Zuhause in der Kindheit

Meta Günther wusste durch ihren Beruf, was Kinder in Not benötigen. Mit ihrem Erbe unterstützt die familienverbundene Frau die SOS-Kinderdörfer.

 

Beruf als Berufung: Meta Günther in ihrer Mütterberatungsstelle.

Sie war beliebt, gesellig und reiste viel. Nur die Kinder, die sie gerne gehabt hätte, bekam sie nicht. Später, als es kaum noch etwas gab, an das sich Meta Günther erinnerte, da wollte sie eigentlich nur noch von früher sprechen, von  "Muttel" und  "Vatel", der Schwester, dem Klavierspielen. Sie sprach mit großer Wärme davon.

Es war wohl ihre schönste Zeit. Im kleinen Dorf Lewin in Schlesien kam sie 1916, vier Jahre nach ihrer Schwester, auf die Welt, dort, im Adlergebirge, verbrachte sie ihre Kindheit. Ihr Vater war kaiserlicher Zollbeamter und wurde häufig versetzt, und so zog die Familie von Ort zu Ort entlang der deutschen Grenze. Oft waren die Orte klein und abgelegen. Entbehrungsreich klingt das, aber die Mädchen hatten ja sich, und bei den Eltern fühlten sie sich geborgen.

 

Ausbildung zur Krankenschwester

Nach der Schule wurde Meta zur Krankenschwester ausgebildet, dann zur Fürsorgerin, heute würde man  "Sozialarbeiterin" sagen. Und sie heiratete. Aber dann kam der Krieg, und ihr Bräutigam wurde eingezogen. Die nächsten Jahre änderten alles, auch Metas Welt: Ihr Mann überlebte, aber eine gemeinsame Zukunft sah er nicht mehr. Die Ehe wurde geschieden.

 

Meta Günther liebte Reisen und den Wintersport.

Meta arbeitete inzwischen bei einer Industriellenfamilie, und als ihre Familie nach Kriegsende aus Schlesien vertrieben wurde, ging Meta nicht mit Mutter, Vater und Schwester nach Sachsen, sondern mit ihrem Arbeitgeber nach Wuppertal – zum ersten Mal ohne die drei Menschen, die ihr bislang Halt und Glück gegeben hatten.
Sie richtete sich ein. Bald hatte sie mit verwaisten Kindern zu tun, sie half, so gut sie konnte. So oft wie möglich fuhr sie zu Eltern und Schwester, die inzwischen in der Nähe von Leipzig lebten.

1961, in dem Jahr, als zwischen ihnen die Mauer gebaut wurde, starben Metas Eltern. Sie besuchte weiterhin ihre Schwester; einfach war es für beide nicht: zu sehen, dass sie in so unterschiedliche Richtungen gegangen waren. Meta genoss ein Leben in Freiheit ohne Mauer, ihre Schwester hatte Mann und vier Kinder. Meta hätte auch gerne Familie gehabt. Manchmal an einsamen Wochenenden erzählte sie, dass sie froh sei, wenn die Arbeit wieder beginne.

 

Ihre schönste Zeit

 

Beim Skifahren, 1954, in der Schweiz

Die anderen, leichteren Seiten in Metas Leben: Viele Reisen, Wintersport, gesellige Abende mit Kollegen. Meta war beliebt. Sie kleidete sich elegant, richtete ihre Wohnung sorgfältig ein. Und dann kam doch noch ein Mann, Walter Günther, den sie heiratete und mit demsie in den Schwarzwald zog. Und der viel früher starb als sie. Meta Günther verlegte ihren Wohnsitz nach Heidelberg, wo der ICE Station machte, und sie weiter mobil bleiben konnte - bis sie schließlich ins Pflegeheim kam.

Meta Günther starb kurz nach ihrem 96. Geburtstag, längst hatte sie da alles geregelt. Ihr Nachlass sollte an die SOS-Kinderdörfer gehen, an Jungen und Mädchen in Not - in ihrem Beruf hatte sie erlebt, was das bedeutet. Ihr Begräbnis wünschte sie sich schlicht. Am Grab erinnerte ihr Neffe an ihre schönste Zeit: wie sie als Kind mit ihrer Familie von Ort zu Ort zog, immer entlang der Grenze.

Simone Kosog

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