Auf der Flucht: So viele Menschen wie nie zuvor

Flucht, Vertreibung, Migration: Ursachen, aktuelle Zahlen und Fakten

Sie fliehen vor Kriegen und Konflikten: Mindestens 114 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, so viele Menschen wie nie zuvor. 40 Prozent der Betroffenen sind Kinder. Immer mehr Menschen auch wegen den Folgen des Klimawandels ihr Zuhause verlassen.

Die Zahl der Menschen auf der Flucht steigt weltweit an

Die Zahl der Menschen, die durch Krieg, Verfolgung, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen weltweit vertrieben wurden, ist laut Schätzungen der Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR bis September 2023 auf 114 Millionen angestiegen. Hauptursachen für den Anstieg sind der Krieg in der Ukraine, die Konflikte im Sudan, in der Demokratischen Republik Kongo und in Myanmar, die schwierige Lage nach Dürre und Überschwemmungen in Somalia und die anhaltende humanitäre Krise in Afghanistan. Seit der Eskalation des Nahostkonflikts im Oktober 2023 kamen außerdem noch rund 1,7 Millionen Vertriebene in Palästina hinzu. Mehr als 36 Millionen Menschen leben als Flüchtlinge in anderen Ländern, die überwiegende Mehrheit davon in ihren Nachbarländern.

In einem Kinderschutzzentrum in der Ukraine: Die SOS-Kinderdörfer leisten vor Ort Nothilfe für geflüchtete Kinder und Familien. Etwa 3,7 Millionen Ukrainer sind im eigenen Land auf der Flucht vor dem Krieg. Fast 6 Millionen Menschen haben im Ausland Zuflucht gesucht, ein Großteil davon sind Frauen und Kinder. Foto: Alea Horst

Die Mehrheit ist auf der Flucht im eigenen Land

Die meisten Menschen, die auf der Suche nach Schutz und Sicherheit ihr Zuhause verlassen, überschreiten keine Landesgrenze: Sie sind als sogenannte "Binnenvertriebene" in ihrem Heimatland auf der Flucht. Sie machen rund 60 Prozent aller gewaltsam Vertriebenen aus. Das Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) erhebt Zahlen zur Binnenflucht: Nach dem neusten Bericht vom Mai 2024 gab es bis Ende des Jahres 2023 weltweit 75,9 Millionen Binnenvertriebene – ein neuer Rekord und fast 5 Millionen Menschen mehr als noch 2022. Die Zahl der Binnenvertriebenen ist in der vergangenen fünf Jahren fast um 50 Prozent gestiegen. Wegen Konflikten mussten im vergangenen Jahr 68,3 Millionen Menschen in ihrem Land ihr Zuhause verlassen, weitere 7,7 Millionen wegen Katastrophen. Besonders verschärft hat sich die Lage im Sudan: Mehr als 9,1 Millionen Menschen sind inzwischen im eigenen Land auf der Flucht, alleine im vergangenen Jahr gab es 6 Millionen Fluchtbewegungen, das ist zweithöchste Zahl, die in einem einzelnen Land je gezählt wurde – nach der Ukraine im Jahr 2022. 3,4 Millionen neue Fluchtbewegungen gab es innerhalb von drei Monaten im Gazastreifen. Das heißt: Ein Großteil der 1,7 Millionen Vertriebenen in Palästina musste mehrfach flüchten.

Über 40 Millionen Kinder auf der Flucht

Mehr als 40 Prozent aller Flüchtlinge sind Kinder unter 18 Jahren. So meldet die International Data Alliance for Children on the Move (IDAC) bis Ende 2022 mehr als 47 Millionen Kinder, die in ihrer Heimat oder einem anderen Land auf der Flucht sind. Darunter waren allein vier Millionen Kinder aus dem Sudan und fast zwei Millionen aus der Ukraine. Kinder sind auf der Flucht besonderen Gefahren ausgesetzt. Sie habe ein erhöhtes Risiko, sexuelle Ausbeutung, Missbrauch und Gewalt zu erleben, besonders dann, wenn sie unbegleitet, also von ihren Eltern getrennt sind.

