Kinder indigener Völker bedroht

06.01.2019 - Ausgegrenzt und diskriminiert: Bis heute werden nach Angaben der SOS-Kinderdörfer weltweit Millionen Kinder indigener Herkunft ihrer Rechte auf Überleben, Bildung, Schutz und Beteiligung beraubt.
Fast alle Familien, die im Gebiet von Patzún in Guatemala leben, gehören zum Maya-Stamm der Kaqchikel. Rund 64% von ihnen leben in großer Armut.  Foto:  Carmen Nufio
Fast alle Familien, die im Gebiet von Patzún in Guatemala leben, gehören zum Maya-Stamm der Kaqchikel. Rund 64% von ihnen leben in großer Armut. Foto: Carmen Nufio

"Indigene Völker stellen weltweit nur noch fünf Prozent der Bevölkerung, aber 15 Prozent der in Armut lebenden Menschen. Und während ihre Lebensräume weiter schrumpfen, wächst gleichzeitig ihre Entrechtung", sagt Louay Yassin, Pressesprecher der SOS-Kinderdörfer weltweit. Die Folgen für die Kinder seien dramatisch. Vor allem sie litten unter einem Mangel an adäquater Gesundheitsversorgung, Nahrung und Schulbildung - extreme Armut und Kindersterblichkeit breite sich sogar aus.

Die Bemühungen der Vereinten Nationen hätten weltweit das Bewusstsein um die die Benachteiligung indigener Völker zwar geschärft, doch bis heute seien die Verpflichtungen der Mitgliedsstaaten, die Rechte der betroffenen Menschen in ihren jeweiligen Ländern aktiv umzusetzen, nicht eingelöst. Die Kinder von rund 5000 indigenen Völkern seien nach wie vor von Diskriminierung und Armut betroffen.

Benachteiligung auf vielen Ebenen - Beispiele

Im SOS-Sozialzentrum San Juan Sacatepequez in Guatemala erhalten Familien Beratung und Hilfe zur Selbsthilfe. Fast 1000 Kinder und Mütter werden hier unterstützt. Foto: Marianela Jaramillo
  • Kindersterblichkeit: Kinder indigener Völker haben überall auf der Welt schlechtere Überlebenschancen als ihre Altersgenossen. Bei den Avanasi in Indien zum Beispiel liegt die Kindersterblichkeit bei 5,7 Prozent und ist damit deutlich höher als bei der allgemeinen Bevölkerung (3,7 Prozent). In Brasilien hat sich zwar die Kindersterblichkeit insgesamt halbiert, trotzdem steigt sie bei den indigenen Gruppen im Land weiter an. In Nepal und Australien stirbt ein indigenes Kind im Durchschnitt ganze 20 Jahre früher als andere Kinder.
  • Hunger: Kinder indigener Herkunft hungern weltweit. In Kolumbien zum Beispiel sind mehr als 45 Prozent der Kinder indigener Völker akut oder chronisch unterernährt. In Guatemala ist die Situation noch dramatischer: Hier sind 80 Prozent der indigenen Kinder chronisch unterernährt - fast doppelt so viele wie in anderen Bevölkerungsgruppen. "Der Kampf gegen Hunger muss auch da Priorität haben, wo niemand hinschaut", sagt Yassin.
  • Selbstmord: Weltweit nehmen sich doppelt so viele Mitglieder indigener Bevölkerungen das Leben, darunter besonders viele Jugendliche. Bei den Aborigines in Australien ist die Zahl sogar zehnmal, bei den Inuit in Kanada elfmal höher. Bei den Ureinwohnern der USA ist Selbstmord die zweithäufigste Todesursache in der Altersgruppe zwischen 15 und 24 Jahren.

Die dramatische Situation der Kinder indigener Herkunft führt Yassin mitunter darauf zurück, dass die Ausbeutung, die mit der Kolonialisierung begann, noch heute massiv fortgeführt würde. "Indigene Völker werden nach wie vor als minderwertig behandelt und in ihren Rechten beschnitten."

Hilfe und Förderung in den SOS-Projekten

Im peruanischen Juliaca besuchen Mädchen und Jungen einen Kindergarten, der von Frauen aus dem Ort geführt wird. So lernen Mütter im Rahmen der SOS-Familienhilfe, selbst Strukturen aufzubauen und die Entwicklung ihrer Kinder zu fördern. Foto: Björn-Owe Holmberg

Die SOS-Kinderdörfer weltweit setzten sich für indigene Kinder und ihre Familien ein. So werden zum Beispiel in den SOS-Sozialzentren Lateinamerikas alte Bräuche und die Sprache der Ureinwohner gepflegt und traditionelle Handwerksberufe gelehrt. In den SOS-Kinderdörfern wird sichergestellt, dass auch die Sprachen der Ureinwohner gesprochen werden. Im SOS-Kinderdorf Sucre in Bolivien zum Beispiel sprechen alle SOS-Mütter neben Spanisch auch Quechua, die Sprache der Inka.