Die Mutter von Casa 7

Eine starke Frau: SOS-Mutter Guillermina Recio

Von Johannes Kahl

Ich begegnete Guillermina Recio zum ersten Mal im August 2011. Guillermina lachte herzlich, als ich ihr erzählte, dass in meiner Dusche eine riesige Vogelspinne gewesen sei und ich wegen ihr nicht hatte duschen können. Ich zeigte auf meine Handfläche, um die Größe der Spinne zu beschreiben und spreizte die Finger weit ab. "Das", sagte Guillermina, "war doch keine große Spinne".


"Liebevoll, aber auch mit Strenge, vor allem aber mit viel Hingabe": Guillermina Recio ist SOS-Mutter im Kinderdorf Santiago

Ich hatte die Möglichkeit bekommen, als Nachhilfelehrer für Kinder und Yogalehrer für Erwachsene ein paar Monate im SOS-Kinderdorf Santiago de los Caballeros in der Dominikanischen Republik zu bleiben. Ich habe in dem Land vieles erlebt: traumhafte Sonnenuntergänge am Meer, wunderbare Unterwasserwelten, Schießereien zwischen Betrunkenen, Kinder, die trotz des Verlustes ihrer Eltern fröhlich waren. Aber nichts hat mich so sehr beeindruckt wie diese 50-jährige Frau.

Guillermina ist SOS-Mutter im Kinderdorf Santiago. Das Dorf ist relativ neu, 2003 erbaut. Sie war von Anfang an dabei. In Casa 7 wohnt sie noch immer mit zehn SOS-Kindern. Das sind Kinder, die ihre Eltern verloren haben oder die von ihren Eltern vernachlässigt, missbraucht oder misshandelt wurden und deshalb ins Kinderdorf kamen. Guillermina zieht sie liebevoll, aber auch mit Strenge, vor allem aber mit viel Hingabe groß.

"Frauen sollten mehr auf ihre Rechte bestehen!"

Guillermina stammt aus einfachen Verhältnissen. Wer die DomRep kennt, weiß, wie "einfach" dort "einfache Verhältnisse" sind. Guillermina hat kaum die Schule besucht, hat früh geheiratet, vier eigene Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter. Die jüngste ist jetzt 26.


Johannes Kahl mit SOS-Kindern

Einen Mann hat sie nicht mehr. Den hatte sie vor vielen Jahren wegen Untreue aus dem Haus geworfen und ihre Kinder allein aufgezogen. "Untreue macht das Land kaputt", sagte sie einmal zu mir in ihrer resoluten Art. "Frauen sollten mehr auf ihre Rechte bestehen und sich konsequent durchsetzen."

Alle ihre Kinder haben eine Ausbildung, studiert oder einen guten Job. Das heißt sehr viel in einem Land wie der DomRep. Denn Ausbildung kostet dort Geld. Wer arm ist, hat kaum die Möglichkeit auf einen höheren Abschluss. Aber Guillermina hat mit eisernem Willen und zähem Trotz fast Tag und Nacht gearbeitet, um die Ausbildung ihrer Kinder zu finanzieren. Selbst ein bescheidenes Häuschen hat sie sich so erarbeitet.

"Mama ist der Job, der mir am meisten Spaß macht!"

Noch bevor das letzte Kind aus dem Haus war, entschied sie, später SOS-Mutter zu werden. "Mama", so sagte sie mir einmal, "ist der Job, der mir am meisten Spaß macht". Also meldete sie sich bei den SOS-Kinderdörfern, machte die mehrjährige Ausbildung zur SOS-Mutter und zieht nun schon seit mehreren Jahren liebevoll fremde Kinder groß.


Im SOS-Kinderdorf Santiago de los Caballeros finden verlassene und elternlose Kinder ein neues Zuhause.

Obwohl sie selbst nur wenig Schulbildung genießen konnte, ist sie für die SOS-Kinder bei Fragen rund um die Hausaufgaben immer erste Anlaufstelle. Es scheint fast, als hole sie mit den SOS-Kindern ein wenig ihre eigene Schulzeit nach.

Um das Tagespensum mit zehn Kindern zu erledigen, steht sie stets um fünf Uhr auf. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, betreut sie ihren kleinen Garten hinterm Haus, wo ein paar Bananenstauden und andere Pflanzen stehen. "Ich mochte Pflanzen schon immer, viele haben eine besondere Eigenschaft", sagte sie mir. Aus den Kräutern, die sie in dem Gärtchen zieht, macht sie wunderbare Essenzen. Der selbstgebraute Hustensaft, den sie mir verabreichte, wirkte Wunder.

Ich weiß noch nicht, wann ich in die Dominikanische Republik zurückkehren werde. Aber ich wenn ich es tue, werde ich vor allem deshalb hinreisen, um Guillermina wiederzusehen. Ich freue mich schon jetzt sehr darauf.

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