 

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Fluchtbewegungen und Fluchtrouten

Von den 36,4 Millionen Flüchtlingen, die die Vereinten Nationen Mitte 2023 meldeten, stammten rund die Hälfte aus nur drei Ländern: Syrien, Ukraine und Afghanistan. Außerdem gehören Venezuela und Südsudan zu den größten Herkunftsländern. Die überwiegende Mehrheit (69 Prozent) floh in ein Nachbarland, zwei Drittel der Geflüchteten leben in Ländern mit mittlerem oder niedrigem Einkommen. Die größten Aufnahmeländer

sind Iran (3,4 Millionen) und die Türkei (3,4 Millionen). Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) starben zwischen 2014 und 2022 rund 50 000 Menschen auf internationalen Fluchtrouten, allein 2023 waren es mindestens 8565 Menschen. Legale und sichere Fluchtrouten gibt es kaum. Zu den wichtigsten gehören:
 

  • Die Sahelzone: Sie besteht aus sieben Staaten zwischen Nordafrika und Subsahara-Afrika: Senegal, Mauretanien, Mali, Burkina Faso, Niger, Tschad und Sudan. Die Region ist geprägt von Konflikten, Gewalt, Vertreibung, Armut, Ernährungsunsicherheit und den Folgen des Klimawandels. Der 2023 wieder entfachte Konflikt im Sudan führte zu einer Massenflucht. Zusätzlich versuchen immer mehr Menschen aus den südlicheren Ländern Afrikas durch die Sahelzone nach Nordafrika zu gelangen. Millionen Menschen riskieren auf dem Weg durch die Wüste ihr Leben.
  • Das Mittelmeer: Nur ein kleiner Teil der Menschen, die in Afrika in Zuhause verlassen, wagt den gefährlichen Weg über das Mittelmeer. Laut der UN-Organisation für Migration (IOM) starben im Jahr 2023 mindestens 3129 Menschen auf dem Weg über das Mittelmeer – das ist die höchste Zahl von Todesopfern seit 2017.
  • Der Atlantik: Der extrem gefährliche Weg von Afrika über den Atlantik zu den Kanarischen Inseln hat in den vergangenen Jahren besonders wegen der zunehmenden Kontrollen im Mittelmeer an Bedeutung gewonnen. Im Jahr 2023 kamen auf den Kanaren über 40.000 Menschen an, ein Jahr zuvor waren es noch rund 15.000. Auch hier starben schon tausende Menschen auf dem Hunderte Kilometer langen Weg übers Meer.
  • Der Darien-Dschungel: Der Weg durch den Dschungel von Darien im Grenzgebiet von Panama und Kolumbien gilt als gefährlichste Route auf dem amerikanischen Kontinent. Derzeit kommen die meisten Schutzsuchenden aus Venezuela – mehr als 7 Millionen Venezolaner:innen haben bis Anfang 2023 ihre Heimat verlassen. Das ist neben der Migrationsbewegung aus der Ukraine eine der größten weltweit.
Bürgerkrieg, Dürren und Überschwemmungen: Innerhalb Somalias sind fast vier Millionen auf der Flucht. Mitarbeitende der SOS-Kinderdörfer in Somalia leisten  medizinische Hilfe für vertriebene Kinder und Familien.

Fluchtursachen: Klimawandel verschärft Krisen

Die Genfer Flüchtlingskonvention schreibt das Recht auf Schutz für Flüchtlinge fest. Sie definiert einen Flüchtling als Person, die wegen ihrer "Rasse", Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung eine wohlbegründete Furcht vor Verfolgung hat und deswegen aus ihrem Heimatland geflüchtet ist. Auf Menschen, die wegen Naturkatstrophen und Folgen es Klimawandels ihre Heimat verlassen müssen, bezieht sich das nicht. Dennoch nimmt ihre Zahl zu.

Die Vereinten Nationen sprechen von "zunehmenden Wechselwirkungen zwischen Naturkatastrophen, Hungersnöten, Armut und gewalttätigen Konflikten." 2023 lösten Katastrophen mehr Fluchtbewegungen von Binnenvertriebenen aus als Konflikte und Gewalt. 26,4 Millionen Bewegungen gab es wegen Dauerregen, Dürren, Hitzewellen und Stürmen und Erdbeben, die zweithöchste Zahl seit einem Jahrzehnt.

