Der Koffer von Kamal

Er wollte nicht ankommen - bis er die SOS-Mitarbeiter ins Herz schloss.

Kamal war aus dem Iran nach Griechenland geflohen. Im SOS-Zentrum für minderjährige Flüchtlinge weigerte er sich, seinen Koffer auszupacken - bis er Vertrauen fasste.
Unbegleiteter minderjähriger Flüchtling mit einem Betreuer der SOS-Kinderdörfer
Es dauerte, bis Kamal Vertrauen fasste und sich auf die Angebote der SOS-Mitarbeiter einließ.

Als Kamal zu uns kam, hielt er seinen Koffer fest umklammert. Der Junge weinte und das erste, was er zu mir sagte, war: "Ich bleibe höchstens zwei Tage – nur, dass du Bescheid weißt. Dann wird meine Mutter kommen und mich abholen!"

Kamal war 15 Jahre alt und mit seiner Mutter aus dem Iran geflohen. Sein Vater lebte zu diesem Zeitpunkt bereits in Deutschland, wo er Asyl bekommen hatte. Nun wollten Frau und Sohn nachkommen, gemeinsam wollten die Drei ein neues Leben beginnen. Bei ihrer Einreise in Griechenland wurden Mutter und Sohn jedoch von der Polizei verhaftet, da ihre Pässe gefälscht waren. Während seine Mutter in ein Frauengefängnis kam, wurde Kamal in eine Einrichtung für Männer am Flughafen gebracht.

20 Tage hielt man ihn dort fest, ohne Informationen und ohne Kontakt zu seiner Mutter oder einem Anwalt. Bis der zuständige Staatsanwalt schließlich entschied, dass er zu uns ins SOS-Zentrum für minderjährige Flüchtlinge kommen sollte. Seine Mutter blieb weiter in Haft.

Kamal stellte seinen Koffer unausgepackt hinter die Zimmertür

Die Jugendlichen haben schlimme Erlebnisse hinter sich und brauchen Zeit anzukommen.

Aber Kamal wollte nicht bei uns sein! Seinen Koffer stellte er unausgepackt hinter die Zimmertür, auch nach Tagen räumte er ihn nicht aus. Uns gegenüber blieb er zurückhaltend, hatte die feste Absicht, sich gar nicht erst auf uns einzulassen.

Es gelang uns, seinen Vater in Deutschland zu kontaktieren und schließlich auch seine Mutter. Unsere Anwälte setzten sich für ihre Freilassung ein. Ganz allmählich begann Kamal in dieser Zeit, Vertrauen zu fassen, aber sein Koffer blieb weiterhin verschlossen.

Nach drei Wochen wurde Kamals Mutter dank der Unterstützung unserer Anwälte freigesprochen. Es war berührend, zu erleben, wie die Beiden sich wiedersahen, mitgenommen und erschöpft von dem, was hinter ihnen lag. Und doch so froh, sich wieder zu haben! In den nächsten Tagen verbrachten sie jede freie Minute miteinander.

Dann ergab sich für Kamals Mutter die Möglichkeit, bei einer Freundin, die in Athen lebte, zu wohnen. Sie bat uns, weiter für ihren Sohn zu sorgen, da sie psychisch angeschlagen war und sich nicht in der Lage sah, gut für ihn zu sorgen. Kamal war nicht begeistert – und willigte schließlich doch ein.

Plötzlich hörte man ihn lachen, die Schwermut fiel von ihm ab.

Dies war der Moment, indem er seinen Koffer ausräumte, und nicht nur das: Er war wie verwandelt. Er ging zur Schule, lernte Deutsch, Englisch und Griechisch und man hörte ihn plötzlich lachen, die Schwermut fiel von ihm ab.

Bald schloss er enge Freundschaft mit zwei Brüdern aus dem Irak. Ich fand das unglaublich! Die Brüder sprachen nur Arabisch und Kamal nur Persisch und doch verstanden sie sich und versuchten, die Sprache des anderen zu lernen. Regelmäßig traf Kamal auch seine Mutter, der es ebenfalls langsam besser ging.

Nach 14 Monaten durften die Beiden tatsächlich nach Deutschland reisen. Sie bedankten sich wieder und wieder bei mir – dabei waren sie es doch, die alles Vertraute hinter sich gelassen, Gefahren auf sich genommen und nie aufgegeben hatten.

"Ich nehme alle meine Erinnerungen mit!"

Am Tag vor seiner Abreise kam Kamal noch einmal zu mir und als er sprach, hörte ich nicht mehr das Kind, sondern den jungen Mann: "Es ist Zeit, meinen Koffer wieder zu schließen, aber ich nehme alle meine Erinnerungen mit!"

Seitdem ist ein Jahr vergangen. Kamal und seine Eltern haben in Deutschland ein Zuhause gefunden, es geht ihnen gut, regelmäßig erzählen sie mir von ihrem neuen Leben. Kamal spreche immer noch oft von uns, sagte seine Mutter neulich und ergänzte: "Ihr habt meinem Kind in einer Zeit Halt und Stabilität gegeben, als ich das nicht konnte. Das werde ich nie vergessen!"