Digitalisierung in Afrika: Zukunftschance für die Jugend

Pilotprojekte der SOS-Kinderdörfer begleiten Kinder ins digitale Zeitalter – zwei ICT-Experten im Interview

17.05.2018 - Mobilfunk und Informationstechnologie sind in Afrika auf dem Vormarsch. Die Digitalisierung gilt als große Chance für die wirtschaftliche Entwicklung des Kontinents in einer zunehmend vernetzten Welt. Doch sechs von zehn afrikanischen Jugendlichen haben weiter keinen Zugang zum Internet – zum Vergleich: in Europa sind es nur vier Prozent. Um möglichst viele Mädchen und Jungen ins digitale Zeitalter zu begleiten, haben die SOS-Kinderdörfer in Afrika verschiedene Pilotprojekte gestartet. Die beiden ICT-Experten Ahmed Mihaimeed aus dem Sudan und der Österreicher Thomas Rubatscher geben Einblicke in ihre Arbeit.
Lesen lernen am Computer: Zwei Mädchen in der Schule des SOS-Kinderdorfs Nairobi in Kenia. Foto: Ahmed Mihaimeed
Lesen lernen am Computer: Zwei Mädchen in der Schule des SOS-Kinderdorfs Nairobi in Kenia. Foto: Ahmed Mihaimeed

SOS-Kinderdörfer werden zu digitalen Dörfern. Wie funktioniert das in Afrika?

Rubatscher: In Afrika brauchen unsere Kinder Zugang zum Internet und ein gewisses Maß an IT-Kenntnissen, um bei der Ausbildung nicht benachteiligt zu sein. Wir müssen sie und ihre Betreuer darin schulen, wie sie das Internet nutzen können und wie sie dies auf sichere Weise tun können. Dazu haben wir eine Reihe von Pilotprojekten ins Leben gerufen, die sowohl technische Unterstützung als auch Training bieten, und wir haben alle Erkenntnisse in einem leicht verständlichen Handbuch zusammengefasst, das wir kontinuierlich weiterentwickeln.

Was bedeutet das für das Leben afrikanischer Kinder und ihrer Familien?

Mihaimeed: Um nur ein Beispiel zu nennen: Eine Mutter in einem SOS-Kinderdorf in Südafrika sagte mir, was es für sie bedeutet, Technologie nutzen zu können: „Es bedeutet, dass meine Kinder in Sicherheit sind! Meine Kinder gingen einen langen Weg zum nächsten Internetcafé, um ihre Hausaufgaben zu machen; jetzt können sie es von hier aus erledigen.“ Es ist kein Geheimnis, dass Sicherheit in vielen Ländern Afrikas eine Herausforderung ist. Technik kann in dieser Hinsicht helfen.

Rubatscher: Oder ein anderes Beispiel aus Nairobi, wo mir unser lokaler Bildungsbeauftragter und ein Lehrer an unserer SOS-Schule dort gezeigt haben, wie mit Hilfe einiger Tablet-Computer in einer Klasse von 30 oder mehr Kindern einen lebendiger und moderner Unterricht möglich ist. Oft reichen schon ein Notebook und ein Projektor aus, damit der Lehrer spannende Unterrichtsinhalte vermitteln kann. Eine externe Studie in Kenia bewies zudem 2016, dass in unseren Tablet-Computer-Klassen in Nairobi die Noten der Schüler messbar besser waren als in anderen Klassen. Dies erfordert aber auch Lehrer, die den Umgang mit digitalen Lehrmitteln beherrschen.

Bessere Berufschancen für Jugendliche: Kurs im E-Learning-Zentrum der SOS-Kinderdörfer Dschibuti. Foto: Ralph Gladitz

Bücher werden abgeschafft?

Rubatscher: Wir wollen nicht Bücher durch digitale Werkzeuge ersetzen. Bücher sind in Entwicklungsländern aber oft knapp, veraltet oder teuer. Digitale Medien sind dann eine Art Behelfslösung, sie kosten oft nur den Internetzugang, der auch für andere Zwecke genutzt werden kann. "Open Education" und lizenzfreie Lehrinhalte können digital am kostengünstigsten und schnellsten verbreitet werden und es fallen keine Druck- und Transportkosten an. Was wir zum Beispiel für Mütter aus unseren Familienstärkungsprogrammen oder für arbeitssuchende Jugendliche mit "Text2Change" in Asien machen, könnten wir nicht mit analogen Medien machen.

