobverlust: Katerynas Arbeitgeber in der Ukraine verlangte nach einer Weile Präsenz in Kyiv. Von Georgien aus im Homeoffice zu arbeiten, war nicht mehr möglich. „Die Sicherheit meiner Kinder ist meine allererste Priorität. Ich musste also meine Karriere opfern.“ In Kutaisi fand sie schließlich eine neue Stelle, doch finanziell blieb es eng.
Kateryna arbeitete ohne Pause, war Mutter, „Vater“, Haushalts-Managerin, Köchin und Alleinverdienerin zugleich. Irgendwann musste sie sich eingestehen: „Ich bin erschöpft und ausgebrannt. Ich muss mich ausruhen und Luft holen.“

Hilfe annehmen
Kateryna merkte, dass sie immer weiter in eine Depression versank und ihre Söhne nur noch schwer erreichte. Über ihr Netzwerk erfuhr sie von den Angeboten der SOS-Kinderdörfer in Georgien. Albina, Psychologin bei den SOS-Kinderdörfern Georgien, half ihr, mit ihren überwältigenden Gefühlen umzugehen.
„Die größten Herausforderungen, mit denen wir derzeit konfrontiert sind, sind starke Ängste bei Kindern, depressive Zustände bei Erwachsenen und Angststörungen.“
Gemeinsam stark
Neben den Einzelgesprächen und der Kunsttherapie besuchte Kateryna auch die Frauengruppen der SOS-Kinderdörfer. 10 bis 15 Mütter treffen sich regelmäßig, tauschen sich aus, geben sich Halt. „Die Gespräche mit den Frauen stärken mich. Ich merkte, ich bin nicht allein“, sagt Kateryna.
„Wir machten viele praktische Übungen und lernten, besser mit unseren Kindern zu kommunizieren“, erzählt Kateryna. Sie übte, Botschaften ohne Vorwurf zu formulieren und sieht ihre heranwachsenden Teenager heute als Verbündete. So fand die Familie zu mehr Ruhe und Nähe.
Botschaft an andere Frauen
Kateryna hat neue Stabilität und Energie gewonnen. Ihre Botschaft:
„Liebe Frauen! Wir wissen, dass wir stark sind und 120 % oder sogar 200 % geben können. Aber manchmal reicht es, sich selbst einzugestehen: Ja, ich bin müde. Heute schaffe ich einfach nichts. Und wenn es wirklich schlimm ist und aussieht, als gäbe es keinen Ausweg, gibt es speziell geschulte Fachkräfte, die dir helfen können!“
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Chefredakteurin
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