"Es ist keine Schande zu weinen"

Mit Traumata leben können: Die Psychologin Teresa Ngigi schult Mitarbeitende der SOS-Kinderdörfer, die im Bürgerkriegsland Somalia Kindern beistehen – und dabei täglich der Gefahr trotzen.

Achtung: Der folgende Artikel thematisiert schwere Traumata und könnte auf einige Leserinnen und Leser verstörend wirken.

Plötzlich beginnt Abdirahman* zu stocken. Er stellt seinen Kolleginnen und Kollegen das Ergebnis der Gruppenarbeit vor - doch während er spricht, steigen Tränen in seine Augen, er wendet sich ab. Mukhtar, der vorne sitzt, steht sofort auf, nimmt seinen Kollegen in den Arm, andere kommen hinzu, gemeinsam begleiten sie Abdirahman nach draußen. Als dieser in den Seminarraum zurückkehrt, sagt er mit ruhiger Stimme: "Es ist keine Schande zu weinen" – und alle stimmen ihm zu.

Eine Gruppe von 15 Mitarbeitenden der SOS-Kinderdörfer in Somalia besucht eine Fortbildung. Es sind Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Pädagogen und Lehrer, eine Kinderärztin - sie alle arbeiten in Somalias Hauptstadt Mogadischu täglich mit Kindern, Jugendlichen und Familien, die schwere traumatische Erfahrungen erlitten haben. In einem Land, das zu den ärmsten der Welt zählt und durch jahrzehntelangen Bürgerkrieg gezeichnet ist. In einer Stadt, wo die Gefahr durch Terrorangriffe alltäglich ist. Das Thema des einwöchigen Trainings, das die erfahrene Psychologin Teresa Ngigi hält, lautet: Mentale Gesundheit und Psychosoziale Unterstützung (MHPSS - Mental Health and Psychosocial Support).

Schwerbewaffnete Wachleute und friedliche Betriebsamkeit

An der Zufahrt stehen Wachleute mit Maschinenpistolen, mächtige, rot-weiß gestrichene Betonblöcke sollen in Fahrzeugen heranrasende Angreifer stoppen. Für die Mitarbeitenden aus Mogadischu ist das ein gewohnter Anblick. Doch wir befinden uns nicht in Somalias Hauptstadt. Für die Fortbildung ist das Team nach Hargeisa in Somaliland gereist – weil hier die Sicherheitslage deutlich besser ist. Das Hotel, in dem das Training stattfindet, wird zwar streng bewacht. Denn hier steigen auch internationale Gäste ab, darunter Mitarbeitende von Hilfsorganisationen. Doch auf den staubigen Straßen von Hargeisa herrscht friedliche Betriebsamkeit. Überall, auch im Stadtzentrum, laufen zwischen Autos und Passanten Ziegen herum, schwerbewaffnete Sicherheitskräfte an Straßensperren sieht man dort dagegen nicht. In Mogadischu ist das anders.

Auf den Straßen von Hargeisa herrscht friedliche Betriebsamkeit.

"Ein Fall, der sich in meinem Herzen eingebrannt hat"

Das Team aus Somalia und die Psychologin Teresa Ngigi kennen sich bereits, als die Fortbildung in Hargeisa beginnt. Der erste Teil der Schulung hat online stattgefunden, nun treffen sie sich im Seminarraum mit seinen surrenden Ventilatoren, die die Hitze erträglich machen.

Während des Trainings in Hargeisa berichtet Teresa Ngigi immer wieder von ihrer Arbeit als Psychologin in verschiedenen Ländern: So war sie in Sierra Leone nach der Ebola-Krise im Einsatz oder hat im Bürgerkriegsland Syrien ein Kriseninterventionsteam der SOS-Kinderdörfer ausgebildet. Regelmäßig reist sie, nach Uganda, Mosambik oder eben Somaliland, um Mitarbeitende der weltweiten Organisation zu beraten und zu schulen.

"Ich frage nicht: Warum benimmst du dich so unmöglich, sondern: Was ist dir passiert?" Ein Kernsatz der traumainformierten Herangehensweise, die Teresa Ngigi in ihren Trainings vermittelt.

