Maggie will das Gesundheitssystem in Uganda umkrempeln 

Die Stipendiatin der SOS-Kinderdörfer erzählt, wie sie vor allem der ärmeren Bevölkerung helfen will - und warum sie keine Ärztin geworden ist.

Margaret Nandudu wuchs im SOS-Kinderdorf in Uganda auf. Durch ein Stipendium der SOS-Kinderdörfer studiert sie mittlerweile in Europa. Danach will sie wieder nach Hause – und sie hat große Pläne.  

Bevor Maggie zu sehen ist, ertönt ihr ansteckendes, lautes Lachen. Sie lacht, weil wir technische Probleme haben, uns zu sehen – aber immerhin das Hören klappt. Irgendwann funktioniert dann auch das Video und auf dem Bildschirm erscheint eine junge Frau mit einem strahlenden Lächeln. Margaret Nandudu sitzt in ihrem Studentenwohnheim in Luxemburg, wo sie im September 2020 ihr Masterstudium in Biomedizin begonnen hat. Ob es in Ordnung ist, wenn ich sie mit Maggie anspreche? "Auf jeden Fall. Wenn mich jemand Margaret nennt, dann denke ich immer, ich hätte was angestellt", sagt sie. Wieder dieses schallende Lachen.  

Ein außergewöhnlicher Weg

Mittlerweile studiert Maggie in Europa im Masterstudium Biomedizin.

 

Die Tatsache, dass die 22-Jährige im Corona-November 2020 aus Luxemburg mit mir sprechen kann, ist einer der vielen Aspekte ihres außergewöhnlichen Lebens. Dieses wäre anders verlaufen, wenn ihre leibliche Mutter sie nicht als Dreijährige in das SOS-Kinderdorf Kakiri in Uganda gegeben hätte. Seither hat Maggie zwei Mütter. "Wenn ich von meiner Mutter spreche, dann ist das meine leibliche. Wenn ich 'unsere Mutter' sage, meine ich meine SOS-Kinderdorfmutter." Ihre leibliche Mutter hatte von den SOS-Kinderdörfern gehört, sie war alleinerziehend und sie wollte, dass ihre Tochter die bestmögliche Bildung erhielt. Nur so – das wusste ihre Mutter – würde Maggie einmal ein anderes Leben führen können. Sie selbst hatte niemals Bildung erhalten, deswegen war ihr größter Wunsch, dass ihre Tochter Bildung erfuhr. Maggie wuchs also im SOS-Kinderdorf auf, hatte aber immer Kontakt zu ihrer biologischen Mutter.  

"Ich wollte keine Ärztin werden, sondern wissen, wie der Körper mit Medikamenten interagiert" 

Schnell stellte sich heraus, dass Maggie eine gute Schülerin war, fleißig und wissbegierig. So kam sie dann im Alter von 14 Jahren durch ein Stipendium der SOS-Kinderdörfer an das Hermann-Gmeiner-College in Ghana. Hier unterschied sie sich von anderen Schüler:innen. "Für mich war das erst der Anfang. Während viele einfach die Abschlussprüfungen schaffen wollten, wollte ich immer weitermachen. So hat unsere SOS-Kinderdorfmutter uns erzogen: Man muss immer weitermachen." Deshalb war für Maggie schnell klar, dass sie mehr wollte als nur den Schulabschluss. Schon als kleines Kind liebte sie Mathematik. Zahlen verband sie damals vor allem mit Geld, deswegen wollte sie Bankmanagerin werden.  

In der sechsten Klasse kam Maggie dann mit einem anderen Gebiet in Berührung, in dem Mathematik wichtig ist: mit den Naturwissenschaften. "Ich fand es so spannend, tiefer in den Körper zu blicken und ihn zu verstehen."

Diese Begeisterung für den Körper und die Naturwissenschaften erhielt sie sich über all die Jahre. Allerdings war sich Maggie schon am College in Ghana sicher, dass sie nicht Medizin studieren will. "Ich wollte keine Ärztin werden, sondern mich interessierte, wie Medikamente mit dem Körper interagieren. Deswegen habe ich nach einem Bachelorstudiengang gesucht, der das kombiniert." Ihre Suche führte sie zur Jacob’s University in Bremen. Sie bekam ein Stipendium der SOS-Kinderdörfer und begann, medizinische Chemie und chemische Biologie zu studieren.  