Eines Ihrer Projekte ist "Connecting Africa", das in Zusammenarbeit mit British Telecom (BT) mehr als 100.000 Menschen in 30 SOS-Kinderdörfern in 15 afrikanischen Ländern kostenlosen Internetzugang bietet. Dies ermöglicht eine bessere Aus- und Weiterbildung. Welche Perspektiven eröffnet dies den Jugendlichen?

Rubatscher: Diese Jugendlichen haben einfach bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Gründung eines eigenen kleinen Unternehmens. Ihre Chance auf eine höhere Ausbildung wird steigen und die Wahrscheinlichkeit, dass sie ein College oder eine Universität besuchen können, wird höher sein. Die meisten dieser Jugendlichen kommen aus sehr abgelegenen Gebieten und aus unterprivilegierten Familien. Mit einer Ausbildung auf dem gleichen Niveau wie Jugendliche z.B. in Europa werden sie ihr Land nicht verlassen. Wichtig ist, dass es bei unseren Projekten nicht um die Ausbildung von Eliten geht. Es geht nur darum, möglichst viele Kinder, die im Leben nicht so viel Glück hatten, ins digitale Zeitalter zu bringen. Und das gilt auch für die Mädchen.

Mihaimeed: Ein großer Teil der afrikanischen Jugendlichen hat sich dafür entschieden, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Neben der Selbstversorgung schafft das Unternehmertum Arbeitsplätze, sobald das kleine Unternehmen zu wachsen beginnt! Dies unterstützen wir auch mit unserem "YouthLinks"-Projekt.

Wie funktioniert "YouthLinks"?

Mihaimeed: SOS-Kinderdörfer gehen Partnerschaften mit Firmen und Unternehmen ein, um die Jugend durch Praktika, Schulungen und Beschäftigungsmöglichkeiten zu unterstützen. Dafür hat SOS-Kinderdörfer eine mobile App entwickelt, die die Jugend mit Mentoren aus Unternehmen im ganzen Land verbindet. Sie betreuen und coachen die Jugendlichen durch die verschiedenen Phasen der Arbeitssuche: zum Beispiel wie man einen Lebenslauf schreibt, wie man sich auf ein Vorstellungsgespräch vorbereitet, welche Kommunikationsfähigkeiten benötigt werden, welche Beschäftigungsmöglichkeiten es gibt und so weiter.

Was ist die wichtigste Erfahrung, die Sie durch Ihre Arbeit gemacht haben?

Rubatscher: Ein Schulleiter in Kaolack, einer abgelegenen Stadt im Senegal, hat mich vor acht Jahren überzeugt: "Unterschätze Afrika nicht, wenn es um Digitalisierung geht." Die Menschen in Afrika brauchen digitale Werkzeuge und wollen sie genauso wie wir in Europa. Aber oft auf eine andere Art und Weise. Helfen Sie ihnen, ihren eigenen Weg zu gehen, lokale Lösungen zu finden und geben Sie ihnen die Zeit im Verhältnis zu den Herausforderungen, die sie zu bewältigen haben.

Mihaimeed: Der Schulleiter sagte uns auch: "Ihr habt Zugang zur Technologie, ich will das auch für meine Kinder, damit sie wachsen und in dem Bereich so erfolgreich werden wie ihr – oder sogar erfolgreicher!"

Welche technologische Innovation möchten Sie als nächstes in Afrika umsetzen?

Rubatscher: Wir beschäftigen uns mit Systemen für digitale Pflegeassistenz. Mobile Lösungen, die unsere Begünstigten und Betreuenden nutzen können, um Antworten auf ihre spezifischen Bedürfnisse zu finden und sich mit Gleichaltrigen, die ähnliche Herausforderungen haben, und mit SOS-Coaches, die sie unterstützen, zu verbinden.

Mihaimeed: Wir glauben, dass Spracherkennung und Künstliche Intelligenz bald bereit sein werden, uns zu helfen, und robuste Smartphones für Afrika die technische Plattform sein werden.

Rubatscher: Es ist wichtig, dass oft nicht wir neue Wege finden, sondern die Menschen in unseren Kinderdörfern, Schulen und Familienstärkungsprogrammen. Wir müssen zuhören und fördern, unterstützen, beraten; dies bringt oft die besten Lösungen.