Mit Musik, Sport und Kunst gegen die Macht der Drogenkartelle

So entkommen Kinder in Kolumbien der Gewaltspirale

Mitarbeiter:innen der SOS-Kinderdörfer in Kolumbien haben eine Strategie entwickelt, um zu verhindern, dass Kinder auf Abwege geraten: Mit Musik, Kunst und Sport schaffen sie ihnen neue Freizeitmöglichkeiten. Doch die Arbeit ist auch gefährlich, da es immer wieder zu Zusammentreffen mit Drogenkartellen und Guerilla-Banden kommt. 

Was passiert, wenn Kinder in ihrem Alltag nur Gewalt erleben, Angst um ihre Familie und Freunde haben, und alle um sie herum illegale Geschäfte ausführen? Sie wachsen in diese Strukturen hinein. In Kolumbien ist das die Lebensrealität vieler Kinder und Jugendlicher: Kriminelle Banden und Drogenkartelle verbreiten eine Atmosphäre voller Angst, Gewalt und Tod. Sie rekrutieren Kinder von klein auf für ihre Zwecke und geben ihnen das Gefühl, dass das die Normalität ist. Während der Pandemie haben die Rekrutierungen seitens krimineller Gruppierungen deutlich zugenommen.

Felipe Salazar bietet Kindern in ganz Kolumbien durch Musik eine Alternative zu Gewalt und Angst. Foto: Felipe Salazar

Doch was, wenn Kinder eine Alternative kennenlernen? „Ich glaube, dass unsere Strategie funktioniert“, sag Felipe Salazar im Videoanruf. Der 38-Jährige arbeitet für die SOS-Kinderdörfer in Kolumbien. Die Strategie, von der er spricht, lebt von Musik, Kunst und Kreativität: Indem sie Kindern und Jugendlichen alternative Freizeitbeschäftigung geben, wollen er und seine Kolleg:innen verhindern, dass sie in die Hände der Banden geraten oder selbst kriminelle Wege einschlagen.

Alternative für 2.000 Kinder und Jugendliche 

"Wenn Kinder gemeinsam Musik machen und über ihre Rechte singen, dann verstehen sie die Botschaft aus ihrem Innersten heraus", sagt Felipe Salazar. Foto: Felipe Salazar

Dadurch hat sich das Blatt für viele gewendet: Die Methode Tejiendo Caminos, auf Deutsch „Wege verweben“, wird an Orten eingesetzt, wo Kinder und Jugendliche besonders vielen Risiken ausgesetzt sind. Und auch das Thema Migration spielt eine große Rolle: Kolumbianische Kinder kommen mit Kindern aus venezolanischen Flüchtlingsfamilien zusammen, um Vorurteile abzubauen. Insgesamt nehmen in Kolumbien rund 2.000 Kinder und Jugendliche an den unterschiedlichen Projekten von Tejiendo Caminos teil. 

Felipe Salazar ist es wichtig, die Familien nicht für die Umstände zu stigmatisieren, in denen sie leben. „Das ist ein sehr sensibles Thema. Denn in vielen Regionen leben die Familien vom Anbau der Coca-Pflanze.“ Diese wird später mit chemischen Mitteln zu Kokain verarbeitet, Drogenkartelle und Guerilla-Banden verkaufen die Droge illegal in die ganze Welt. Der Drogenhandel ist seit Jahrzehnten einer der Gründe für die Gewalt in Kolumbien. „Wir kriminalisieren diese Familien nicht, sondern versuchen, ihnen alternative Lebenswege zu ermöglichen“, sagt Felipe Salazar. Das fängt schon bei den Kindern an.

Probleme und Lösungen unterscheiden sich in der Stadt und auf dem Land

Etwa beim Musikprojekt "Canto Pazífico": Hier arbeiteten Salazar und seine Kolleg:innen mit Kindern aus Problemvierteln der Städte Tumaco und Quibdó, im Westen Kolumbiens gelegen. "In diesen Vierteln gibt es Drogenhandel und oft verkaufen Kinder die Drogen oder informieren die Banden, wenn die Polizei kommt. Als sie bei unseren Initiativen mitmachten und viel Zeit mit uns verbrachten, hörten sie langsam damit auf", sagt Salazar. Das sei beinahe die einzige Möglichkeit, Jugendliche aus den Banden herauszuholen, wenn sie dort erst einmal hineingeraten sind. Auf dem Land sei die Situation komplizierter – und gefährlicher: "Dort gibt es Gegenden, wo nicht einmal die Polizei hingeht, sondern nur wir hineingekommen sind."