Das ugandische Gesundheitssystem vergisst die kleinen Leute 

Maggie will wieder zurück nach Afrika, nach Uganda. Sie will das Gesundheitssystem dort verändern. "Zuhause sagen sie immer, ich will einmal Gesundheitsministerin werden", sagt sie, wieder ertönt ihr schallendes Lachen. In ihren Augen gibt es gerade auf dem Land Probleme: Dort haben viele Menschen oftmals keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Maggie will, dass alle Menschen diesen Zugang haben. "Nicht nur diejenigen, die über genug Mittel verfügen, um in die Städte zu fahren." 

"Es kann doch nicht nur um die Reicheren gehen, die große Mehrheit der Bevölkerung wird einfach vergessen."

Margaret Nandudu
Maggie will, dass vor allem die ärmere Bevölkerung in ihrer Heimat Uganda besseren Zugang zu medizinischer Versorgung hat. 

Maggie will das System verändern, weil sie die Menschen kennt, die darunter leiden. "Ich war in diesen Orten, ich habe diese Familien selbst gesehen." Für viele seien es zehn Kilometer oder mehr bis zum nächsten Krankenhaus oder medizinischem Versorgungspunkt – zu Fuß. Ein weiteres Problem sei, dass die Medikamente für die meisten schlicht zu teuer seien. Die Studentin ist sichtlich wütend über diese Zustände: "Es kann doch nicht nur um die Reicheren gehen, die große Mehrheit der Bevölkerung wird einfach vergessen."  

Bedarf für Veränderung sieht sie besonders im kleinen Rahmen. "Es ist gut, die großen Probleme im Land zu lösen. Aber auch kleinere Dinge muss man angehen, wie etwa die Tatsache, dass es in vielen Apotheken und Kliniken an allem fehlt: an Unterstützung, an Materialien, um Medizin herzustellen." Damit sie diese Dinge ändern kann, braucht Maggie ihren wissenschaftlichen Hintergrund, da ist sie sicher. "Ich muss schließlich wissen, wovon ich rede. Ich muss auch nicht nach Hause gehen und Gesundheitsministerin werden. Es geht mir darum, dass es den Leuten besser geht. Das würde ich auch in anderen Ländern wie Kenia oder Tansania machen, nicht nur in Uganda."  

Corona als Bestärkung für Berufswahl 

Als im Frühling 2020 die Coronapandemie ausbrach, war die Welt darauf nicht vorbereitet. Maggie auch nicht. "Ich hätte nie gedacht, dass so etwas möglich wäre. Durch die Pandemie mache ich mir ständig Sorgen um meine Gesundheit und die meiner Mitmenschen", sagt sie. Die Krise hätte ihre Gedanken über Gemeinschaft drastisch verändert. "Denn wir alle haben die Normalität verloren – eine Normalität mit Freunden und Familie. Ich will mir gar nicht vorstellen, was das für viele Menschen in meinem Heimatland und um den Globus bedeutet, deren Einkommen durch die Pandemie wegbricht."  

"Ich will mir gar nicht vorstellen, was das für viele Menschen in meinem Heimatland und um den Globus bedeutet, deren Einkommen durch die Pandemie wegbricht."

Margaret Nandudu

Der Ausbruch und die Auswirkungen der Coronapandemie bestärkten Maggie in ihrer Studien- und Berufswahl. "Die Politik muss die Gesundheit priorisieren, ebenso wie eine Wirtschaft, die vor allem den Ärmsten, den Anfälligsten, hilft." Es sollte das Ziel eines sozialen Sicherheitsnetzes sein, die Schere zwischen Arm und Reich zu verkleinern. In Uganda bedeute das für sie: "Ein solches Netz muss eine gesetzliche Krankenversicherung beinhalten, um die Kosten für den Zugang zu grundsätzlichen Gesundheitsdiensten und Grundbedürfnissen zu senken. Etwa den Zugang zu sauberem Trinkwasser und Essen, um die Gesundheit in Haushalten zu fördern."  

Internationale Freundschaften und Kulturschock in Deutschland 

Stundenlanges Arbeiten im Labor macht Maggie nichts aus. Sie verbringt viel Zeit damit.

