Mexiko: Ein Zuhause nach der Flucht
Wie fängt man Familien auf, die auf der Flucht vor Bandengewalt bedroht, erpresst und verfolgt wurden? Michelle ist Sozialarbeiterin bei den SOS-Kinderdörfern in Mexiko. Sie unterstützt geflüchtete Familien dabei, wieder Sicherheit zu finden und neue Wurzeln zu schlagen. Wir haben mit ihr und einem betroffenen Familienvater gesprochen.
Entwurzelt, verängstigt, erschöpft: Die SOS-Kinderdörfer in Mexiko nehmen geflüchtete Familien auf und geben ihnen übergangsweise eine sichere Unterkunft sowie Nahrung und Kleidung. Den genauen Standort unseres Programms dürfen wir nicht nennen – zu groß ist weiterhin die Gefahr für einige Familien, von kriminellen Banden entdeckt zu werden.
Hilfe beim Neuanfang
Familienbetreuerin Michelle hilft den Menschen, die erlebte Gewalt zu verarbeiten und neuen Halt zu finden, weit weg von ihrem Zuhause. Sie stellt uns Juan* aus Guatemala vor.
Gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern lebt der Familienvater derzeit in einem Haus, das von den SOS-Kinderdörfern zur Verfügung gestellt wird – so lange, bis sie wieder auf eigenen Beinen stehen können. Stolz führt uns Juan durch jeden Raum und zeigt uns die Zeichnungen seiner Tochter an den Wänden.

Leben in ständiger Angst
Juans Geschichte gleicht einer Odyssee: In seiner Heimat Guatemala wurde er Zeuge eines Mordes und sagte bei der Polizei aus. Kurz darauf drangen Banden in sein Haus ein, schossen auf ihn. Aus Angst ließ die Familie über Nacht alles zurück – gut bezahlte Arbeitsstellen, Schule, Freund:innen, Familienangehörige.
Doch auch auf der Flucht waren Angst und Unsicherheit ihre ständigen Begleiter. Obwohl die Familie legal mit einem Touristenvisum nach Mexiko eingereist war, wurde sie sieben Tage lang von der Einwanderungsbehörde festgehalten.
Mithilfe einer Hilfsorganisation erhielt Juan schließlich eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis und fand Arbeit auf einem Agavenfeld. Doch auch dort geriet er in die Fänge krimineller Kartelle, wurde erpresst und zur Zahlung von Schutzgeld gezwungen. Als sein Einkommen dafür nicht mehr ausreichte, sah sich die Familie erneut zur Flucht gezwungen.
"Die größte Herausforderung für die Familie war die Angst. Seit sie ihr Land auf der Suche nach Schutz verlassen haben, waren sie ständiger Gewalt ausgesetzt."
Ein Ort zum Aufatmen
Im SOS-Kinderdorf konnte die Familie erstmals wieder aufatmen und neues Vertrauen ins Leben fassen. "Seit wir im SOS-Kinderdorf sind, habe ich die größte Veränderung bei meinen Kindern bemerkt", berichtet Juan. "Sie fühlen sich sicherer und endlich wieder zu Hause, weil sie hier Geborgenheit erleben."

Neben einem Zuhause erhalten die Familien von den SOS-Kinderdörfern Workshops, Gespräche und individuelle Begleitung im Alltag. Michelle ist es wichtig, die Familien in ihrer Entwicklung zu unterstützen.
Jedes einzelne Mitglied soll sich entfalten können, damit die Familie als Ganzes wieder zu einer starken Einheit wird. "Seit ich mit Juans Familie arbeite, ist mir vor allem aufgefallen, dass sie immer selbstbewusster werden. Hier können sie sich wieder als Familie erleben", sagt Michelle.
"Das Schönste an meiner Arbeit ist es, glückliche Kinder und Eltern zu sehen. Menschen, die wieder zueinanderfinden und das Familiengefühl aus ihrer Heimat wiederentdecken."
Der Weg in die Selbständigkeit
Gemeinsam mit Juan und seiner Frau arbeitet Michelle außerdem daran, finanzielle Perspektiven zu entwickeln und eine eigene Wohnung zu finden. Ein wichtiger Schritt ist bereits geschafft: Juan hat einen Job gefunden.
Wenn Juans Familie bereit ist, den nächsten Schritt zu gehen und auszuziehen, bleiben die SOS-Kinderdörfer weiterhin an ihrer Seite. Juan blickt hoffnungsvoll in die Zukunft: "Mein Traum ist ein Ort wie dieser — ein Zuhause, in dem wir unabhängig leben können, in dem sich meine Kinder und meine Frau wohlfühlen und wo es unserer ganzen Familie gut geht."
*Name wurde zum Schutz der Person geändert