Russische Waisenkinder: Pflegeeltern statt Kinderheim

15.09.2017 - Isolation, harte Erziehungsmethoden, Lieblosigkeit – die Zustände in russischen Waisenheimen sind oft alarmierend. Jetzt werden viele geschlossen, die Kinder stattdessen in Pflegefamilien untergebracht.
Zwei Kinder in einem russischen SOS-Kinderdorf.
Jedem Kind ein liebevolles Zuhause! Zwei Mädchen in einem russischen SOS-Kinderdorf. Foto: Marko Mägi

"Unsere Vision ‚Jedem Kind ein liebevolles Zuhause‘ wurde fast wörtlich von der Regierung übernommen. Seit 20 Jahren engagieren wir uns in Russland dafür, dass verlassene Kinder wieder in Familien aufwachsen und ihre individuellen Bedürfnisse berücksichtigt werden", sagt Nikolay Slabzhanin, Leiter der SOS-Kinderdörfer in Russland.

Mit Erfolg: Nach Regierungsangaben wurde in den Jahren 2012 bis 2015 bereits jedes dritte Waisenheim geschlossen. Lebten 2009 noch 125.000 Kinder in staatlichen Heimen, waren es 2015 nur noch weniger als die Hälfte. Auch die Einstellung  der russischen Gesellschaft zu ihren Waisenkindern habe sich gewandelt, berichtet Slabzhanin. 2012 wurden etwa 120.000 Kinder zur Adoption freigegeben, 2016 sind es nur noch rund 69.000. "Heute werden weniger Kinder von ihren Eltern weggegeben, ihre Betreuung wird neu organisiert und mehr Russen sind bereit zu einer Adoption", sagt Slabzhanin.

Kritik an russischen Heimen

Dabei reißt die Kritik an den Heimen bis heute nicht ab. Es sind in der Regel große Einrichtungen mit Schlafsälen, standardisierten Abläufen, ohne Privatsphäre, ohne individuelle Betreuung.  "Das Umdenken verläuft nicht immer problemlos, aber es geht in die richtige Richtung", sagt Slabzhanin. "Jedes Jahr werden mehr  Kinder in Familien aufgenommen." Allein in der Region Murmansk seien bereits sieben von zwölf staatlichen Heimen geschlossen worden. Ziel sei die Schaffung von mehr Plätzen für Kinder in Pflegefamilien. Heimunterbringung solle möglichst ganz vermieden werden.

Unterstützung für Pflegefamilien

Slabzhanin prognostiziert, dass sich langfristig ein stabiles Netzwerk aus Pflegefamilien entwickeln werde und parallel dazu kleinere Einrichtungen für Jungen und Mädchen, die eine besondere Betreuung brauchen, entstehen. Slabzhanin: "Unser Anspruch ist: so familiennah wie möglich!"

Die SOS-Kinderdörfer unterstützen russische Pflegefamilien bereits seit 15 Jahren durch psychologische und pädagogische Beratung, Schulungen für Eltern, Kinder und Lehrer und einem mobilen Dienst in ländlichen Gebieten.