Äthiopien: Ein Haus für Maftuha
Vom Zeltverschlag in ein sicheres Zuhause
In Sicherheit leben, mit einem Dach über dem Kopf – für Maftuha aus Äthiopien war das lange keine Selbstverständlichkeit. Sie lebte mit ihren vier Kindern in einem Zeltverschlag, bis sie mithilfe der SOS-Kinderdörfer ein Haus baute. Wir haben Maftuha in ihrem neuen Zuhause besucht.
Es sind noch ein paar Steinstufen bis ins Licht. Vorbei an den eiförmigen, illegalen und aus Stofffetzen bestehenden Verschlägen der "Glückssucher". Der Menschen, die in der Hoffnung auf Arbeit, Schule, eine bessere Zukunft für ihre Kinder – auf Glück eben – in die Städte kamen, und seither in Elend und Verzweiflung ausharren.
Doch hier oben am Ende der Treppe, auf dem höchsten Punkt der Siedlung, wo man runter auf die Stadt gucken kann, tritt in einem blaugelben Kleid Maftuha in die Abendsonne ihrer kleinen Veranda. Lächelnd winkt sie mir zu. Neben ihr ihre Tochter Hamde. Beide wirken aufgeregt. Kinder toben vor dem Haus. Die Nachbarinnen schauen neugierig vorbei, um Maftuhas Besucher zu sehen. Maftuha lächelt gelassen und wimmelt sie freundlich ab.
"Kommt rein, bitte!" Sie geht voran in einen hellblau gestrichenen Raum mit einem passenden blauen PVC-Boden mit arabischem Fliesenmuster. "Nein, nein, ihr braucht die Schuhe nicht ausziehen," lacht sie, während sie Barfuß über die Türschwelle ihres Hauses tritt. Das Zimmer mit den hohen Decken ist ein richtiges Zuhause, mit gemütlichen Kissen auf dem Boden, Heiligenbildern an den Wänden, sauber und peinlichst aufgeräumt. Hier tritt man ungern mit dreckigen Schuhen ein. Offen und neugierig lächelt mich die 40-Jährige an. "Dein Haus ist wirklich schön, hast du das wirklich allein gebaut?", frage ich sie. "Oh nein, natürlich nicht. Ich habe die Arbeiter bezahlt und mit angepackt, wo es eben ging", erzählt sie. Die Materialkosten haben die SOS-Kinderdörfer übernommen.
Erinnerungen an harte Zeiten
"Wo hast du vorher gewohnt?", will ich neugierig wissen. "Nun, du bist gerade daran vorbeigelaufen. Die kleine Hütte links neben dem Haus. So haben wir 12 Jahre lang gelebt." Während sie den letzten Satz sagt, zieht ein Schatten über ihr Gesicht. Maftuhas Mann starb bei einem Autounfall kurz vor der Geburt der jüngsten Tochter. Plötzlich auf sich alleingestellt mit vier Kindern, konnte die junge Mutter, die bis dahin einen Laden betrieben hatte, nicht mehr arbeiten. "Von heute auf morgen fielen wir auf Null. Ich trug die Verantwortung für drei Kleinkinder und einen Säugling. Wer hätte auf sie aufpassen sollen, während ich arbeitete? So landeten wir in diesem Zelt. Es war eine sehr schwere Zeit. Ich war überfordert, wurde depressiv."
"Der Hunger, der Dreck, die Kälte, wenn es regnete und die Angst um die Kinder waren einfach zu viel."
Bevor die dunklen Erinnerungen sie gefangen nehmen, steht Maftuha auf und kramt in einer Schublade. Die Bilder, die sie hervorzieht, sind Momentaufnahmen glücklicher Kindheit und Jugend. Immer wieder ist ein Mädchen im Karate Outfit mit schwarzem Gürtel, dem Zeichen, dass sie ein Profi ist, zu sehen. Stolz blickt sie in die Kamera, während sie im Wechsel einen Pokal oder Medaillen hochhält. Auf einem anderen Bild ist ein junger Mann mit seiner jungen Familie zu sehen. Alle lächeln fröhlich. "Das sind meine beiden ältesten Kinder. Mein Sohn hat mittlerweile seine eigene Familie und meine Tochter repräsentiert die Stadt als Karatemeisterin. Sie wird Trainerin."
Ein starkes Vorbild für ihre Kinder
Die Frau, die hier auf den Kissen in ihrem Haus sitzt, wirkt energisch, positiv und voller Tatendrank. Von Depression keine Spur. "Ich hatte die Verantwortung für die Kinder. Ich konnte mich nicht der Trauer ergeben oder in Selbstmitleid zerfließen. Ich musste weitermachen und ihnen, wenn schon kein schönes Zuhause und drei Mahlzeiten am Tag, wenigstens ein Vorbild sein. Wenn nur eines meiner Kinder Erfolg hat, werden wir alle es besser haben." Was sie sagt, hat nichts Kalkulierendes. Ich bin mir sicher, Maftuha würde eher den Fernseher auf dem kleinen Schrank verkaufen, als auch nur einen Pokal ihrer Tochter herzugeben.
Die 4-fache Mutter begann als Putzfrau zu arbeiten und die Wäsche anderer Leute zu waschen. Dazu baute sie einen Frühstücksservice auf und sparte. Jeden Tag ein klein wenig über viele Jahre, für die Ausbildung der Kinder und ein richtiges Zuhause. Schon damals haben die SOS-Kinderdörfer sie unterstützt bei der Anschaffung von Schulmaterialien und Lebensmitteln für ihre Kinder.
Maftuhas Kinder haben alle die Schule besucht, die 13-jährige Hamde ist in der 8. Klasse. Sie ist ein hübsches Mädchen mit ebenso offenem, neugierigem Blick wie ihre Mutter. Während ihre Mutter erzählt, sitzt sie still neben ihr und nickt ab und an. „Hamde“, richte ich mich an das Mädchen, "hast du Vorbilder?" Die Stimmung schlägt um. Ohne Vorwarnung. Hamde vergräbt ihr Gesicht in ihrem Ärmel und weint. Auch Maftuhas Augen füllen sich mit Tränen. "Mein Vorbild ist meine Mutter", sagt sie unter Tränen.
Mit Ihrer Unterstützung können wir nachhaltig helfen: Lesen Sie hier im ersten Teil unserer Reportage von einer Familie, die auf der Warteliste für das Häuser-Projekt steht und dringend Hilfe benötigt.
