Äthiopien: Vom Dunkel ins Licht

Mit einem Hausbau-Projekt helfen wir Familien in Not

Von der Slumhütte in ein kleines, selbst erbautes Haus: Die SOS-Kinderdörfer in Äthiopien begleiten Familien in Not in ein menschenwürdiges Leben. Unsere Reportage beginnt im Elend der Müllsammler und Tagelöhner, eine weitere Geschichte erzählt bereits die Erfolgsstory einer tatkräftigen Mutter.

Die Stufen, die mich in Dire Dawas Armenviertel führen, sind steinig. Der Weg gepflastert mit Plastikmüll und Exkrementen. Die Häuser hier am Hang haben weder Wasserversorgung noch Toiletten. Über einen mit Büschen zugewachsenen Pfad geht es tiefer hinein in das Viertel. Plötzlich tauchen am Hang eiförmige Müllhaufen auf, vor denen Menschen sitzen. Die Familien leben hier illegal. Eingepfercht wie Tiere. Viele dachten, nachdem sie als Bauern auf dem Land nicht mehr leben konnten, würden sie ihr Glück in der Stadt finden. Vor einer der Hütten begrüßt mich ein magerer alter Mann. Seine ebenso abgemagerte Frau ist offensichtlich hochschwanger. Ein Kleinkind hält sich am Kleidstoff der Mutter fest. Mit einer einladenden Geste bitten die beiden herein.

"Wir schlafen zu fünft hier", sagt Adem Ahmed. Fotos: Alea Horst

Ihre Gesichter bleiben ungerührt. Kein Lächeln, kein Leben. Herein kommt man normalerweise in ein Zimmer. In ein gemütliches Zuhause, in dem man sich willkommen und sicher fühlt. Hier kommt man auf einen 2 Quadratmeter großen Platz. Der Lehmfußboden mit Plastikplanen bedeckt. Drei gelbe Wasserkanister dienen als Gefäße und Sitzmobiliar gleichermaßen. Das "Glück", das die Familie gefunden hat in dieser Stadt, besteht aus einer dieser eiförmigen Behausungen. Diesmal nicht aus Plastik, sondern aus Blechplatten. "Wir schlafen zu fünft hier, erzählt der 60-jährige Adem Ahmed. In der Regenzeit läuft das Wasser die Wände herunter, aber wir können uns nichts Anderes leisten. Immerhin zahlen wir keine Miete."

Müllsammeln und Betteln 

Während Adem spricht, sitzt seine Frau Misrujundi apathisch neben ihm. Die 45-jährige scheint weit weg, in einer anderen Welt zu sein. Ihr Gesicht eine versteinerte Maske unendlicher Verzweiflung. "Womit verdient ihr Geld und wie oft esst ihr", frage ich die beiden. Misrujundi antwortet mit emotionsloser Stimme: "Ich gehe morgens Müllsammeln hier in der Nachbarschaft. Dafür gibt es ein wenig Geld und dann gehe ich in die Stadt zum Betteln. Ich breche bei Sonnenaufgang auf und komme spät am Abend zurück. So schaffe ich am Tag ca. 60 Birr (ca. 1,35€). Während sie das sagt, verlangt ihr kleiner Sohn Tofik nach Aufmerksamkeit. Fliegen sitzen überall auf dem Gesicht des Kleinen. Misrujundi kann auch ihm keine Emotionen entgegenbringen. Mit einer automatischen Handlung setzt sie ihn vor sich hin und starrt wieder ins Leere. Es ist als würde sich ihr Kopf, um sie zu vor der Wirklichkeit schützen, abspalten und in einer fernen Welt ohne Emotionen halten. Der Stress, der extremen Armut hat bei Misrujundi offensichtlich zu psychischer Instabilität geführt. Die Depression lähmt sie. 

Ihre Armut und der tägliche Überlebenskampf haben Misrujundi zermürbt. Damit Eltern wieder Kraft finden, bietet die Familienhilfe der SOS-Kinderdörfer auch psychologischen Beistand.

Reflexartig will ich wissen, warum denn Adem eigentlich nicht arbeiten geht. Ich sehe ihn schon vor mir, den Patriarchen, der sich zurücklehnt und seiner Frau die schwere Arbeit und das würdelose Betteln überlässt, während er daheim regiert. Wie man sich täuschen kann! Adem beantwortet meine Frage ruhig: "Ich arbeite auf dem Bau als Tagelöhner. An guten Tagen verdiene ich tatsächlich 10 Birr mehr als meine Frau. Nur bekomme ich häufig keine Arbeit. Ich bin alt. Ihr Verdienst ist sicher. Ich kümmere mich in der Zeit um Tofik. Er leidet an Epilepsie und braucht viel Betreuung. Wenn er einen Anfall hat, bekommt er keine Luft." Liebevoll schließt er den kleinen Jungen in die Arme und lächelt ihn an. Medikamente für den Dreijährigen gibt es nicht. Die Spezialklinik können sie sich nicht leisten.  

