Käufliche Liebe in Zeiten des Hasses

Der Krieg zwang Amanit* in die Prostitution. Die SOS-Kinderdörfer in Äthiopien verhalfen der alleinerziehenden Mutter und ihrer fünfjährigen Tochter jetzt zu einem Leben in Würde und Sicherheit.

"Der Krieg hat mir meinen Bruder, meinen Mann und meine Ehre genommen. Aber zumindest habe ich meine Tochter gerettet." Damit ihr Kind und sie nicht hungernd auf der Straße landeten, verkaufte Amanit* während des Bürgerkrieges in Tigray ihren Körper. Mit Hilfe der SOS-Kinderdörfer hat die alleinerziehende Mutter jetzt Arbeit gefunden, die sie stolz macht und ihr ein Leben ohne Angst, Scham und Ekel ermöglicht.

Mutter umarmt ihr Kind, Nahaufnahme der Hände
"Der Krieg hat mir meinen Bruder, meinen Mann und meine Ehre genommen. Aber zumindest habe ich meine Tochter gerettet", sagt Amanit. Foto: Philipp Hedemann

Als der Krieg vor fünf Jahren über die Region Tigray im Norden Äthiopiens hereinbrach, entschloss Amanits Mann sich, seinen Job als Busfahrer aufzugeben und mit der Waffe in der Hand seine Heimat zu verteidigen. Seine Frau und seine damals acht Monate alte Tochter Belain* ließ er allein in der Landeshauptstadt Mekelle zurück. Für Mutter und Tochter brachen so Jahre des Hungers, der Angst und der Verzweiflung an.

Amanit wurde vor 30 Jahren als Tochter armer Kleinbauern in einem kleinen Dorf in Tigray geboren. Ihre Eltern besuchten nie eine Schule, Amanit brach die Schule nach der sechsten Klasse ab, weil sie auf den winzigen Feldern ihrer Eltern mitarbeiten musste. Weil sie wusste, dass das karge Land trotz harter Arbeit nicht genug für ihre Eltern, ihre Geschwister und sie abwerfen würde, ging sie mit 15 Jahren auf eigene Faust nach Mekelle und schlug sich unter anderem als Tellerwäscherin und Putzfrau durch.

In der drittgrößten Stadt Äthiopiens traf sie auch ihren zukünftigen Mann. Vor acht Jahren heiratete sie den Busfahrer mit dem gesicherten Einkommen, drei Jahre später wurde Belain geboren. Amanit hatte eine kleine, glückliche Familie. Dann kam der Krieg. Amanits Bruder wurde gleich in den ersten Kriegstagen erschossen. Zur Trauer um den geliebten Bruder kam bald der Hunger. Weil viele Bauern ihre Felder wegen der Gefechte nicht mehr bestellen konnten, Ernten vernichtet wurden und eine Blockade Tigray während des Krieges weitestgehend von der Außenwelt abschnitt, explodierten die Kosten für Lebensmittel. Zeitgleich vernichtete der Krieg viele Arbeitsplätze, viele Menschen trauten sich wegen der anhaltenden Kämpfe kaum noch aus dem Haus. Auch Amanit fand als Tagelöhnerin immer seltener Arbeit, um Essen zu kaufen und die Miete für ihre winzige aus Eukalyptusholz, Lehm und Wellblech zusammengezimmerte Hütte aufzubringen. Dabei war sie bereit, für eine Handvoll Birr (äthiopische Währung) alles zu machen – oder fast alles.

Als sie mit der Miete zwei Jahre im Rückstand war und der Vermieter drohte, sie und ihre Tochter mitten im Krieg auf die Straße zu setzen, war sie schließlich bereit alles zu machen. Amanit wurde Sexarbeiterin.

"Am schlimmsten war die Angst, entdeckt zu werden"

Jeden Tag zwischen 18 und 21 Uhr bot sie ihren Körper an. Zwar hatte die Armut auch schon vor dem Krieg im ganzen Land Mädchen und Buben, Frauen und Männer in die Prostitution gezwungen, doch im strenggläubigen und konservativen Äthiopien kann man in den Augen vieler Menschen kaum tiefer fallen, als den eigenen Körper zu verkaufen. Amanit weihte deshalb niemanden in ihren verzweifelten Plan ein. Ihrer kleinen Schwester, die ab sofort jeden Abend auf Belain aufpassen musste, erzählte sie, dass sie eine Drei-StundenSchicht als Kellnerin in einem Hotel ergattert habe. In dieser Zeit empfing sie durchschnittlich sechs Männer pro Abend.