"Das ist ein Fall, der sich in meinem Herzen eingebrannt hat", beginnt sie und erzählt von einer SOS-Kinderdorf-Mutter, die sich hilfesuchend an sie wandte, nachdem sie ein 7-jähriges Mädchen neu in ihrer SOS-Kinderdorf-Familie aufgenommen hatte. Wie bei den anderen Kindern versuchte sie dem Mädchen durch körperliche Nähe Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. "Doch jedes Mal, wenn sie das Kind umarmte, erstarrte es. Und es dauert lange, bis es sich wieder öffnete. Die SOS-Kinderdorf-Mutter war verzweifelt und fragte mich: Was mache ich nur falsch?"

Die Psychologin begann Nachforschungen anzustellen und fand etwas Entsetzliches heraus: "Das Mädchen war von seinem Vater und seinem Onkel sexuell missbraucht worden. Jedes Mal wenn sie dem Kind Gewalt antaten, umarmten sie es. Und jedes Mal, wenn die SOS-Kinderdorf-Mutter das Mädchen umarmte, rief dies das Trauma des Mädchens wieder wach, es erinnerte es an den Missbrauch." Ngigi hält inne, während sich in den Gesichtern der Gruppe Betroffenheit spiegelt.

"Ich muss wissen, was geschehen ist, dann kann ich helfen", sagt Fartun Adan Ahmed, die als Sozialarbeiterin Jugendliche betreut. "Wenn ich den Hintergrund nicht kenne, kann ich es noch schlimmer machen." Teresa Ngigi nickt. Genau darum geht es bei einer traumainformierten Betreuung.

"Das Verhalten eines Kindes ist immer auch Kommunikation, mit dem es versucht, uns etwas mitzuteilen. Und wir als Betreuerinnen und Betreuer müssen in der Lage sein, dieses Verhalten zu verstehen, um ein Kind dabei unterstützen zu können, seine leidvollen Erfahrungen hinter sich zu lassen."

Teresa Ngigi, Psychologin

Fundament für Kinderschutz

Ein zentrales Thema und Ziel des Trainings ist Kinderschutz. Denn gut ausgebildete und geschulte Mitarbeitende mit einem fundierten Wissen über Traumata, deren Symptome und Folgen sind dafür unabdingbare Voraussetzung.

Eindringlich wendet sich Teresa Ngigi an die Kolleginnen und Kollegen: "Wenn ein Kind missbraucht wird, hat das Folgen für sein ganzes Leben. Einige können durch Therapie von ihrem Trauma geheilt werden, aber es kann auch ihr Leben völlig zerstören."

"Verletzte Menschen verletzen andere, weil sie selbst verletzt worden sind": Aggressives und gewalttätiges Verhalten kann seine Ursache in unbewältigten Traumata haben.

"Ein Schüler sagt mir: Mein Vater ist mein Feind"

Armut, Gewalt in Familien, Terror auf den Straßen – die Somalis arbeiten täglich mit Kindern und Eltern, die schwere Traumata erlitten haben. Ibrahim Ahmed Jama, Lehrer an der Hermann-Gmeiner-Schule in Mogadischu, erzählt, wie er auf einen Fall von Kindesmisshandlung aufmerksam wurde: "Ein Schüler wollte nicht den Nachnamen seines Vaters schreiben. Also habe ich ihn nach dem Grund gefragt. Er sagte mir: Mein Vater ist mein Feind. Und er zeigte mir Verletzungen von Schlägen."

Dr. Zeinab Mahmud Derow, Kinderärztin in der Klinik der SOS-Kinderdörfer, muss nach Angriffen nicht nur Verletzte versorgen, sondern auch psychologische erste Hilfe leisten.

Vor dem Training haben sich alle Teilnehmer:innen auf Covid-19 testen lassen, das Tragen von Gesichtsmasken im Seminarraum ist freiwillig: Noor Mohamed Kulow, Sozialarbeiter, und Teresa Ngigi, Psychologin.

Ein Mädchen, das der Sozialarbeiter Noor Mohamed Kulow betreut, ist durch den Verlust der Eltern traumatisiert: Der Vater wurde bei einem Anschlag getötet, die Mutter starb an einer Blutung nach der Geburt.

In den Diskussionen arbeitet Teresa Ngigi gemeinsam mit der Gruppe die Grundsätze einer traumainformierten Betreuung heraus. Ein Kernsatz, den sie immer wieder betont: "Wir fragen ein Kind nicht: Was stimmt mit dir nicht? Wir fragen: Was ist dir widerfahren?"

