"Rassismus ist unsere Lebensrealität"

Seit sieben Jahren ist Jeffrey Jackson Pflegevater im SOS-Kinderdorf Coconut Creek in Florida. Im Interview erzählte er uns am Tag der Amtseinführung Joe Bidens, wie es ist, vier Schwarze* Teenager in einem vom Rassismus zerrissenen Amerika großzuziehen.

Jeffrey, du bist Pflegevater. Was genau bedeutet das?

Ich bin SOS-Kinderdorf-Pflegevater von vier Jungs im Alter von 15 bis 18 Jahren. Was ich hier mache, ist meine Leidenschaft: Ich habe immer davon geträumt, junge Männer in ein erfolgreiches Leben zu begleiten. Hier im SOS-Kinderdorf tue ich genau das: Ich ersetze den Jungs den Vater, den sie nie hatten – denn die meisten der Kids in meiner SOS-Kinderdorffamilie kommen aus einem kaputten Elternhaus mit einer alleinerziehenden Mutter. Meine Aufgabe ist es, meinen Jungs Stabilität zu geben, ein Vorbild zu sein und sie zu ermutigen. Ich möchte, dass sie immer wissen: "Ich bin für dich da und unterstütze dich."

"Rassismus begleitet uns als Schwarze in den USA leider jeden Tag. Hier in der Familie reden wir viel darüber, damit die Kinder ihren Gefühlen und ihren Ängsten Ausdruck verleihen können."

Jeffrey Jackson, Pflegevater im SOS-Kinderdorf Coconut Creek

Der gewaltsame Tod von George Floyd am 25. Mai 2020 war Auslöser vieler Proteste in den USA – aber auch weltweit. Wie haben deine Pflegekinder auf die Berichte über Polizeigewalt reagiert?

Sie waren geschockt und traurig über die Vorfälle und einige von ihnen haben selbst im Alltag auch schon Rassismus erlebt. Rassismus begleitet uns als Schwarze in den USA leider jeden Tag. Hier in der Familie reden wir viel darüber, damit die Kinder ihren Gefühlen und ihren Ängsten Ausdruck verleihen können. Wenn es nötig ist, können sie auch mit ihrem Psychologen reden. Rassismus ist unsere Lebensrealität in den USA, auf die wir unsere Kinder vorbereiten müssen.

Welchen Rat gibst du den Jugendlichen, um sich auf diesen tiefsitzenden Hass in eurer Gesellschaft vorzubereiten?

Ich bringe ihnen ganz konkret bei, wie sie reagieren können, wenn sie in eine bedrohliche Situation geraten: Bleib zurückhaltend und ruhig, eskaliere die Situation nicht weiter. Entferne dich und geh weiter. Und wenn du Hilfe brauchst, ruf uns sofort an oder wende dich an jemanden in der näheren Umgebung. Gehe niemals alleine irgendwo hin, bewege dich immer in kleinen Grüppchen von zwei oder mehr Personen. Wenn du öffentliche Verkehrsmittel nutzt, ändere regelmäßig deine Routine, du weißt nie, wer dich beobachtet. Es ist traurig, wie vorsichtig wir sein müssen im Alltag, aber man ist nirgends wirklich sicher vor rassistischen Übergriffen – auch nicht im Einkaufszentrum oder auf dem Spielplatz.

Welche Erfahrungen hast du selbst als Kind mit Rassismus gemacht?

Meine Eltern haben mir früh eingetrichtert, dass ich als Schwarzer Junge nichts machen darf, was mir annähernd Ärger bringen könnte. Ich durfte zum Beispiel nicht mit Spielzeugpistolen spielen. Und sie haben mir beigebracht, wie ich mich in einer Notfallsituation verhalten muss.

Was erwartest du dir persönlich von eurem neuen Präsidenten Joe Biden? Glaubst du, dass sich etwas ändern wird?

Natürlich hoffe ich sehr, dass die Situation für Schwarze besser wird. Zumindest haben die tragischen Ereignisse am 6. Januar 2021 am Kapitol vielen Republikanern gezeigt, was hier gerade wirklich passiert in Amerika und wie ernst die Lage ist. Unter Trump wurde der Rassismus, der immer schon da war, noch mehr hervorgebracht in den Menschen. Wir sind im Moment so ein zerbrochenes Land. Ich wünsche mir, dass wir wieder zusammenkommen und normal miteinander umgehen können. Die Dinge werden sich ändern. Zumindest hoffe ich das, aber man hört doch immer wieder von Schwarzen Männern, die erschossen werden. Polizeibrutalität gibt es hier leider noch immer.