"Es war ekelhaft. Und ich hatte riesige Angst, dass die Männer mir etwas antun oder mich mit einer schlimmen Krankheit infizieren könnten. Aber noch schlimmer war die Angst, entdeckt zu werden", erinnert sich Amanit an die dunkelsten Jahre ihres Lebens. Und ihre schlimmste Befürchtung wurde wahr. Irgendwann fand die Schwester ihres Mannes heraus, wie Amanit die Miete und das Essen für sich und ihre Tochter bezahlte. Bald wusste auch ihr Bruder, Amanits Mann, Bescheid. Er trennte sich von Amanit und zahlt nach wie vor weder für seine Ex-Frau noch für seine Tochter Unterhalt.

"Ich weiß, dass ich gesündigt habe. Aber ich habe es getan, um meine Tochter zu retten. Darum hoffe und glaube ich, dass Gott mir vergeben wird", erzählt die fromme Frau, die ein Kreuz um den Hals trägt und sich, nachdem sie ihr neues Leben angefangen hatte, zwei Mal auf HIV testen ließ. Es hatte sich ausgezahlt, dass sie stets darauf bestanden hatte, dass ihre Kunden ein Kondom benutzten.

"Ich habe das aus Verzweiflung gemacht"

Dass ihrem Mann dennoch nicht gefiel, dass seine Frau sich prostituieren musste, kann Amanit nachvollziehen. Aber: "Er hätte doch verstehen müssen, dass ich das nicht aus Spaß, sondern aus Verzweiflung gemacht habe. Sollte er doch noch mal nach Hause kommen, will ich ihn nicht mehr zurückhaben. Belain und ich kommen gut allein klar", sagt die alleinerziehende Mutter selbstbewusst über den Mann, den sie einst liebte.

Ihre neue Unabhängigkeit und ihr neues Selbstbewusstsein verdankt sie auch den SOS-Kinderdörfern. Weil Armut und der Krieg viele alleinerziehende Mütter in Mekelle in die unfreiwillige Prostitution getrieben haben, eröffnete die Hilfsorganisation eine Kindergartengruppe für Kinder von Sexarbeiterinnen. Die kostenlose Kinderbetreuung soll den Müttern ermöglichen, tagsüber einer würdigen Beschäftigung nachzugehen. Um ihnen einen privaten und beruflichen Neuanfang zu ermöglichen, finanziert die Hilfsorganisation den ehemaligen Sexarbeiterinnen zudem einen Kurs in guter Elternschaft, ein Jobtraining und stellt ihnen anschließend ein Startkapital für die Gründung eines eigenen kleinen Betriebes zur Verfügung.

"Das Beste an meinem Job: Ich bin jetzt frei"

"Amanit lernte im Training, in Fett gebackene Krapfen herzustellen und kaufte sich vom Startkapital unter anderem Mehl, Zucker, Fett, einen großen Topf und einen kleinen Ofen. Das leckere Gebäck verkauft sie jetzt direkt vor ihrem Haus in einer belebten Straße in der Innenstadt von Mekelle. Oft sitzt ihre Tochter Belain dabei auf ihrem Schoß und leistet ihr Gesellschaft.
"Das Beste an meinem Job ist, dass ich jetzt frei bin. Früher musste ich mich immer verstecken und vor allen verbergen, was ich tun musste. Auch und gerade vor meiner Tochter. Jetzt macht mich meine Arbeit glücklich und stolz", sagt die 30-Jährige, die vom Umsatz ihres Straßenstandes gut leben kann und keine Angst mehr haben muss, mit ihrer Tochter auf der Straße zu landen.

Für die fünfjährige Belain hat Amanit große Pläne. Sie soll eines Tages Ärztin werden, um kranken Menschen helfen zu können, aber vor allem, um nie finanziell von einem Mann abhängig zu sein. Um ihrer Tochter die lange Ausbildung ermöglichen zu können, hat auch Amanit ambitionierte Vorsätze. Sie will von jedem verkauften Krapfen ein paar Birr zurücklegen, um ihr Gebäck eines Tages nicht mehr am Straßenrand, sondern in ihrer eigenen Bäckerei zu verkaufen. Belain, die die knusprigen Krapfen ihrer Mutter oft lauthals in der Nachbarschaft anpreist, hilft ihr dabei. 

* Namen geändert

Dieser Artikel erschien in der Passauer Neuen Presse während der Weihnachtsaktion "Ein Licht im Advent" zugunsten der SOS-Kinderdörfer.