In einer traumainformierten Organisation, so Teresa Ngigi, stehen die ganzheitlichen Bedürfnisse der Kinder, Jugendlichen und Familien im Mittelpunkt – genauso wie die der Mitarbeiter:innen. "Denn wir alle brauchen Unterstützung."

Damit ein Kind wieder lächeln kann

Während der Fortbildung reflektieren die Mitarbeitenden auch ihre eigenen traumatischen Erfahrungen und erlernen Techniken, um diese aufzuarbeiten, im Gespräch oder indem sie das Erlebte niederschreiben.

"Als ich meine Eltern verlor, war ich noch sehr jung und fühlte mich entsetzlich einsam", erzählt Osman Ibrahim Mohamed seine Geschichte. "Ich werde das nie in meinem Leben vergessen. Aber ich danke meinem Onkel, der mich aufgenommen hat und es mir ermöglichte, zu dem zu werden, der ich heute bin: Als Sozialarbeiter kann ich Kindern helfen, die verlassen sind oder in Gefahr sind ihre Eltern zu verlieren."

Fartun Adan Ahmed, Sozialarbeiterin, hat vor drei Jahren einen Anschlag direkt vor ihrem Haus überlebt, der Sicherheitskräften auf der Straße galt. Splitter durchschlugen ihre Haustür, einer schlug direkt über dem Kopf ihrer Tochter ein, sie selbst wurde an der Hand verletzt, ohne es zunächst zu bemerken. Sie könne sich nur noch dunkel erinnern. "Aber meine Tochter, sie war damals drei und ist jetzt sechs, fragt mich immer noch nach der Verletzung an meiner Hand, wenn sie Schüsse hört." Doch das komme nicht oft vor, die Sicherheitslage habe sich in den vergangenen Jahren verbessert, fügt sie hinzu – in einem Tonfall, als würde unsereins über schlechtes Wetter sprechen.

Diskussion: Sozialarbeiterin Fartun Adan Ahmed und ihr Kollege Osman Ibrahim Mohamed

Die allgegenwärtige Gefahr durch Terrorangriffe, regelmäßige Straßensperren, die zu weiten Umwegen zur Arbeit oder nach Hause zwingen – all das gehört zu ihrem Alltag in Mogadischu. "Es ist oft schwierig", sagt Hamdi Mohamed Hassan, die als Beauftragte für Monitoring und Evaluierung regelmäßig Hausbesuche bei Familien macht. "Aber wir haben gelernt, damit zu leben. Es wird uns nicht davon abhalten, jeden Tag unser Bestes zu geben, damit ein Kind wieder lächeln kann."

Menschen aus Somalia, sagt Teresa Ngigi aus ihrer Erfahrung als Psychologin, zeigen häufig eine besonders starke Resilienz, also seelische Widerstandskraft. Und wenn man die Gruppe aus Mogadischu erlebt, dann kann man dies nur bestätigen. Alle blicken nach vorne - trotz allem - und sind davon überzeugt, dass sie durch ihr persönliches Engagement etwas bewegen können.

Ein Aktionsplan nimmt Gestalt an

Das Ziel ist eine traumainformierte Organisation: Musa Ibrahim Dugow, nationaler Bildungskoordinator, präsentiert das Ergebnis der Gruppenarbeit. Fotos: Florian Staudt

"Wir alle sind traumatisiert", sagt Musa Ibrahim Dugow, Bildungskoordinator der SOS-Kinderdörfer in Somalia, am Ende und verknüpft dies sogleich mit einem Appell. "Lasst uns zusammenarbeiten, als Team, und unsere Organisation nach vorne bringen." Während des Trainings umreist die Gruppe bereits einen Aktionsplan, um ihr erworbenes Wissen an ihre Kolleginnen und Kollegen in Mogadischu weiterzugeben. Wenige Wochen nach ihrer Rückkehr nimmt das Vorhaben bereits Gestalt an – doch dies ist eine weitere Geschichte.

* In der Eingangsszene haben wir den Namen geändert, um die vertrauliche Atmosphäre des Trainings zu respektieren, in der sich die Mitarbeitenden geöffnet haben (Anmerkung der Redaktion).

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