Bin ich sicher? Bin ich okay? Gehöre ich dazu?

Kinder brauchen gute Antworten auf diese drei Fragen, damit eine innere Heimat entsteht, sagt Herbert Renz-Polster. Im Interview erklärt der Kinderarzt und Bestsellerautor, warum das so wichtig ist - nicht nur, aber besonders in Zeiten von Corona.

Herr Renz-Polster, wie schwierig ist das Leben für Kinder in Zeiten von Corona?'

Herbert Renz-Polster - Foto: Judith Polster

Manche kommen richtig gut klar, andere sind verunsichert, ziehen sich zurück oder sind besonders Nähe bedürftig. Wieder andere verhalten sich unmöglich. All das ist berechtigt. Die Kinder drücken aus, wie es ihnen geht. Unser Job als Eltern ist es, zu versuchen zu verstehen, was los ist. Wenn wir hartnäckig sind, werden wir den Grund fast immer finden: Stimmt, eigentlich ist die Situation richtig belastend für mein Kind!

Wie können Kinder vielleicht sogar gestärkt aus dieser Zeit hervorgehen?

Die Umstände verändern sich gerade schneller als je zuvor, das kann ein tolles Lernen sein! Kinder können neue Stärken entwickeln, weil da plötzlich Freiräume sind. Vielleicht entdecken sie ihr Organisationstalent oder sie beginnen zu gärtnern oder zu kochen – Dinge, die vorher nicht gefragt waren oder für die sie nie Zeit hatten, weil ihre Tage durchgeplant waren. Das ist nicht nur eine Chance für die Kinder, sondern auch für Eltern und Lehrer, neue Wege des Lernens zu erproben. Ich wünschte mir sehr, dass all diese Keime auch nach Corona weiterwachsen dürfen und wir Kinder nicht wieder auf die alten, oft viel zu engen Räume begrenzen!

Wie können Eltern ihre Kinder gut durch so eine Krise begleiten?

Das Urbedürfnis des Kindes ist grundsätzlich das nach Heimat, also nach dem Gefühl: Hier ist es gut, hier ist ein Netz, das mich hält. In der Krise ist es besonders wichtig, dass Eltern für ihre Kinder Heimatgeber sind. Das ist viel entscheidender, als akribisch dafür zu sorgen, dass sie sämtlichen Schulstoff nachholen.

Was genau meinen Sie damit: einem Kind Heimat zu geben?

Eigentlich geht es immer darum, einem Kind Antworten auf die drei existentiellen Fragen zu geben: 1. Bin ich sicher? Das ist die Kernfrage des Menschen. Ein Kind würde vielleicht formulieren: Gell, du passt auf mich auf? Es will wissen, dass es nicht in Not gerät.

2. Die Frage nach Anerkennung: Bin ich okay? Mit anderen Worten: Muss ich so sein, wie andere das haben wollen, oder darf ich so sein, wie ich bin? 3. Gehöre ich dazu? Bin ich also ein Teil meiner Gemeinschaft, spiele ich eine Rolle.

Kinder stellen mit ihrem Verhalten permanent diese drei Fragen: nach Sicherheit, Zugehörigkeit und Anerkennung. Aus den Antworten weben sie sich etwas, das ich ein Gefühl von Heimat nenne: Hier ist es okay, ich bin okay und ich komme nicht in Not.

Gerade in der aktuellen Krise haben viele Mütter oder Väter vielleicht selbst akute Angst um ihren Job oder ihre Gesundheit. Da kann es schwer sein, dem Kind all das zu geben.

Natürlich! Und ich habe großen Respekt vor Eltern, die den Laden teils unter extrem schwierigen Bedingungen am Laufen halten. Alle Achtung, wenn sie es trotzdem schaffen, dem Kind das Gefühl zu vermitteln: Wir machen das Beste daraus. Wenn sie der gemeinsamen Zeit Platz einräumen und immer mal wieder in bisschen Sonnenschein reinkriegen, trotz all der Wolken.

Eltern müssen nicht perfekt sein?

Nein! Ich bin sogar der Meinung, dass wir uns manchmal in eine Falle hineinmanövrieren, wenn wir alle Eltern an festgelegten Normen messen. Jedes Kind ist anders und jeder Vater, jede Mutter hat eine andere Persönlichkeitsstruktur und wird Heimat anders vermitteln. Ich finde es deshalb schade, dass manchmal der Eindruck entsteht, es käme auf die genau richtigen Zutaten an: Da muss ein Kind so und so lange gestillt werden, windelfrei aufwachsen und man muss mindestens Zeichensprache mit den Kindern sprechen. Aber das Gefühl von Heimat liegt viel tiefer: Ich kann auch Heimat geben, wenn ich mit der Flasche füttere! Es sind nicht die Zutaten, die zählen, es geht nicht um die Töne, sondern um die Musik…

Wie wirkt es sich auf das spätere Leben aus, ob ein Kind das Gefühl von Heimat hatte?

