Ein elementarer Beitrag zum Kinderschutz

25. Juni 2021 | Erklärung von Dr. Wilfried Vyslozil, Vorstandsvorsitzender der SOS-Kinderdörfer weltweit, zum "Independent Child Safeguarding Review"

Dr. Wilfried Vyslozil

Die Veröffentlichung des "Independent Child Safeguarding Review" (ICSR) ist für uns ein elementarer Beitrag zum Kinderschutz und zu Transparenz. Ich danke der renommierten Kinderschutz-Organisation "Keeping Children Safe” aufrichtig für ihre Arbeit an diesem Bericht. SOS-Kinderdorf hatte diese unabhängige, externe Überprüfung in Auftrag gegeben, um zurückliegende Versäumnisse beim Kinderschutz besser zu verstehen und zu lernen, wo wir uns verbessern, Instrumente und Prozesse nachschärfen müssen.

Kinder und Jugendliche brauchen Erwachsene, denen sie voll vertrauen können. Der Prüfbericht zeigt Fälle auf, in denen wir unsere selbst gesetzten Standards nicht erfüllt haben, wo wir unser Versprechen, Kinder zu schützen, nicht eingehalten haben. Das ist sehr schmerzhaft und nicht leicht zu verkraften.

Worte allein können die Verletzungen und den Schaden, den hier vorgebliche Vertrauenspersonen Kindern und Jugendlichen zugefügt haben, kaum wiedergutmachen. Ich bin zutiefst betroffen, und verspreche, alles zu tun, damit unsere Werte und Verpflichtungen in durchgängig allen Ländern durchgesetzt und gelebt werden.

Der Bericht ist das aktuell letzte Glied einer langen Kette von Maßnahmen, die wir verstärkt seit 2008 zum Aufbau eines Kinderschutzsystems ergriffen haben und über die unter anderem unser jährlicher Kinderschutzbericht Auskunft gibt.

Es ist der Kernauftrag der SOS-Kinderdörfer, Kindern einen geschützten Raum zu geben. Wir sorgen derzeit mit rund 20.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unmittelbar für 76.600 Kinder und Jugendliche in den SOS-Kinderdörfern in 137 Ländern. Aus langjähriger und direkter Erfahrung wissen wir: Der weitaus größte Teil der weltweiten SOS-Kinderdorf-Familien lebt unsere Werte Tag für Tag überzeugend. In den allermeisten SOS-Kinderdorf-Programmen ist der Kinderschutz umfangreich gewährleistet und hat häufig Vorzeigecharakter. Dass dies in einigen Ländern nicht der Fall war und Kinder und Jugendliche zu Schaden gekommen sind, trifft uns zutiefst! 

Wir haben uns verpflichtet, die Empfehlungen, die "Keeping Children Safe" in dem Bericht gibt, umzusetzen und wir haben bereits konkrete Schritte eingeleitet. Konkret beschrieben sind diese in unserem Kinderschutz-Aktionsplan.

Ich verspreche, dass wir den Opfern - allen Menschen, die nun besondere Unterstützung brauchen – intensiv zuhören und rasch und umfassend helfen werden. Wir werden sämtlichen Vorwürfen von Fehlverhalten nachgehen und sicherstellen, dass die Verantwortlichen rechtmäßig verurteilt und bestraft werden.

Sicherheit und Geborgenheit sind die Grundlagen kindlicher Entwicklung. Dafür stehen wir kompromisslos ein.

"Independent Child Safeguarding Review"

Der "Independent Child Safeguarding Review" (ICSR) wurde vom Internationalen Senat von SOS-Kinderdorf in Auftrag gegeben, um Wege zu finden, das komplexe Thema des historischen Missbrauchs anzugehen und für die Zukunft zu lernen. Im Rahmen des ICSR wurden historische Missbrauchsfälle, die in SOS-Kinderdörfern und ihrem Umfeld in vier ausgewählten Ländern in verschiedenen Regionen der Welt stattgefunden hatten, über einen Zeitraum von vier Jahren untersucht. Der Bericht enthält die konsolidierten Ergebnisse und Empfehlungen aus den Untersuchungen mit dem Ziel, einen Beitrag zur Verbesserung des Kinderschutzes zu leisten.

