"Was macht dieses Neugeborene hier in meinem Arm?"

Die Berliner Hebamme Anne-Katrin Klotzsch war Ende 2023 für die Organisation SOS Humanity im Einsatz, die zivile Seenotrettungen auf dem Mittelmeer durchführt. Auch die SOS-Kinderdörfer unterstützen die Arbeit von SOS Humanity, um Kindern und Familien auf der Flucht noch besser helfen zu können. Im Interview erzählt Anne-Katrin Klotzsch von schönen und schrecklichen Momenten an Bord.

Frau Klotzsch, Sie waren Ende 2023 als Hebamme mit SOS Humanity unterwegs, um Flüchtende aus dem Mittelmeer zu retten. Was waren Ihre Aufgaben?

Ich war hauptverantwortlich für alle Frauen, Babys und Kleinkinder, die an Bord kamen. Meine Aufgabe war es, sie medizinisch zu versorgen, zu informieren und zu beraten.

SOS Humanity ist es dabei sehr wichtig, dass in jedem Einsatz eine Hebamme dabei ist. Ich befürworte dies natürlich und sehe dabei die Notwendigkeit, dass Frauen im Kontext von Flucht gesehen werden und sie eine eigene Fachperson an ihre Seite bekommen.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie sich für die Arbeit an Bord interessierten?

Seit einiger Zeit versuche ich einmal im Jahr als Hebamme international tätig zu sein und ein Projekt oder eine Organisation zu unterstützen. Ich war zum Beispiel mal in einer kleinen Klinik in Gambia oder habe in einem Geflüchteten-Camp in Griechenland mitgearbeitet. Die Arbeit auf dem Mittelmeer war für mich die Brücke zwischen diesen beiden Polen: den Herkunftsländern und den Orten, in die die Menschen fliehen.

In der Regel sind die Menschen von Libyen aus in überfüllten Schlauchbooten Richtung Italien unterwegs, um nach Europa zu kommen. Eine hochriskante Fahrt, bei der es immer wieder zu Todesfällen kommt. Im Jahr 2023 sind mehr als 2500 Menschen dabei auf dem zentralen Mittelmeer ertrunken. Hatten Sie eine Idee davon, was Sie erwarten würde?

Eine grobe Vorstellung vielleicht, aber in der Situation ist dann doch alles anders. Ich bin froh, dass wir als Crew der Humanity 1 sehr umfassend und professionell gebrieft wurden. Das fing mit einem ausführlichen Auswahlverfahren an, welches bereits widerspiegelte, ob man fachlich sowie persönlich für diese Art von Arbeit geeignet sei sowie belastbar und ob man überhaupt in die jeweilige Crew-Konstellation passen würde. Bevor es dann losging, wurden wir theoretisch und mit praktischen Übungen auf mögliche Szenarien vorbereitet: Was tun, wenn Menschen unterkühlt sind? Was, wenn sie sichtlich traumatisiert sind? Oder, wenn die Situation außer Kontrolle gerät? Was machen wir, wenn Menschen verletzt sind? Oder, wenn Menschen nicht mehr leben?

Kam da auch mal der Gedanke auf, besser wieder nach Hause zu fahren?

Ja, das war so! Ich glaube, das ist auch normal. Und ich bin sehr froh, dass ich geblieben bin. Für mich war es bis jetzt und aus heutiger Sicht meine aller größte Herausforderung und Selbsterfahrung – und sie hat mich persönlich sehr weitergebracht.

Wie ging es nach der Vorbereitung weiter?

 Hebamme Anne-Katrin Klotzsch an Bord des Rettungsschiffs "Humanity 1" im Mittelmeer - Foto: Dokumentarfilm: Frauen auf der Flucht, Wüste Film West

Sobald wir einsatzbereit waren, haben wir die zuständigen Behörden informiert und steuerten daraufhin mit unserem Schiff, der Humanity 1, das zentrale Mittelmeer an. Über die Notruf-Hotline der Organisation Alarm Phone, die Seenotleitstellen der Küstenstaaten oder den eigenen Lookout (das Absuchen des Horizonts mit dem Fernglas, Tag wie Nacht) bekommt man dann die Info, ob sich Menschen in Seenot befinden und gerettet werden müssen. Das kann sehr schnell gehen oder auch dauern. Bei uns hat es lange gedauert. Wir waren zehn Tage unterwegs, bis es zur ersten Rettung kam.

Wie haben Sie den Moment erlebt?

Es war der 30. November 2023, ein Tag, den ich nie vergessen werde. Wir wurden früh morgens aus dem Schlaf gerissen mit dem Ruf "Get ready for rescue!" Jeder wusste, was zu tun war. Schutzkleidung anziehen, die jeweilige Station vorbereiten, währenddessen steuerten wir das Ziel an: ein Schlauchboot, auf dem sich etwa 90 Menschen befanden. Mit unseren Schnellbooten fuhr unser Rettungsteam zu ihnen, beurteilte die Lage und brachte die Menschen an Bord der Humanity 1; erst die medizinischen Fälle, dann Frauen und Kinder, also alle vulnerablen Gruppen, dann die Männer. Anschließend wurden sie nach Bedarf von uns medizinisch versorgt und registriert und bekamen Rescue-Kits, einen Rucksack mit Wechselkleidung (denn fast alle Menschen waren völlig durchnässt), Zahnbürste, ein kleines Handtuch, und wir haben sie mit Essen versorgt.

Wo kamen die Menschen ursprünglich her?