 

Sie können helfen

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Mit der Corona-Krise kommt der Hunger 

Ich halte es eigentlich schon für sinnlos, nach den Auswirkungen von Corona auf die Familie zu fragen. Was kann für diese Familie schon noch schlimmer werden? Als ich doch frage, antwortet mir die Mutter: "Durch die Kontaktbeschränkungen konnte ich nicht mehr in die Stadt. Die Leute haben sich voreinander gefürchtet. Es gab auch für meinen Mann keine Arbeit mehr und plötzlich haben wir statt 2 Mahlzeiten Reis oder Kartoffeln nur noch eine, manchmal auch gar keine mehr gehabt. Was wir hatten, haben wir gestreckt. Wir wussten ja nicht, wann es wieder aufhört. Das war schlimm. Jetzt ist es ein wenig besser. Für Tofik konnte ich ab und an Spezialnahrung in der Klinik bekommen, aber keine Medikamente." Tofik ist in seiner physischen Entwicklung weit zurückgeblieben. Eine Folge der Unter- und Mangelernährung. Die unregelmäßige hochkalorische Nahrung konnte die fehlenden Vitamine und Nährstoffe offenbar nicht ausgleichen. Welche Zukunft kann Tofik haben? Wird er jemals zur Schule gehen können? Wird er überhaupt seinen fünften Geburtstag erleben? 

Liebevoller Vater: Wenn Adem keine Arbeit als Tagelöhner findet, kümmert er sich Zuhause um seinen Sohn Tofik.

Ich habe das Gefühl, je mehr ich hier sehe und höre, desto mehr greift auch dieses beklemmende Gefühl der Verzweiflung auf mich über. Völliger Unsinn natürlich. Meine Welt wird wieder hell sein, sobald ich ein paar Schritte aus diesem Hof hinaus mache. Es ist das Gefühl der Machtlosigkeit. Dieses Gefühl, so umfassender Armut zu begegnen, dass alles, was man versucht dagegen zu tun, nicht ausreicht. Ich habe das Gefühl hier nicht gehen zu können, ohne ihren Fokus auf etwas Positives gelegt zu haben. Deswegen frage ich Misrujundi: "Was wünschst du dir für dein Baby?" Wieder schaut die versteinerte Maske durch mich hindurch, als sie antwortet: "Ich bin 45 Jahre. Das Baby war nicht geplant. Ich habe keine Träume für das Kind."

Hoffnungslos? Nein! Mit Ihrer Unterstützung können wir nachhaltig helfen: Lesen Sie im nächsten Teil unserer Reportage, wie sich das Leben von Familien durch unser Häuser-Projekt ändern kann.

Ein menschenwürdiges Zuhause 

In dem Armenviertel Dire Dawas in Äthiopien leben viele Familien wie die von Tofik und Hamde unter menschenunwürdigen Bedingungen. Sie leben in illegalen Behausungen, ohne Strom, Wasser und Toilette, ohne Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Lage.  

25 von ihnen werden von den SOS-Kinderdörfern betreut. Unter finanzieller Beteiligung der Familien und Gemeinden, helfen wir ihnen z.B. durch die Bereitstellung der Baumaterialien ein wetterfestes und geschütztes Zuhause zu bauen.  

Zusätzlich begleiten wir die Familien psychologisch und bieten ihnen seelische Begleitung in Einzel- oder Gruppentherapien an, um den Stress der extremen Armut und der Unsicherheit mit ihnen zusammen zu lindern und sie in die Lage zu versetzen, mit uns zusammen einen Plan für ihre Zukunft auszuarbeiten. 

Um Engpässe abzufangen, erhalten Familien auch Lebensmittelzuschüsse. Für Kinder stellen wir bei Bedarf Schulmaterialien bereit.  

Eltern bieten wir Fortbildungsmöglichkeiten und helfen ihnen bei der Jobsuche. 

In unseren Familienhilfe-Programmen gibt es keine „0ne size fits all- Lösungen“. Jede Familie bespricht mit einem Sozialarbeiter ihren Entwicklungsplan und wird über eine Dauer von 3-5 Jahren von uns begleitet und gefördert, um danach auf eigenen Beinen zu stehen.  

 

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