Bei Tejiendo Caminos geht es darum, dass die Kinder sich selbst einbringen. Gemeinsam arbeiten sie daran, die Geschichte ihres Dorfes oder ihrer Familien zu verstehen und machen sich Gedanken über die Folgen von Flucht und Gewalt. Dann entwickeln sie Ideen oder Lösungen, wie sie die Themen bearbeiten wollen. "Es ist schön zu sehen, wie sie den Prozess selbst leiten", sagt Felipe Salazar.

Kinder stärken mit eigenen Projekten die Gemeinschaft

Auch in der Grenzregion La Guajira gibt es Probleme mit Plastikmüll. In diesem Projekt nutzen die Kinder den Müll für kreative Projekte. Foto: Felipe Salazar

Je nachdem, was den Kindern einfällt und wichtig erscheint, variieren auch die Projekte. In Juradó, einer Stadt an der Grenze zu Panama und am Pazifik gelegen, gingen die Jugendlichen auf Zeitreise: Sie bildeten die alte, indigene Kultur ihrer Ahnen nach und legten Gärten im Dschungel an. "Dafür haben sie Flächen ausgewählt, auf denen illegaler Bergbau betrieben worden war, und dort traditionelle Medizinpflanzen angebaut", sagt Salazar. 

In der Grenzregion La Guajira wachsen kolumbianische und venezolanische Kinder durch Kunstprojekte zusammen. Foto: Felipe Salazar

In einer anderen Gegend hatten die Jugendlichen eine kreative Idee, um sich gegen die Umweltverschmutzung zu wehren. "Dort gibt es kein Trinkwasser, deswegen kommt alles in Plastikflaschen dort an. Die Jugendlichen hatten eine sehr schöne Idee: Sie veranstalteten Kino-Abende." Salazar und seine Kolleg:innen stellten Filme und Bildschirme bereit. "Aber die Idee für den besonderen Eintrittspreis kam von den Kindern selbst. Anstelle von Geld verlangten sie fünf leere Plastikflaschen. Das war vielleicht ein Anblick, wie überall die Kinder herumgerannt sind, um Plastikmüll zu sammeln", sagt Salazar und lacht. 

Da viele Regionen unter der Gewalt krimineller Banden leiden, geht es in vielen Projekten auch darum, den Gemeinden neuen Mut zu geben und sie im Widerstand gegen diese Gewalt zu unterstützen. "Wir haben zum Beispiel einen Park, in dem diese Banden vor einigen Jahren ein Massaker angerichtet haben, für Theaterstücke und Wandgemälde genutzt. So konnten die Bewohner:innen des Ortes diesen Park zurückerobern und ein wenig ihre Angst ablegen." 

Gefährlicher Alltag für Mitarbeiter:innen

Viele Orte, an denen Felipe Salazar und seine Kolleg:innen arbeiten, liegen extrem abgeschieden. Die Reise dorthin ist oft lang und gefährlich. "Manchmal brauchen wir vier Tage, um von Bogotá dorthin zu gelangen. Zuerst muss man einen Platz finden, an dem ein Flugzeug landen kann, danach geht es acht Stunden in einem Boot über den Fluss, dann übernachten wir und am nächsten Tag müssen wir ein anderes Boot finden, das uns mitnimmt. Das sind Orte, die ganz tief im Dschungel liegen", erzählt Felipe Salazar. Seine Kolleg:innen trafen während einer solchen Reise auf eine bewaffnete Gruppe, die ihnen acht Stunden gaben, um ihr "Territorium" wieder zu verlassen. 

In La Guajira seien Mitarbeiter:innen ausgeraubt und mit einem Messer bedroht worden – von Menschen aus der Gemeinde, in der sie helfen. "Wir mussten ihnen klarmachen, dass wir hier mit Kindern arbeiten und dass sie uns arbeiten lassen müssen." Wichtig sei immer die Sicherheit der Menschen in den Gemeinden. "Wenn wir merken, dass sie durch uns noch mehr Gefahren ausgesetzt sind, dann schließen wir den Standort", sagt Felipe Salazar. Er selbst fokussiert sich weiterhin auf Musik, Kunst und Sport. Denn er ist überzeugt, dass sich so etwas verändert. "Wir können noch so viele Workshops zu Prävention machen, wenn es nicht in die Praxis umgesetzt wird, hilft es nichts. Wenn 30 Kinder gemeinsam Musik machen und über ihre Rechte singen, dann verstehen sie die Botschaft aus ihrem Innersten heraus."

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