Lesen Sie hier die Zusammenfassung des ICSR von "Keeping Children Safe" (Übersetzung aus dem Englischen, PDF). Der vollständige Bericht ist im englischen Original auf der Internetseite unserer Dachorganisation "SOS-Kinderdorf International" abrufbar.

Aktionsplan zur Stärkung des Kinderschutzes

Der Aktionsplan zur Stärkung des Kinderschutzes zeigt die Maßnahmen auf, die die SOS-Kinderdörfer aufgrund der Empfehlungen des "Independent Child Safeguarding Review" eingeleitet haben und in den nächsten Jahren vollständig umsetzen werden. Die geplanten Verbesserungen bauen auf einem umfangreichen Kinderschutz-System auf, das die Organisation insbesondere seit 2008 weltweit implementiert hat. Seit Bestehen der SOS-Kinderdörfer lässt sich der Kinderschutz in vier Phasen einteilen:

Weil jeder Fall ein Fall zu viel ist: Kinderschutz wird bei den SOS-Kinderdörfern kontinuierlich weiterentwickelt. 

  • Als Alternative zur Heimunterbringung etablieren die SOS-Kinderdörfer nach dem 2. Weltkrieg zuerst in Österreich ein familiennahes Betreuungsmodel. Es ermöglicht verlassenen Kindern ein liebevolles Aufwachsen und schützt sie vor Vernachlässigung.
  • Die SOS-Kinderdorf-Idee weitet sich über die ganze Welt aus. Alle Programme sind lokal verankert, was sich als stabilisierender Faktor erweist. So wird eine kontinuierliche, verlässliche Betreuung der Kinder auch in Krisenzeiten ermöglicht.

Mit der globalen Verbreitung rücken Qualitätssicherung und Professionalisierung in den Fokus:

  • 1978 wird die Rolle der SOS-Kinderdorf-Mutter als sozialer Beruf anerkannt – mit festgelegter Berufsbeschreibung und Ausbildung.
  • In den 90er-Jahren werden die ersten Regionalbüros gegründet, um die Qualität der Betreuung weltweit zu garantieren.
  • 2002 werden weltweit gültige Standards für Mitarbeitende von SOS-Kinderdorf verabschiedet.

  • Die Betreuung sowie der Kinderschutz werden kontinuierlich professionalisiert.
  • 2008 verabschiedet die Generalversammlung für alle Programme der SOS-Kinderdörfer geltende Kinderschutz-Richtlinien.
  • In den folgenden Jahren werden die Richtlinien weiter ergänzt und präzisiert, unter anderem durch definierte Regeln für "Reporting & Responding Procedures" sowie "Child Protection Investigations".
  • 2011 wird der Code of Conduct verabschiedet: Er verpflichtet die Mitarbeitenden weltweit auf verbindliche Standards und respektvolles Verhalten und trägt ebenfalls entscheidend zur Sicherheit der Kinder bei.

Die Kinderschutzrichtlinie und der Code of Conduct bilden bis heute die Grundlage für den Kinderschutz der SOS-Kinderdörfer.