Größtenteils aus Afrika: Eritrea, Äthiopien, Gambia. Es war auch eine schwangere Frau dabei. Sie war im sechsten Monat und bei unserer ersten Begegnung sagte sie zu mir, dass sie ihr Kind schon einen Tag lang nicht mehr gespürt habe. Ich war erschrocken. Wir waren zwar gut ausgerüstet, aber nur für Basismaßnahmen, es sind Grenzen gesetzt. Ich untersuchte die Frau, auch mit unserem kleinen Ultraschall, und es war wunderschön, als ich ihr zeigen konnte, dass das Herz schlägt und sie sah, wie sich das Baby bewegt. Wir waren in dem Moment sehr verbunden, auch ohne gemeinsame Sprache.

Was sind es für Gründe, die Frauen veranlassen, eine so gefährliche Fahrt anzutreten? Sogar wenn sie schwanger sind?

Manche fliehen, weil sie zwangsverheiratet werden sollen, andere vor häuslicher Gewalt oder aus Furcht vor der Genitalverstümmelung, es gibt viele Gründe. Auch auf der Flucht sind sie großen Gefahren ausgesetzt, werden zur Prostitution gezwungen oder gefoltert. Das sind grausame Geschichten. Auch viele der Kinder haben traumatische Erfahrungen gemacht.

Foto: Aarez Ghaderi/SOS Humanity

Wie garantieren Sie den Schutz für Kinder und Frauen unter den herausfordernden Bedingungen an Bord?

Auf fast allen Schiffen zur Seenotrettung gibt es einen "Safe Space": Während alle Männer an Deck übernachten, haben die Frauen und Kinder einen Raum für sich, den "Women Shelter". Auf der Humanity 1 ist das ein wirklich schöner Ort - mit Etagenbetten, freundlich bemalten Wänden. Für viele der Kinder und Frauen ist es der erste Moment nach langer Zeit, in dem sie so etwas wie Sicherheit empfinden und sie Würde und Respekt erfahren.

Wie ging es dann weiter, als alle Menschen an Bord und gut versorgt waren?

Wir sind nach einer Rettung verpflichtet, die Menschen unmittelbar an einen sicheren Ort zu geleiten und haben von der italienischen Seenotleitstelle einen Hafen zugewiesen bekommen. Auf dem Weg dorthin können wir in Absprache mit dieser auf weitere Notfälle reagieren.

Ist es dazu gekommen?

Wir haben tatsächlich noch drei weitere Rettungen durchgeführt, alle am selben Tag: Um Mitternacht hatten wir dann insgesamt 200 Menschen sicher an Bord genommen, alle innerhalb von 18 Stunden.

Eine Rettung hat mich besonders mitgenommen. Es waren um die 40 Menschen mit einem blauen Holzboot unterwegs, das selbst bei leichtem Seegang schon bedrohlich wackelte. Sie saßen in zwei Etagen übereinander, hauptsächlich Familien aus Syrien, Pakistan und Bangladesch.

Die Kollegen, die die Menschen mit dem Schnellboot holten, informierten mich: Da ist ein Baby dabei. Kurz darauf übergaben sie mir ein Knäuel Decken. Ich merkte gleich, dass es sehr leicht war. Als ich hineinschaute, stellte ich erschrocken fest, dass es ein Neugeborenes war, wenige Tage alt. Es schoss mir durch den Kopf: Was macht ein Neugeborenes hier in meinen Armen? Es war unterkühlt, apathisch. Glücklicherweise kam die Familie hinterher, zu der noch zwei weitere Kleinkinder gehörten. Sie stammten aus Bangladesch. Alle waren in einem schlechten Zustand und man konnte erahnen, aus welchen Lebensumständen sie kamen. Ich war sehr erleichtert, als sich der Zustand des Neugeborenen in den nächsten Tagen deutlich verbesserte.

Das klingt alles sehr intensiv. Waren Sie zwischendurch überfordert?

Wir haben es irgendwie gemeistert und als Team funktioniert, das beschreibt es am besten. Wir haben nonstop gearbeitet, kaum geschlafen und Kräfte entwickelt, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie haben. Zwischendurch gab es bewegende Momente. Gerettete aus Ost- und Westafrika saßen zusammen, manche tanzten und trommelten, eine andere Gruppe betete nach Mekka ausgerichtet. 200 Menschen aus ganz verschiedenen Kulturen und Ländern verbrachten diese drei Tage friedlich miteinander und mit dem Gefühl von großer Erleichterung und auch Vorfreude. Immer wieder konnte ich sehen, wieviel Stolz, was für ein Strahlen und eine unbegreifbare Stärke in den Menschen ist – nach all diesen Erfahrungen. Das hat mich sehr beeindruckt.

Mit der Übergabe der Geretteten im Hafen von Crotone in Italien endete Ihre Mission. Wie ging es weiter für die Menschen?

Sie wurden registriert und in Aufnahmezentren gebracht. Es sind dann andere Organisationen, die sich um sie kümmern. Immer wieder habe ich Momente, an denen meine Gedanken bei ihnen sind und ich inständig hoffe, dass es ihnen gut geht.

Nachdem Sie diese Erfahrung gemacht haben: Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern, damit nicht mehr so viele Menschen auf der Flucht ums Leben kommen?

Es gibt sicher verschiedene Blickwinkel auf das Thema Flucht, Migration und Seenotrettung. Bei all dem darf man aber nie vergessen, dass es hier um Menschen geht. Viele von ihnen hatten einmal ein Leben wie wir: Sie haben einen Beruf ausgeübt, hatten ein Zuhause – und dann kam ein Krieg oder eine andere Katastrophe. Sie haben ein Recht auf Leben, Sicherheit und Unterstützung. Dass Menschen fliehen, gab es immer schon in der Geschichte. Es braucht eine europäische Lösung, um sicherzustellen, dass die Menschen sicher ankommen.

 

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