Hoffnung zwischen Klinikflur und Klassenzimmer

Fast 700 Menschen suchen täglich Hilfe in der Klinik in Magadischu

Für viele Patient:innen ist die Klinik der SOS-Kinderdörfer mehr als ein Behandlungsort: Sie ist die Grenze zwischen Leben und Tod in einem Land, das seit Jahrzehnten von Dürren und Konflikten zerrüttet wird.

Der Geruch von Staub, Desinfektionsmittel und der unerbittlichen Hitze liegt in den langen Fluren der Mutter-Kind-Klinik der SOS-Kinderdörfer in Mogadischu. Dr. Mohamed Dakane geht durch die Stationen. Seit Jahren leitet er die humanitäre Hilfe vor Ort. Täglich sieht er hier das ganze Ausmaß der Krise, die Somalia im Griff hat: fast zwei Millionen hungernde Kinder landesweit, versiegende Brunnen, kollabierende Infrastruktur. 

"Jedes gerettete Baby gibt uns Kraft. "

Dr. Mohamed Dakane, Leiter der Humanitären Hilfe der SOS-Kinderdörfer in Somalia und Direktor der Mutter-Kind-Klinik

Aber nicht nur die Klinik fällt in Dakanes Aufgabenbereich: "Wir betreiben in elf Bezirken Gesundheitseinrichtungen. Zudem verteilen wir sauberes Trinkwasser, leisten medizinische Nothilfe, zum Beispiel mit therapeutischen Nahrungsmitteln für unterernährte Kinder, und unterstützen von Dürre betroffene Familien finanziell." 

Schwanger mit Drillingen 

Doch die Herausforderungen sind massiv: "Die Notaufnahme, die Ambulanz und die Entbindungsstation müssten dringend räumlich getrennt werden", sagt er. Die Betten im Kreißsaal sind alt und abgenutzt, der Materialverschleiß bei rund 7.000 Geburten im Jahr ist gigantisch. Doch während internationale Geberländer wie die USA ihre Gelder drastisch gekürzt hatten und andere Hilfsorganisationen aufgeben mussten, bleibt das Team der SOS-Kinderdörfer in Mogadischu standhaft. Warum? "Jedes gerettete Baby gibt uns Kraft", sagt Dakane. Er erinnert sich an eine Mutter, die mit Drillingen schwanger war – eine extreme Risikogeburt. Nach dem erlösenden Kaiserschnitt hielt sie drei gesunde Jungen im Arm. "Ihr strahlendes Gesicht werde ich nie vergessen.

"Nichts kann unsere Teams aufhalten, nicht mal die Lebensgefahr, in die sie wegen der angespannten Sicherheitslage immer wieder geraten."

Dr. Mohamed Dakane, Leiter der Humanitären Hilfe der SOS-Kinderdörfer in Somalia und Direktor der Mutter-Kind-Klinik

Allein in den letzten vier Jahren haben die SOS-Kinderdörfer in Somalia über fünf Millionen Menschen mit humanitärer Hilfe erreicht. Mit unseren Gesundheitsprogrammen halfen wir 2025 über 1,4 Millionen Menschen. 

Dr. Dakan während einer Untersuchung. Foto: SOS-Kinderdörfer

Stabilisierung und medizinische Versorgung 

Ein paar Räume weiter beginnt auf der Stabilisierungsstation ein anderer, leiser Kampf: Hier haben Klinik-Teams den vier Monate alten Abdi gerettet. Vor wenigen Wochen war er abgeschlagen, die Augen eingefallen, von Durchfall und Fieber gezeichnet. Die Diagnose: schwere Unterernährung. Mit therapeutischer Spezialnahrung, Flüssigkeitszufuhr und intensiver Pflege stabilisierten die Ärzt:innen ihn. Seine Mutter Faida sitzt nun neben dem Bett, wiegt ihn im Arm und sagt leise: "Abdi hat sich gut erholt. Ich bin so unendlich dankbar." Ihr Blick zeigt die Erleichterung einer Mutter, der das Schlimmste erspart blieb. 

Solche Fälle zeigen: medizinische Notfallversorgung, Ernährungstherapie, Geburtshilfe und Nachsorge retten Leben – Tag für Tag. Die Teams arbeiten mit begrenzten Mitteln und großer Professionalität. Dabei zählt nicht nur die akute Rettung: Jede stabilisierte Familie ist Ausgangspunkt für weiterführende Beratung und Unterstützung. 

Bildung für nachhaltige Veränderung 

Hauptsächlich Frauen arbeiten im College of Health and Sciene. Foto: SOS-Kinderdöerfer Somalia

Direkt neben der Klinik, auf demselben Gelände, wird der medizinische Nachwuchs ausgebildet. Im "College of Health Sciences", dem medizinischen Ausbildungszentrum der SOS-Kinderdörfer, sitzt die 22-jährige Leila über ihren Büchern. Für sie grenzt es an ein Wunder, hier zu sein. In einer Gesellschaft, in der für junge Frauen oft nur der vorgezeichnete Pfad aus früher Heirat und Mutterschaft existiert, hat sie einen anderen Weg gewählt. Sie studiert Pflegewissenschaften. Leilas Eltern erlaubten ihr diesen Weg vor allem deshalb, weil in der Gemeinde bekannt ist, dass Mädchen am College in sicherem Umfeld lernen können. 

Die Teams bleiben vor Ort, weil sie täglich erleben, wie nachhaltige Unterstützung und Nothilfe auf lokale Stärkung treffen. Klinik und College der SOS-Kinderdörfer verbinden akute Rettung mit langfristiger Stabilität. 

Frauen stärken die Gemeinden 

77 Prozent der Studierenden hier sind weiblich. Leila ist eine von jährlich 382 jungen Erwachsenen, die hier lernen, Leben zu retten. Die Absolvent:innen stärken das lokale Gesundheitssystem. Sie werden dringend gebraucht – als Hebammen oder Krankenpfleger:innen in einem Land, dem das medizinische Fachpersonal fast vollständig fehlt. Es ist diese Symbiose aus akuter Nothilfe und nachhaltiger Perspektive, die diesen Ort in Mogadischu so einzigartig macht: Wo Faidas Sohn gerettet wurde, lernt Leila, die Retterin von morgen zu sein.  

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