Doch auch die, die wegen Konflikten fliehen, flüchten sich sehr oft in Länder, die auch stark von der Klimakrise bedroht sind – das verstärkt auch dort wieder politische Krisen. António Guterres, heute Generalsekretär der Vereinten Nationen, warnte schon 2009 davor, dass der Klimawandel Hauptfluchtgrund werden könnte, weil er den Kampf um Wasser, Nahrung und Weideland verstärkt. Die Weltbank prognostiziert sogar, dass der Klimawandel bis 2050 zu 216 Millionen zusätzlichen Flüchtlingen führen könnte.

Vergessene Krise: Mehr als 7 Millionen Venezolaner:innen haben bis Anfang 2023 ihre Heimat verlassen.

Migration weltweit: Zwei Drittel sind Arbeitsmigrant:innen

Laut dem letzten Weltmigrationsbericht der IOM waren 2020 rund 281 Millionen Menschen – 3,6 Prozent der Weltbevölkerung – Migrant:innen. Das heißt, sie lebten außerhalb ihres Heimatlandes, aus welchen Gründen auch immer, unabhängig vom rechtlichen Status oder der Dauer des Aufenthalts – darunter fallen also angeworbene Fachkräfte ebenso wie Flüchtlinge. Die Weltbank nennt in ihrem Bericht wiederum 186 Millionen Migrant:innen (2,3 Prozent der Weltbevölkerung). Hier sind nur die gezählt, die nicht die Staatsbürgerschaft des Landes haben, in dem sie leben.

Die meisten Menschen gehen ins Ausland, weil sie eine Arbeit suchen. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) machten sie 2019 mehr als zwei Drittel aller internationalen Migrant:innen aus. Die Weltbank betont, das gesteuerte Migration ein wichtiger Motor für Entwicklung und Wohlstand ist. 

Folgen der Migration

Gründe für Migration sind insbesondere Armut und Perspektivlosigkeit. Migrant:innen riskieren daher häufig auf ihrer gefährlichen Reise ihr Leben und sind der Gefahr von Ausbeutung und Missbrauch ausgesetzt. Von der sogenannten "irregulären" Migration profitieren Schlepper und Schleuser. In den Zielländern haben Migrant:innen oftmals Schwierigkeiten, Zugang zu Gesundheitsversorgung, Wohnraum und Bildung zu erhalten oder müssen für einen Hungerlohn arbeiten. Vor allem die Situation von Migrant:innen ohne Aufenthaltsstatus ist prekär.

 

Was sind Binnenflüchtlinge oder Binnenvertriebene?
Menschen, die innerhalb ihres Heimatlandes auf der Flucht sind, werden Binnenvertriebene oder auch Binnenflüchtlinge (englisch: "Internally displaced people" - IDPs) genannt. Erhoben werden auch Zahlen zu "Internal displacements", das ist die Zahl der Fluchtbewegungen. Dabei können Menschen auch mehrmals gezählt werden, weil sie mehrmals flüchten und zwischendurch wieder zurückgelehrt sind. Binnenflüchtlinge können sich nicht auf die Genfer Flüchtlingskonvention berufen.

 

Wer gilt als Flüchtling?
Das Völkerrecht definiert Flüchtlinge (englisch: "Refugees") als Menschen, die ihr Land verlassen haben, weil sie vor Verfolgung, Kriegen und gewaltsamen Konflikten geflüchtet sind. Fluchtgründe wie Naturkatastrophen sind dort nicht berücksichtigt, oftmals gehen diese aber auch mit Konflikten einher.

 

Was ist Migration?
Es gibt keine einheitliche Definition des Begriffes “Migration”. In den Statistiken der Weltbank oder der IOM, wird Migration als Oberbegriff verwendet. Migrant:innen sind demnach alle Menschen, die ihr Land verlassen haben, freiwillig oder unfreiwillig. Flüchtlinge und Asylsuchende sind demnach Teil der Migrant:innen. In den Statistiken der UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR wird dagegen ein Unterschied gemacht: Demnach sind Flüchtlinge Menschen, die nicht ohne Gefahr für Leib und Leben in ihr Heimatland zurückkehren könnten, Migrant:innen dagegen könnten dies schon.

 

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