Aus Schmerz neue Stärke finden

Nach dem Tod seiner Eltern verlor Jenish den Halt. Heute wächst er bei seiner Tante in Indien auf und findet Schritt für Schritt zurück ins Leben.

Preeti war da, als sonst niemand konnte

Als Jenish sieben Jahre alt war, starben seine Eltern. In der Familie wusste zunächst niemand, wie es weitergehen sollte. Die Großeltern fühlten sich zu alt, um ein Kind großzuziehen. Der Onkel kämpfte selbst ums finanzielle Überleben. In dieser Situation übernahm Preeti, die Tante des Jungen, Verantwortung.

Preeti war damals 28 Jahre alt und arbeitete als Krankenschwester im indischen Bundesstaat Gujarat. Ihre eigene Geschichte war geprägt von Brüchen: Mit 14 war sie aus einer Kinderehe geschieden worden und hatte lange darum gerungen, ihren Platz im Leben zu finden. Als die Familie von dem doppelten Verlust erschüttert wurde, stellte sie ihr eigenes Leben zurück.

„Jenish ist ein sehr sensibles Kind und der Tod seiner Eltern hat ihn völlig aus der Bahn geworfen.“

Preeti, Tante von Jenish

Er hörte auf zu essen, sprach kaum noch und ging nicht mehr zur Schule. Die Familie stand bereits unter wirtschaftlichem und emotionalem Druck, als ein weiterer Schicksalsschlag folgte.

Jenish mit seiner Tante Preeti, die ihn liebevoll auf seinem Weg begleitet. Foto: SOS-Kinderdörfer Indien.

Ein zweiter Einschnitt 

Wenige Monate nach dem Tod der Eltern wurde Jenish von einem betrunkenen Autofahrer erfasst, als er Besorgungen machte. Der Aufprall war so schwer, dass er ins Krankenhaus eingeliefert und auf die Intensivstation gebracht wurde. Acht Tage lag er im Koma. Als er aufwachte, konnte er weder sprechen noch sich selbstständig bewegen. Er musste gefüttert und gewaschen werden wie ein Kleinkind.  

„Ich fühlte mich schuldig. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ein so kleines Kind so viel ertragen kann.“ 

Preeti, Tante von Jenish

An Jenishs Krankenbett traf sie eine Entscheidung. Sie kündigte ihren Job, um sich ganz um Jenish zu kümmern. Die Familie unterstützte sie dabei, so gut sie konnte. 

Verwandtschaft als Lösung 

Unterstützung erhält die Familie vom Kinship Care-Programm der SOS-Kinderdörfer Indien. Das vor Ort 2017 eingeführte Programm verfolgt ein klares Ziel: Kinder ohne elterliche Fürsorge sollen möglichst in ihrem vertrauten Umfeld aufwachsen können. Statt sie dauerhaft in institutionelle Betreuung zu geben, werden Verwandte gestärkt, damit sie Verantwortung übernehmen können.  

 

Aktuell nehmen 425 Kinder an diesem Programm teil, verteilt auf zehn Standorte in Indien. Das Konzept basiert auf einem einfachen, aber wirkungsvollen Prinzip. Kinder behalten ihr soziales, kulturelles und schulisches Umfeld, während die erweiterten Familien finanzielle und fachliche Unterstützung erhalten. Dazu gehören Beratung, pädagogische Begleitung und Hilfe bei der Sicherung des Lebensunterhalts. Ziel ist es, die Familien so zu stabilisieren, dass sie die Betreuung bis zur Volljährigkeit gewährleisten können. 

Zurück ins Leben 

Preeti begleitete Jenish durch eine lange Rehabilitation. Zwischen beiden entwickelte sich eine enge Bindung. Sie lernte, geduldig zu sein, besonders an Tagen, an denen er sich mit dem Lernen oder mit anderen Kindern schwertat.

Die Beratung im Rahmen des Programms half ihr zu verstehen, wie stark Traumata das Verhalten eines Kindes prägen können. Statt Strenge brauchte Jenish vor allem Sicherheit und Ermutigung. 

Ein speziell eingesetzter Mentor der SOS-Kinderdörfer besuchte ihn drei- bis viermal pro Woche zuhause. Gemeinsam arbeiteten sie daran, sein Selbstvertrauen wieder aufzubauen. Schritt für Schritt gewann Jenish Sprache und Beweglichkeit zurück. Ein besonderer Moment blieb der Familie in Erinnerung. Eines Tages sagte Jenish, er wolle später Polizist werden. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass er über seine Zukunft sprach.  

Gemeinsam stark

Der Mentor unterstützte ihn dabei, eine Sportart zu finden, die ihm Freude macht und sein Selbstbewusstsein stärkt. Jenish entschied sich für Cricket, eine der beliebtesten Mannschaftssportarten Indiens. Heute trainiert er regelmäßig mit seinen Freund:innen und gilt als talentierter Spieler. Zusätzlich erhielt er Nachhilfeunterricht. Auch seine Tante Preeti nahm zeitweise Englischstunden, um ihn besser begleiten zu können.  

Bei Treffen mit anderen Familien im Kinship Care-Programm fanden beide Austausch und Gemeinschaft. Sie trafen Menschen mit ähnlichen Erfahrungen, teilten Sorgen und Erfolge.

„Jenish hat sich weitgehend erholt. Er braucht weiterhin viel Ermutigung, aber man sieht deutlich, wie sich die gesamte Familie stabilisiert hat und Konflikte gelöst werden konnten.“  

Mahamuni Kamble, Programmexperte der SOS-Kinderdörfer Indien

Die Belastungen sind nicht verschwunden. Doch sie wiegen weniger schwer. Mit Unterstützung und familiärem Zusammenhalt haben Preeti und Jenish gelernt, ihre Last gemeinsam zu tragen und wieder nach vorn zu blicken.  

Jenish sitzt auf einer Bank, macht Hausaufgaben, und lächelt in die Kamera.
Nach all den Schicksalsschlägen kann Jenish wieder lachen. Foto: SOS-Kinderdörfer Indien.

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