07. März 2019 | NEWS

Femizide in Lateinamerika: "Mord an Frauen ist kein Verbrechen"

In diesem Jahr führt Berlin den internationalen Weltfrauentag als Feiertag ein. Die SOS-Kinderdörfer Projektkoordinatorin für Lateinamerika Cornelia Redl meint dazu: "Feiertage, ebenso wie etwa Gender-konforme Sprache stellen ein schönes Symbol dar. Nur durch einen Feiertag lassen sich jedoch keineswegs strukturelle Ursachen einer Ungleichheit aufbrechen. Viele Gesellschaften sind immer noch patriarchalisch, sexistisch, aber auch rassistisch geprägt." Die Folgen dieser Diskriminierung: Für Frauen in vielen Ländern beginnt der Feminismus mit dem schieren Kampf ums Überleben. Ganz vorne mit dabei: Lateinamerika. 14 Länder des Kontinents sind auf der Liste der 25 Länder mit der höchsten "Femizid"-Rate vertreten.

Femizid beschreibt nicht nur die Tatsache des Mordes an einer Frau – es bedeutet, diese Frau wurde aus dem bloßen Grund getötet, dass sie eine Frau ist. In Berichten wird als Motiv oft Ungehorsam oder Verletzung der Ehre des Mannes angegeben. Laut Schätzungen der Vereinten Nationen bleiben bis zu 98 Prozent aller Morde von Männern an Frauen ohne jegliche rechtlichen Folgen.

Wie sich aus einer Ohrfeige strukturelle Gewalt entwickelt

Der Mord an Frauen ist letztlich die Eskalation eines tief in der Gesellschaft Lateinamerikas verwurzelten Problems: Strukturelle Gewalt ist dort allgegenwärtig. "Bereits im Kindesalter werden Menschen in Lateinamerika häufig zum Opfer häuslicher Gewalt. Das Schlagen von Kindern gilt hier immer noch als gängige Erziehungsmethode und ist weit verbreitet", so SOS-Expertin Redl. Folgen der Gewalterfahrungen im Kindesalter sind nicht nur geringes Selbstvertrauen und Misstrauen anderen Menschen gegenüber, sondern auch eine Neigung zu Depressionen, Entwicklung von Traumata und eine höhere Neigung zum Suizid. Außerdem entwickeln misshandelte Kinder oft selbst ein aggressives Verhalten gegenüber anderen Kindern und Jugendlichen.

Die überlebenden Opfer tragen das Potential in sich, eines Tages selber zu Tätern zu werden – sofern niemand einschreitet und Eltern und Kindern den Weg aus der Gewaltspirale aufzeigt. Laut aktuellen Zahlen sind derzeit sechs Millionen Kinder in Lateinamerika Opfer von Missbrauch durch Eltern und Verwandte. 80.000 Kinder sterben jährlich an den Folgen körperlicher Gewalt. Auch Armut und Chancenlosigkeit spielen eine große Rolle. Der Teufelskreis von Armut und Gewalt wird so stetig fortgesetzt. Mit verheerenden Folgen, die unter anderem in dem Phänomen des Femizids enden.

Femizide: Juristische Maßnahmen helfen kaum

Eine Statistik der WHO zeigt, dass in den Jahren von 2011 bis 2015 in beliebten Reiseländern wie Brasilien im Durchschnitt sechs Frauen und in Argentinien bis zu drei Frauen pro hunderttausend Einwohner nur für ihr Frau-Sein ermordet werden. Inzwischen gibt es zwar 16 Länder in Lateinamerika, in denen Femizid einen eigenen Tatbestand darstellt. In Brasilien gibt es das jedoch erst seit 2015. In Argentinien existiert ein entsprechendes Gesetz zwar bereits seit 2012 – wird jedoch weitestgehend als ineffektiv betrachtet, da unter anderem das Geld für eine konsequente Umsetzung fehlt.

Nur ein friedliches Zuhause kann die Spirale der Gewalt beenden

"Du hast dein Bestes gegeben" und "Ich bin stolz auf dich" heißt es auf den Schildern der Frauen. Die beiden sind Teilnehmerinnen eines Familien-Stärkungsprogrammes in Peru und lernen, ihre Kinder konstruktiv zu ermutigen. Foto: Alejandra Kaiser

Die SOS-Kinderdörfer in Lateinamerika kämpfen an vorderster Front mit den Kindern und Frauen. Der Ansatz ist hier: Den Teufelskreis durchbrechen und Perspektiven schaffen. Denn: Jedes Kind hat das Recht auf ein liebevolles, friedliches Zuhause. Konkrete Maßnahmen setzen in allen Lebensbereichen an, dazu gehören unter anderem:

  • SOS-Familienberater begleiten Familien im Alltag und helfen dabei, Konflikte gewaltfrei zu lösen.
  • In Mexiko ermöglicht SOS Familien zusammen mit lokalen Partnern und Behörden den Zugang zu Grundversorgung, medizinischer Versorgung und Bildung.
  • In Venezuela gibt es Tagesbetreuung für kleine Kinder und Workshops zum Thema Kinderschutz sowie Gesundheitsbetreuung.
  • In Bolivien erhalten Familien von SOS-Mitarbeitern die nötige Unterstützung, die sie vor dem Auseinanderbrechen bewahrt.
  • Zudem gibt es verschiedene Formen der Psychotherapie sowie Informationsveranstaltungen zum Thema Kinderrechte und Gruppentreffen, bei denen sich betroffene Menschen austauschen können.

Dem Schweigen öffentlich ein Ende setzen

Zudem haben die SOS-Kinderdörfer die internationale Anti-Gewalt-Kampagne "DetenloYa!" gestartet. "DetenloYa!" bedeutet "Beende es" und rief in 16 Ländern Lateinamerikas zum Beenden der Gewalt gegen Kinder auf. Ein Schwerpunkt wurde auf die Gewaltformen des psychischen Missbrauchs sowie der Vernachlässigung gesetzt. 30 Millionen Menschen konnten mit dieser Kampagne erreicht und für das Thema Gewalt sensibilisiert werden.

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