  • 2018 wird die Leitlinie "SOS-Care Promise" verabschiedet, die verbindliche Qualitäts-Kriterien für die Betreuung der Kinder und Jugendlichen festlegt – eine essentielle Voraussetzung für den Kinderschutz.
  • Das regionale sowie globale Kinderschutz-Netzwerk wird signifikant gestärkt und ausgebaut.
  • Weitere Trainings- und Präventivmaßnahmen sowie verbesserte Melde- und Reaktionssysteme werden etabliert.
  • Jährliche Kinderschutz-Datenerhebungen werden in allen Ländern der SOS-Kinderdörfer verbindlich eingeführt.
  • Auf dieser Grundlage wird der jährliche Kinderschutzreport erstellt, der seit 2018 öffentlich einsehbar ist.
  • Die externe Kinderschutz-Organisation "Keeping Children Safe" erteilt den SOS-Kinderdörfern die Level-1-Zertifikation und bescheinigt ihnen somit, dass sie über ein stabiles und verlässliches Kinderschutz-System verfügen.
  • 2017 beginnt "Keeping Children Safe" mit der Arbeit an der "Independent Child Safeguarding Review" (ICSR): Im Auftrag der SOS-Kinderdörfer untersucht sie historische Kinderschutz-Vorfälle. Ziel der SOS-Kinderdörfer ist es, aus der Vergangenheit zu lernen, Lücken zu schließen und den Kinderschutz weiter zu verbessern.

Aktionsplan für den Schutz von Kindern und Jugendlichen

  • Verlässliche Reportings und Response-Prozesse werden in allen Ländern etabliert.
  • Die Kapazitäten für den Schutz von Kindern und Jugendlichen werden weiter ausgebaut.
  • Insbesondere wird gezielt in 70 – 100 Programmstandorte investiert, um die Standards zu verbessern und den Kinderschutz zu stärken.
  • Mitarbeiter:innen werden regelmäßig zum Kinderschutz geschult und erhalten verpflichtende Supervisionen, um die hohe Qualität der Betreuung sicherzustellen, die eine wichtige Voraussetzung für den Kinderschutz ist.
  • Personalstrukturen und Verantwortlichkeiten werden klar definiert.
  • Kinder und Jugendliche erhalten Präventions-Trainings und sie bekommen verstärkt Möglichkeiten der bedeutungsvollen Partizipation – ein wichtiges Element für eine vertrauensvolle, sichere Umgebung.
  • Risikobewertung: Insbesondere die Programme der SOS-Kinderdörfer in 25 Krisenländern werden gezielt unterstützt, um den Kinderschutz auch unter schwierigsten Bedingungen sicherzustellen. Ein intensives Monitoring begleitet die Entwicklung.
  • Ombudspersonen-System: Externe Opferanwälte ergänzen die internen Kinderschutz-Mechanismen. Sie stehen bereit, um Betroffene zu beraten, zu unterstützen und zu begleiten.

Unterstützung von Betroffenen und Opferschutz

  • Innerhalb des Internationalen Managements wird eine neue Leitungsposition geschaffen, die für den Opferschutz zuständig und dafür verantwortlich ist, dass Betroffene Unterstützung erhalten und auf Vorfälle angemessen reagiert wird.
  • Auf regionaler und nationaler Ebene werden gleichermaßen interne Opferschutz-Positionen geschaffen und externe Audits durch unabhängige Partner etabliert.
  • Um Betroffene zu unterstützen, werden internationale Sondermittel (bis 2024 rund 10 Mio. Euro) zur Verfügung gestellt. Die nationalen Vereine der SOS-Kinderdörfer halten entsprechende Rücklagen bereit.
  • Weltweit wird ein einheitliches Fall-Management-System etabliert. Dazu gehören die Pflege einer Datenbank, in die auch die Analyse langfristiger Unterstützungsmaßnahmen mit einfließt, sowie externe Audits des Systems. Mitarbeitende werden geschult, um Fall-Protokolle nach festlegten Standards zu erstellen.
  • Es wird festgelegt, dass die Leitung der SOS-Kinderdörfer in den jeweiligen Ländern persönliche Verantwortung für den Opferschutz und nationale Unterstützungspläne für Opfer trägt.
  • Entsprechend der "Independent Child Safeguarding Review" sollen auch in Zukunft regelmäßig historische Kinderschutz-Vorfälle durch unabhängige Experten untersucht werden. Das Ziel ist, den Kinderschutz der SOS-Kinderdörfer fortlaufend zu reflektieren und wo nötig, zu verbessern.
  • Alle Opfer erhalten schnellen und transparenten Zugriff auf ihre eigenen Daten.

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