1,5 Grad oder 2 Grad – ein dramatischer Unterschied?

Die Klimakrise zwingt Familien zur Anpassung - das beeinflusst auch unsere Arbeit.

Wissenschaftlerin Dr. Kira Vinke erklärt im Interview, welchen Unterschied ein halbes Grad globaler Erwärmung macht und warum die Lasten der Klimakrise international ungerecht verteilt sind. 

Dr. Kira Vinke arbeitet als Projektleiterin am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Seit Jahren forscht sie daran, wie der Klimawandel sich auf Menschen auf der ganzen Welt auswirkt. 

Dr. Kira Vinke forscht seit Jahren über den Klimawandel und Migration. Foto: privat caption

SOS-Kinderdörfer: Frau Vinke, viele Menschen haben das Gefühl, dass die Erderwärmung eigentlich nicht aufzuhalten ist. Stimmt das?

Vinke: Nein, das stimmt so nicht. Wir haben die Möglichkeit, die Erderwärmung zu bremsen und sie auf einem bestimmtem Temperaturniveau zu halten – das allerdings anders ist als vor der Industrialisierung. Wir wissen, dass der globale Temperaturanstieg schon jetzt etwa ein, vielleicht sogar 1,2 Grad Celsius beträgt. Das Klima unserer Erde hat sich bereits stark verändert. Wie extrem, sieht man erst, wenn man in die Vergangenheit blickt, weil es uns als Spezies noch gar nicht so lange gibt, erst seit rund 300.000 Jahren. Unsere Zivilisation, der Städtebau, sind sogar erheblich jünger, sie haben sich erst in den vergangenen 11 000 Jahren entwickelt. So viel CO2, wie jetzt in der Atmosphäre vorhanden ist, gab es in  diesem Zeitraum noch nie.

Immer wieder geht es darum, wie groß der Unterschied zwischen 1,5 Grad oder 2 Grad Celsius globalem Temperaturanstieg ist. Was bedeutet das eigentlich?

Da gibt es große Unterschiede. Nehmen wir zum Beispiel tropische Korallenriffe: Sie haben nur eine Überlebenschance, wenn wir es schaffen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das Absterben der Riffe beunruhigt nicht nur Taucher:innen, sondern insbesondere auch Fischer:innen, deren Lebensgrundlage oft an diesen Riffen hängt. Die Riffe bieten Nahrungsnetze für sehr viele andere Arten im Meer, sie sind so genannte Hotspots der Artenvielfalt. Gerade für kleine, flache Inselstaaten ist schon der Anstieg des Meeresspiegels bei einem 2-Grad-Szenario existenzbedrohend. Deswegen müssen wir das 1,5-Grad-Ziel sehr ernst nehmen. Bei unserem derzeitigen Emissionsniveau ist die Gefahr groß, dass die globale Mitteltemperatur über 2 Grad ansteigt. Die jetzigen politischen Zusagen reichen nicht aus, die Erwärmung auf 2 Grad zu begrenzen und schon gar nicht auf 1,5 Grad. Das ist eine Bedrohung großen Ausmaßes. Denn wir wissen, dass sich beispielsweise bei einem 4-Grad-Szenario, wenn die Emissionen nicht gestoppt werden, große Elemente des Erdsystems sehr stark verändern könnten. Etwa der Amazonas-Regenwald oder die Eisschilde in der Antarktis. Und diese Änderungen können wir dann nicht mehr rückgängig machen.

In wie fern sind andere Regionen der Welt betroffen, wenn etwa der Amazonas verschwindet?

Man kann sich das vorstellen wie einen Körper: Wie Organe im Körper sind diese ganzen Teile des Erdsystems miteinander verbunden. Wenn eines kollabiert oder erkrankt, wirkt sich das auf andere Teile aus. Momentan sind wir noch weit davon entfernt, in dem Temperaturkorridor von 1,5 bis 2 Grad die Erwärmung zu stoppen. Insofern lautet die Frage eher: "Was droht uns, wenn wir auch die 2 Grad nicht mehr halten?" Wir haben schon sehr viel Zeit verloren, über viele Jahre wurden massenhaft Emissionen ausgestoßen. Dadurch ist das 1,5 Grad -Temperaturlimit nun sehr viel schwieriger einzuhalten. Trotzdem dürfen wir nicht verzagen und müssen versuchen, die 2-Grad-Grenze zu halten, mit der Ambition, sie weiter nach unten zu drücken.