Menschen, die mit dem Gefühl aufwachsen, wertvoll und sicher zu sein, werden selbstsicher. Sie können später auch andere Menschen und die Welt entsprechend wohlwollend betrachten. Die gelungenen Bindungen, die in der Kindheit und Jugend aufgebaut werden, sind deshalb Resilienz-Faktoren: Sie helfen, mit dem Leben klar zu kommen und machen widerstandsfähiger gegen die Stürme des Lebens.

Wie geht es dann Menschen, die diese nicht erleben durften?

Sie haben es schwerer sich zu finden und zu behaupten. Aber das heißt nicht, dass sie das nicht schaffen, und es heißt auch nicht, dass sie nicht ein gutes Leben finden können, das ist mir wichtig. Sie bleiben aber oft verletzlicher, manche auch ängstlicher. Und während manche dann doch ihre Sicherheit finden, weil sie im Leben und mit anderen Menschen gute Erfahrungen machen, bleiben andere an der Suche nach Ersatz hängen. Manchmal an Drogen, manchmal an Sekten, manchmal an politischen Ideologien, die dann das Vakuum füllen, das sich nie schließen durfte: Dann bin ich sicher, weil ich mich abgrenze, weil ich einen Führer habe oder eine Mauer baue. Ich bin anerkannt, weil ich Deutscher bin oder ein Weißer. Und ich bin okay, weil ich überlegen bin. Solche Dinge…

Erziehung hat also eine politische Komponente?

Absolut. Das Erziehungsklima von heute schafft entweder Sicherheit oder Verletzlichkeit. Und damit bestimmt es auch das gesellschaftliche Klima von morgen!

"Menschen, die mit dem Gefühl aufwachsen, wertvoll und sicher zu sein, werden selbstsicher", sagt Herbert Renz-Polster. Das Foto zeigt ein Mädchen mit seiner SOS-Kinderdorf-Mutter in Kolumbien. Foto: Giti Carli Moen

Die allermeisten Jungen und Mädchen, die in die SOS-Kinderdörfer kommen, haben schon früh Erfahrungen von Verlassen werden gemacht. Inwiefern können sie trotzdem noch eine innere Heimat finden?

Am leichtesten ist es sicher für die Kinder, die zumindest irgendwann mal eine sichere Bindung erfahren haben, bevor sich ihr Leben gewandelt hat und vielleicht ein Krieg kam oder eine Katastrophe. Oder ein Beziehungsabbruch. Es ist toll, wenn der Rahmen mal gestanden hat. Das ist zwar keine Impfung, aber die Kinder können später leichter wieder in eine Spur finden.

Was ist mit den anderen Kindern, die diese Erfahrung nie machen durften?

Auch Menschen mit schlechten Bindungserfahrungen können nachreifen und sich festigen. Jeder Zipfel einer gelungenen Bindungserfahrung ist wichtig! Wenn da in der Not ein liebevoller Mensch kommt, zum Beispiel eine SOS-Kinderdorfmutter oder ein Lehrer, ein Sozialarbeiter, kann das später ganz entscheidend sein.

Für die Mütter ist das oft nicht leicht, eine gute Beziehung zu diesen Kindern aufzubauen. Manche der Kinder sind übertrieben Nähe suchend, andere begegnen ihrer neuen Mutter oder ihren neuen Eltern betont abweisend, wie wenn sie eine Schutzmauer aufbauen wollten oder müssten. Sie sind sehr misstrauisch und ängstlich und müssen das richtige Maß von Nähe und Distanz erst finden. Weil sie nie die Erfahrung gemacht haben, sich sicher und wohl zu fühlen, werden sie auch jetzt jeden Hinweis nehmen, die Mutter und das Kinderdorf schlecht zu finden: Ich wusste es doch! Die Welt ist nicht verlässlich!

Wie soll die Mutter reagieren?

Von ihr ist jetzt gefragt, dass sie das Verhalten nicht auf sich bezieht und sich innerlich sagt, dass sie ihre Sache gut macht. Dass sie weiß: meine Aufgabe ist es dafür zu sorgen, dass der Laden läuft und die Stimmung dabei okay ist. Wenn ich das schaffe, ist das wunderbar und eine Einladung an dieses Kind. Mehr geht nicht. Und dass sie nicht aus der Beziehung herausgeht – das ist das schwerste, die bedürftigsten Kinder zeigen uns ja oft ihre stressigsten Seiten. In solchen Momenten ist es hilfreich, sich daran zu erinnern, dass Bindung nicht bedeutet, ein Gefühl von Harmonie herstellen zu müssen, sondern möglichst gute Antworten auf die drei Fragen zu geben, die ich oben angesprochen habe.

