Stark wie Superman
Genet (30) hat ihren Mann im Krieg verloren und fürchtete um das Leben ihres Sohnes Yimrhane (4). Für ihn will sie jetzt stark sein. Mit der Hilfe der SOS-Kinderdörfer eröffnete die Witwe eine kleine Bäckerei.
Von Eva Fischl
Genet will, dass ihrem Sohn Flügel wachsen. Im übertragenen Sinn. Groß und stark soll Yimrhane* (4) werden, ein schlauer Kerl, der sich vor nichts und niemandem fürchtet und einmal einen guten Beruf hat. "Am liebsten Pilot", sagt Genet. Ob sie ihrem Kleinen deshalb ein Superman-Kostüm geschenkt hat? Genet lacht. "Nein, das hat er von seinem Onkel bekommen. Aber das ist doch ein gutes Zeichen, oder?", sagt die 30-Jährige und lehnt sich mit einem breiten Grinsen über den Verkaufstresen ihrer kleinen Bäckerei.
Dass Genetheute wieder lachen kann und sich für ihren Sohn eine rosige Zukunft ausmalt, ist alles andere als selbstverständlich. Hinter der jungen Witwe liegt eine harte Zeit. Yimrhane wurde 2021 während des Tigray-Kriegs geboren. Die Straße, in der Genet und ihr Mann damals lebten, nutzten Soldaten der äthiopischen Armee und ihre Verbündeten zum Transport und zur Patrouille.
Soldaten verhörten Ehemann während Geburt
"Während der Geburt brachte mein Mann den Kohleofen nach draußen, damit ich den Rauch nicht einatmen muss", erzählt Genet. Draußen auf der Straße hätten ihn Soldaten gepackt, zu einem Auto geschleppt, dort gedemütigt und verhört. Dass seine Frau gerade in den Wehen lag, hätte die Soldaten nicht interessiert. Nach diesem Vorfall schloss sich ihr Mann der Tigray Defence Forces an und kämpfte im Westen der Bürgerkriegsregion gegen äthiopische und eritreische Soldaten und Milizen. "Im Juli, als unser Baby sechs Monate war, habe ich ihn zum letzten Mal gesehen", erzählt Genet. Kurz darauf erreichte sie die Nachricht von seinem Tod. "Das war der schlimmste Augenblick meines Lebens", sagt die 30-Jährige.
Doch die darauffolgende Zeit sollte noch härter werden. Die äthiopische Regierung hatte eine Blockade Tigrays befohlen, ließ keine Lebensmittellieferungen und Medikamente in die Kriegsregion. "Ich hatte ein Baby, aber kein Einkommen. Ich hatte nicht genug zu essen und konnte nicht richtig stillen. Die Milch reichte einfach nicht", erinnert sich die junge Mutter.
"Ich hatte gehört, dass andere Kinder sterben"
"Yimrhane weinte und schrie viel. Ich hatte solche Angst, dass er verhungert. Ich hatte gehört, dass andere Kinder sterben und fürchtete mich, dass es auch ihm so gehen könnte." Freunde und Familie unterstützten Genet und ihren Sohn so gut es ging, doch auch ihnen fehlte es an allem. "Gottseidank hat Yimrhane aus dieser Zeit keine körperlichen Schäden davongetragen", sagt Genet. "Er ist zwar sehr klein und zierlich, aber mit seinem Gehirn ist alles okay", sagt die Mutter. Sie weiß, welche gravierende Folgen dauerhafte Mangel- oder gar Unterernährung bei Kindern im Wachstum haben kann.
Auch um ihre eigene Sicherheit machte sich die junge, hübsche Frau in den Kriegstagen Sorgen. "In unserer Nachbarschaft wurden mindestens drei Frauen von äthiopischen Soldaten vergewaltigt. Ich hatte eine Riesenangst, dass mir das auch passiert und bin kaum auf die Straße gegangen." Ihr Bruder und ihre Schwester seien ihr in dieser Zeit eine große Stütze gewesen. Und sie stelle sich vor, dass auch ihr verstorbener Mann seine schützende Hand über seine Familie halte. "Wenn mich mein Sohn nach seinem Vater fragt, dann zeige ich ihm Fotos von ihm und erkläre Yimrhane: ,Papa kann nicht kommen. Er ist im Himmel und passt von dort auf uns auf.‘"
"Die Hilfe der SOS-Kinderdörfer hat mein Leben verändert"
Trotzdem plagten die junge Witwe massive Existenzängste. Wie ein Wink des Schicksals war für Genet schließlich die Begegnung mit den Mitarbeitenden der SOS-Kinderdörfer. "Das hat mein Leben verändert", sagt Genet. Ihr Sohn Yimrhane war damals zwei Jahre alt. Während er in einer Kindertagesstätte der SOS-Kinderdörfer betreut wurde, konnte Genet wieder arbeiten. Sie nahm an Schulungen teil, bildete sich weiter und wagte den Schritt in die Selbständigkeit: Vor vier Monaten eröffnete sie ihre eigene kleine Bäckerei.
Die SOS-Kinderdörfer vermittelten ihr einen Mikrokredit, mit dem sie einen kleinen Laden mieten, den Backofen und die Verkaufstheke finanzieren konnte. Hinter dem Laden und der Backstube liegt ein Raum, in dem Genet und ihr Sohn leben. "Es läuft ganz gut", sagt Genet. Die hohe Inflation und die steigenden Preise würden ihr zwar ein wenig zu schaffen machen, aber sie sei stolz auf ihren Erfolg. "Ich habe jetzt keine Angst mehr vor der Zukunft", sagt Genet. "Ich kann unser Leben finanzieren. Und Yimrhane wird es gut gehen."
* Name des Kindes geändert
Dieser Artikel erschien in der Passauer Neuen Presse während der Weihnachtsaktion "Ein Licht im Advent" zugunsten der SOS-Kinderdörfer.