Menschen, die in größter Armut leben, verursachen nicht viel CO2. Es stellt eine extreme Ungerechtigkeit dar, dass diese Menschen, die Konsequenzen unseres Lebensstils tragen sollen.

KIRA VINKE, POTSDAM-INSTITUT FÜR KLIMAFOLGENFORSCHUNG

Was können wir machen, um den Klimawandel und seine Folgen aufzuhalten?

Wir brauchen eine Transformation der Energiesysteme. Also den Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas – und das möglichst schnell. Insofern sollten auch keine neuen Kohlekraftwerke oder Gaspipelines wie Nord Stream 2 gebaut werden. Das ist Infrastruktur, die nicht zukunftsfähig ist. Das sind Investitionen, die nachher keinen Gewinn erbringen, weder für die Natur noch ökonomisch. Irgendwann wird man sich entschließen, davon bin ich fest überzeugt, diese Infrastruktur nicht mehr zu nutzen, obwohl sie gebaut wurde. Außerdem brauchen wir eine Veränderung der Landwirtschaft, der Fleischkonsum pro Kopf muss sinken. Mobilität ist zudem ein wichtiges Thema, auch in Deutschland. Wie können wir schneller auf öffentlichen Personennahverkehr umsteigen? Wie kommen wir weg von den Verbrennungsmotoren der Autos – hin zu mehr Elektro- oder Wasserstoff-Antrieben? Das sind alles strukturelle Fragen, denen man sich auch persönlich stellen muss.

Also es ist eine Kombination aus dem, was wir selbst machen können, aber auch aus dem, was Regierungen machen müssen, für einen Fortschritt zu mehr Klimaschutz?

Ein verändertes, klimafreundliches Verhalten hat viele positive Nebeneffekte für die Gesundheit. Sei es die Reduktion der Luftverschmutzung durch das Abschalten von Kohlekraftwerken oder der Umstieg vom Auto aufs Fahrrad. Auch die Ernährungsumstellung hin zu weniger Fleisch ist gut für unsere Gesundheit. Wir sehen in der Corona-Pandemie: Jede:r Einzelne hat Einfluss auf das Geschehen einer großen Krise. Mein Handeln kann den Verlauf der Coronakrise beeinflussen. Deswegen muss ich mich entschließen, weniger Personen zu treffen. Aber gleichzeitig braucht es ein Rahmenwerk, damit mein eigenes Handeln nicht völlig umsonst ist. Wenn sich nämlich sonst niemand an die Einschränkungen hält, dann kann auch ich mich letztendlich nicht genügend schützen. Ähnlich ist es beim Klimawandel. Wir brauchen diese großen Rahmenbedingungen, die verbindliche Verbote und Regeln umfassen. So können auch die Lasten einer Transformation gerechter verteilt werden.

Gerechte Verteilung – das ist ein gutes Stichwort. Denn schon jetzt sind viele Länder deutlich mehr von den Folgen des Klimawandels betroffen als andere. Bei uns in Deutschland ist es in vielen Fällen noch nicht existenzbedrohend, anderswo auf der Welt hingegen schon. Was muss passieren, dass vor allem in den Ländern, die jetzt schon betroffen sind, die Klimafolgen aufgehalten werden oder abgemildert werden?

Da legen Sie den Finger in die Wunde. Wir sehen jetzt schon, dass es in Ländern wie Bangladesch oder Burkina Faso große Veränderungen gibt – schon wenn die globale Temperatur um ein Grad ansteigt. Viele Länder mit extremeren Wetterverhältnissen als in Deutschland haben bereits heute massive Anpassungsschwierigkeiten, weil es zum Beispiel öfter starke Stürme oder extreme Trockenperioden gibt und die Ernten ohnehin gering sind. Natürlich hat das auch etwas mit der sozio-ökonomischen Ausgangslage in den Ländern zu tun. Also zum Beispiel, inwiefern die Landwirtschaft modernisiert ist, ob es Bewässerungssysteme gibt. Aber durch den massiven CO2- Ausstoß der Industrieländer entsteht ein zusätzlicher Druck in Form von Klimafolgen. Sozio-ökonomisch gesehen ist es die obere Mittel- und Oberschicht, also ein kleiner Teil der Weltbevölkerung, die diese bedrohliche CO2-Entwicklung vorantreibt. Menschen, die in größter Armut leben, verursachen nicht viel CO2. Es stellt eine extreme Ungerechtigkeit dar, dass diese Menschen, die Konsequenzen unseres Lebensstils tragen sollen.

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