Unter anderem für solche Situationen werden alle SOS-Mütter geschult und die Kinder bekommen auch psychologische Unterstützung.

Das ist ganz wichtig, weil Liebe allein nicht reicht und nicht die Sicherheit geben kann, die die Kinder oft brauchen. Genauso gehört die Anerkennung dazu: Sie müssen gehört werden, ihre Meinung muss ernst genommen werden. Und es braucht die Bereitschaft der Erwachsenen, Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen: Ich kann sie nicht von außen stärken; Kinder müssen selber stark werden! Sie müssen ihr Glas mit Liebe füllen können, aber auch die Möglichkeit haben, es wieder auszuschütten, sich auszuprobieren, zu bewähren, als kompetent wahrzunehmen und dadurch zu wachsen.

In den Kinderdörfern gehen nicht nur die Mütter, sondern auch Pädagogen, Psychologen, Dorfleiter oder SOS-Geschwister Bindungen mit den Kindern ein. Und auch die SOS-Familienstärkung ist eine Art erweitertes Familiennetz. Inwiefern ist das unterstützend?

Für die Kinder ist es von Vorteil, mehrere verlässliche Beziehungspersonen zu haben, denn es geht ja bei der Bindung nie nur um einen Faden zwischen Mutter und Kind, sondern immer um ein Netzwerk. Das ist in der Natur des Menschen so angelegt: Unser Nachwuchs ist viel zu unreif und zu abhängig, als dass die Mutter das alleine schaffen könnte. Entsprechend sind Kinder bereits sehr früh offen für Versorger, denen sie bedeutsam sind, die es gut mit ihnen meinen, und die verlässlich sind. Sie lesen also klar heraus, ob jemand sie gut versorgen und begleiten kann und seinen "elterlichen" Job gut macht. Dann bauen sie entsprechende Bindungen auf, die sogar die Bindungen zu den Eltern weit übersteigen können. Catch as catch can!

Wie lange bleibt das so?

Immer! Wir Menschen sind hochsoziale Wesen und können unsere Bedürfnisse nur über gelungene Beziehungen erreichen. Mit anderen Worten: Wir hängen unser Leben lang an den unsichtbaren Schnüren von Beziehungen. Ich finde wichtig, sich das klar zu machen. Autonomie heißt dann auch nicht, unabhängig von anderen Menschen zu werden, für mich zu kämpfen und mich in Hierarchien behaupten zu können, sondern Autonomie ist die Fähigkeit zur Verbundenheit – die Beziehungsfähigkeit!

Viele Familien, die von den SOS-Kinderdörfern weltweit unterstützt werden, leben in großer Armut. Können Kinder stabile Beziehungen aufbauen, wenn sie ständig Hunger und Angst ums Überleben haben?

Diese Art von extremer Armut bedeutet für die Familien einen permanenten Stress, Krankheiten, psychische Probleme, Niedergeschlagenheit. All das ist natürlich massiv belastend und wirkt sich auch auf die Beziehung aus. Das gilt auch für Familien in Deutschland, die in Armut leben, keinen Kreislauf der Sicherheit haben und permanent Stress empfinden. Die Augen der Kinder leuchten nicht. Das ist auch der Hauptgrund, warum sie in der Schule nicht so gut lernen können. Das hat nichts damit zu tun, ob sie genügend Angebote haben. Sie sind in dieser Stresssituation nicht offen für Lernangebote!

Gestresste Kinder lernen nicht?

Genau, das ist die Grundregel! Und sie lernen auch nicht, wenn die Bücherregale voll sind. Ich finde deshalb auch den Begriff der "bildungsfernen" Familien schwierig. Diesen Kindern fehlt doch viel mehr als das Bildungsangebot! Deshalb wäre es auch an unseren Schulen so wichtig, dass wir den Kindern Heimat geben und uns fragen: Fühlen Sie sich sicher, angenommen und zugehörig? Nur dann gehen die Augen auf und sie sind durchlässig für Bildung.

Sie sagen also, dass diese drei Punkte entscheidend für unser ganzes Leben sind?

Ja! Das ist es, was die Kinder trägt und was uns alle trägt! Auch als Eltern oder Lehrer fühlen wir uns doch nicht wohl in einer Veranstaltung, die nicht Heimat ist. Deshalb müssen wir alles daran messen!

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