Bevor Maggie ihren Plan in die Tat umsetzen kann, liegt noch eine anstrengende Zeit im Masterstudium vor ihr. "Der Master ist auf drei Länder aufgeteilt: Luxemburg, Frankreich und Deutschland. Aber das ganze Studium ist auf Englisch." Wie wichtig es ist, mit anderen eine Sprache zu teilen, merkte Maggie schon im Bachelorstudium in Bremen. Am Anfang war sie ein wenig überfordert mit der neuen Kultur und dem Studium. "Ich kam nach Deutschland, als ich 18 Jahre alt war. Das war wohl das erste Mal, dass ich einen Kulturschock hatte. In Ghana war es okay, ich hatte mit vielen Mitschüler:innen die gleiche Erfahrung. Ich habe es erst in dem Moment realisiert, als ich alleine in das Flugzeug stieg und dachte 'Oh Gott, ich gehe nicht nur nach Kenia oder Tansania, sondern ich ziehe auf einen anderen Kontinent.'"  

Nach ein paar Anfangsschwierigkeiten fand Maggie durch Sportangebote der Universität und eine christliche Studentengemeinschaft Anschluss und Freunde aus aller Welt. "Meine besten Freunde kommen aus Kamerun, Albanien und Kosovo", sagt Maggie. Sehr viel Zeit für Freizeit hat Maggie allerdings meistens nicht, denn das Studium ist sehr zeitintensiv. "Ich liebe es, im Labor zu arbeiten. Im Bachelor konnte ich mir die Laborzeit ein wenig freier einteilen. Um acht Uhr morgens ging ich meistens ins Labor – je nachdem, wie viele Enzyme und Zellen wir untersuchten, kam ich zwischen Mittag und spätem Abend wieder heraus", sagt sie.  

Fünf Sprachen und viel Ehrgeiz 

Wann sie ihre Familie der SOS-Kinderdörfer und ihre Mutter und Schwester wiedersehen wird, weiß Maggie noch nicht. "Eigentlich wollte ich sie im Winter besuchen. Aber dann war der Umzug und ich bin auch unsicher wegen Corona. Deswegen werde ich abwarten, bis es wieder unkomplizierter ist." In der Zwischenzeit kann sie ihr Deutsch und ihr Französisch verbessern. Insgesamt spricht Maggie dann fünf Sprachen: Sie wuchs mit Englisch, Suaheli und der lokalen Sprache Luganda auf.  

Bis sie ihren Traum von einem besseren Gesundheitssystem in Afrika anpacken kann, muss sie noch einige Laborstunden abarbeiten. Das schreckt Maggie nicht ab, im Gegenteil: "Das erste Semester im Masterstudium ist wirklich anstrengend und herausfordernd. Aber ich bin organisiert, fokussiert und arbeite auf ein Ziel hin. Ich würde auch gern noch mehr Erfahrungen in einem Labor oder in einem Pharmaunternehmen sammeln. Aber langfristig sehe ich mich in einem speziellen Gesundheitsprogramm oder einem von den Projekten, die weltweit stattfinden." 

So wirken die Stipendien der SOS-Kinderdörfer weltweit

Oft haben Jugendliche aus Afrika oder Asien nach dem Schulabschluss keine Möglichkeit, ihre Fähigkeiten und Interessen in ihrem Land durch eine hochwertige Universitätsausbildung zu vertiefen. Das liegt zum Einen an einer zu geringen Auswahl an Studiengängen und schlechter Qualität des Lehrangebots und zum Anderen an politischer und sozialer Instabilität.

Die Stipendien der SOS-Kinderdörfer richten sich an besonders talentierte Jugendliche aus den Programmen. Sie sollen speziell Mädchen fördern, da für diese in vielen Ländern der Zugang zu Bildung zusätzlich schwierig ist. Pro Jahr vergeben die SOS-Kinderdörfer zwischen 20 und 30 neue Stipendien.

Damit wollen wir jungen Menschen, die besonders begabt, motiviert und emotional stabil sind, neue Möglichkeit eröffnen: Sie sollen ihre Talente auszuschöpfen und ihren Interessen entsprechend eine qualitativ gute Universitätsausbildung bekommen. 

Besonders Stiftungen können sich für die Förderung begabter Kinder und Jugendlicher aus all unseren Projekten einsetzen. Mehr Informationen zu unserem Stipendienprogramm finden sich hier.

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