Ein Baby, das Hoffnung schenkt

Edem kam HIV-positiv zur Welt. Die junge Äthiopierin und ihre Familie erlebten Krankheit, Krieg und Katastrophen. Jetzt hat Edem ein Baby bekommen, das den Virus nicht in sich trägt. Das gesunde Mädchen und die Unterstützung der SOS-Kinderdörfer geben der Familie Kraft und Zuversicht.

Senait* hat den Teufelskreis aus Armut und Krankheit durchbrochen. Sie ist erst 45 Tage alt, doch schon jetzt schenkt sie ihrer Mutter, ihrer Großmutter und ihrer Tante Hoffnung. Senaits Mutter, Senaits Vater und Senaits Tante wurden HIV-positiv geboren, Senaits Oma wurde vermutlich als junge Frau infiziert. Doch Senait trägt den Virus nicht in sich. Ein Test ergab: Senait ist HIV-negativ. Dank SOS-Kinderdörfer konnte ihre Mutter Medikamente nehmen, die die Übertragung der immer noch unheilbaren Krankheit aufs ungeborene Baby verhindern.

Nahaufnahme der Hände: Baby, Mutter und Großmutter
Antiretrovirale Medikamente schützten das Baby vor einer HIV-Infektion bei der Geburt: Edem brachte vor wenigen Wochen eine gesunde Tochter zur Welt. Die kleine Senait ist auch für ihre Tante Beteliham und ihre Großmutter Tekien ein Segen. − Foto: Hedemann

"Ich wusste, dass meine antiretroviralen Medikamente sehr wahrscheinlich dafür sorgen, dass mein Baby nicht in meinem Bauch infiziert wird. Trotzdem war es eine Riesen-Erleichterung, als ich drei Wochen nach ihrer Geburt schwarz auf weiß hatte: Senait ist negativ", erzählt Edem in einem wellblechgedeckten Häuschen in Mekelle im Norden Äthiopiens und lächelt ihre sechs Wochen alte Tochter verzückt an.

Die erst 18 Jahre alte Edem kann sich kaum noch an ein Leben ohne HIV erinnern. Sie war noch klein, als ihr Vater an Aids erkrankte und seine Frau und seine beiden Töchter sitzenließ. Daraufhin ließ Edems Mutter Tekien auch sich und ihre Töchter testen. Das Ergebnis schockte die alleinerziehende Mutter. Auch sie und ihre Kinder waren HIV-positiv. Wahrscheinlich hatten sie sich schon im Mutterleib infiziert. Edem war noch eine Grundschülerin, als ihre Mutter ihr erklärte, warum sie ab sofort jeden Tag eine kleine Tablette nehmen musste.

Mittlerweile können HIV-Patienten mit modernen antiretroviralen Medikamenten genauso lange und genauso gut leben wie Menschen ohne HIV. Dafür ist es allerdings extrem wichtig, dass sie ihre Medizin sehr regelmäßig einnehmen. Und das war in Mekelle, der Hauptstadt Tigrays, nicht immer möglich. Während des vor drei Jahren zu Ende gegangenen Krieges wurde die Region mit einer Blockade monatelang von der Außenwelt abgeschnitten. Es gelangten kaum Lebensmittel und Hilfsgüter nach Tigray – auch keine lebensrettenden Medikamente.

Lebensrettende Medikamente fehlten

"Während des Krieges konnten wir unsere Tabletten nur unregelmäßig nehmen. Meiner Mutter, meiner Schwester, aber vor allem mir ging es deshalb ziemlich schlecht. Ich war schwach, mir war schwindlig und ich hatte Gelenkschmerzen", erzählt Edems ältere Schwester Beteliham*, während sie das Baby ihrer Schwester streichelt, das friedlich auf ihrem Schoß schläft.
Auch die 24-Jährige hätte gerne ein Kind, allerdings ist ihr Vertrauen in Männer so nachhaltig erschüttert worden, dass es ihr schwerfällt, tiefe Bindungen einzugehen. Während der Corona- Pandemie wurden sie von einem Bekannten unter einem Vorwand in eine heruntergekommene Wellblech-Baracke gelockt, in der junge Männer Gewichte stemmen. Fünf der Bodybuilder stürzten sich sofort auf sie und vergewaltigten die zierliche Frau. "Ich habe geschrien, dass ich HIV-positiv bin und dass sie sich anstecken könnten. Aber sie haben mir ein Messer an den Hals gehalten und gesagt, dass sie mir die Kehle durchschneiden, wenn ich nicht sofort aufhöre zu schreien. Dann haben sie weitergemacht. Alle fünf", erzählt Beteliham und ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Keiner der Männer ist für die brutale Massenvergewaltigung je bestraft worden. Ob Beteliham sich wünscht, dass ein oder mehrere Täter sich angesteckt haben? "Nein. Ich will keine Rache. Ich bin mir sicher, dass Gott diesen Männern eine gerechte Strafe geben wird", sagt die Frau mit dem hölzernen Kreuz um den Hals. Sie brauchte viele tränenreiche Gespräche mit Psycholog:innen der SOS-Kinderdörfer bis sie endlich das zerstörerische Gefühl besiegt hatte, das sie selbst eine Schuld an dem trage, was ihr angetan wurde.

"Es fühlt sich super an, auf eigenen Beinen zu stehen"

HIV, Vergewaltigung, Krieg – weil das Leben hart zu ihr war, schaut Beteliham lieber nach vorne als zurück. Und was sie dort sieht, ist besser als das, was hinter ihr liegt.

Nachdem Beteliham, ihre Mutter und ihre kleine Schwester Edem von ihrem Vater sitzengelassen worden waren, die drei Frauen aufgrund ihrer HIV-Infektion diskriminiert und schließlich obdachlos wurden, haben die SOS-Kinderdörfer sie beim Bau eines kleinen lehmverputzten und wellblechgedeckten Hauses unterstützt. Dank finanzieller und psychotherapeutischer Unterstützung konnten sie neuen Lebensmut fassen, regelmäßig ihre Medikamente nehmen und Essen, Kleidung und Schulmaterialien kaufen. Beteliham und ihre Schwester konnten die Schule besuchen, die ältere Schwester absolvierte eine Ausbildung zur Frisörin, will jetzt ihren eigenen Schönheitssalon eröffnen. Edem studiert Buchhaltung, die Mutter der beiden jungen Frauen konnte ein kleines Lebensmittelgeschäft eröffnen. Ende dieses Jahres läuft die Unterstützung aus.
Die glückliche Großmutter: "Wir sind total dankbar, dass SOS uns jahrelang unterstützt hat. Wir sind aber auch total stolz, dass wir die Unterstützung jetzt nicht mehr brauchen. Es fühlt sich super an, auf eigenen Beinen zu stehen. Außerdem macht es mich glücklich, dass Kinder und Familien, die jetzt dringender Hilfe benötigen als wir, unterstützt werden können. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass das Leben retten kann."

* Namen zum Schutz der Persönlichkeitsrechte geändert

Dieser Artikel erschien in der Passauer Neuen Presse während der Weihnachtsaktion "Ein Licht im Advent" zugunsten der SOS-Kinderdörfer.