Die Kinder und Jugendlichen vom SOS-Kinderdorf Coconut Creek kommen regelmäßig in ihrem Community Center zusammen. In der Pandemie ist Basketballspielen an der frischen Luft eine willkommene Abwechslung zu Lockdown und Home Schooling. Foto: Jens Honore

Zusätzlich zu den Tumulten im Land war das Jahr 2020 auch von einer Pandemie gezeichnet. Wie geht es deinen Kindern mit dem Lockdown?

Wir machen Home Schooling und sind ziemlich isoliert, um die Kinder und Jugendlichen zu schützen. Aber wir haben Glück, denn hier im SOS-Kinderdorf Coconut Creek sind wir wie eine große Familie: In unserer Straße wohnen 13 SOS-Kinderdorffamilien. Auf diese Gemeinschaft können sich die Kinder auch in dieser schweren Zeit verlassen. Vormittags heißt es Home Schooling per Videokonferenz, am Nachmittag dann Hausaufgaben machen, entspannen oder gemeinsam Basketball spielen im Garten. Es ist nicht leicht, die Kids momentan für die Schule zu motivieren und sie können sich nur schlecht konzentrieren, wenn direkt neben ihnen die Couch oder ein Computerspiel lockt. Ich tue mein Bestes, sie immer wieder anzutreiben. Ich sage ihnen, dass es nicht ewig so weitergeht und dass sie trotz allem ihre Bildung brauchen. Bildung ist das Wichtigste, das predige ich immer wieder.

Woher kommt dein Fokus auf das Thema Bildung?

Über die Jahre habe ich so viele kaputte Familien gesehen. Die Mutter allein, der Vater kümmert sich nicht. Drogenprobleme. Auch in meiner Kindheit habe ich das oft beobachtet: Viele meiner Freunde sind nicht zur Schule gegangen, wollten lieber mit Drogen dealen und viel Geld machen. So endest du früher oder später im Gefängnis oder im Grab. Deshalb bringe ich meinen Kindern bei: Deine Bildung kann dich weit bringen, du kannst einen guten Job bekommen und deine Familie versorgen.

Eines deiner Pflegekinder ist 18, sicher wird er bald das Nest verlassen. Wie geht es für ihn weiter?

Er wird bald die High School abschließen und dann in die Selbstständigkeit entlassen. Wir nennen es "Independent Living Program", denn er wird weiterhin von den SOS-Kinderdörfern unterstützt: Ein Life Coach wird ihn in dieser Übergangsphase begleiten und ihm dabei helfen, die große Entscheidung zu treffen, ob er ein College besuchen oder gleich in einen Job einsteigen möchte.

"Viele der Kids, die meine Familie über die Jahre verlassen haben, haben studiert oder studieren noch. Sie wollen Ingenieur werden oder Spiele programmieren. Und einer meiner Jungs ist heute sogar Profi-Baseballspieler in der NFL. Sie alle machen mich enorm stolz."

*Wir folgen hier der Empfehlung für diskriminierungssensible Sprache von Amnesty International und nutzen bewusst die Großschreibung. “Schwarz wird großgeschrieben, um zu verdeutlichen, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt und keine reelle 'Eigenschaft', die auf die Farbe der Haut zurückzuführen ist.” (mehr dazu)

So helfen die SOS-Kinderdörfer in den Vereinigten Staaten

Die SOS-Kinderdörfer USA unterstützen Kinder, deren Welt durch elterlichen Missbrauch, Vernachlässigung oder Verwahrlosung zerstört worden ist. Wir betreuen derzeit Kinder und Jugendliche an drei verschiedenen SOS-Kinderdorf-Standorten in den Bundesstaaten Chicago und Florida.

In den Vereinigten Staaten folgen wir dem dort üblichen Pflegeeltern-Modell, jedoch lassen wir die jahrzehntelange Erfahrung des SOS-Kinderdörfer-Modells einfließen: Pflegeeltern wie Jeffrey Jackson werden von uns ausgebildet und geben ihren Pflegekindern in den SOS-Kinderdörfern ein liebevolles Zuhause. Geschwisterkinder bleiben bei uns immer zusammen – leider keine Selbstverständlichkeit im überlasteten Pflegeeltern-System der USA.

Der SOS-Kinderdörfer-Ansatz zeigt Erfolg: 100 % der Jugendlichen in unseren Kinderdörfern schließen die High School ab, verglichen mit nur 54 % der Kinder in anderen Pflegeeltern-Organisationen. Im Vergleich zum traditionellen Pflegeeltern-System machen unsere Jugendlichen außerdem mit sechsmal höherer Wahrscheinlichkeit einen Hochschulabschluss.

 

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