"Ich helfe, weil ich etwas zurückgeben will"

Ein ehemaliges SOS-Kind wird Arzt: Dr. Mohammad Ariful Haque behandelt Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch

Der Arzt Dr. Mohammad Ariful Haque ist im SOS-Kinderdorf in Bangladesch aufgewachsen. Heute versorgt er Rohingya-Flüchtlinge in seiner Heimat. Hier erzählt der 31-Jährige, warum er sich als als freiwilliger Helfer engagiert.
"Ich bin, was ich heute bin, weil auch mir jemand geholfen hat": Dr. Mohammad Ariful Haque mit einem Kind im Flüchtlingscamp in Bangladesch.

"Ich war zweieinhalb Jahre alt, als die Flutkatastrophe von 1988 über Bangladesch hereinbrach. Ich verlor meine Eltern und wurde von Kinderhändlern nach Indien verschleppt.

Die Menschenschmuggler wollten mich nach Dubai verkaufen. Doch sie wurden gefasst, weil meine Schreie am Flughafen von Mumbai die Polizei alarmierten. Als heimatloses Waisenkind sollte ich danach noch Jahre, bis 1995, in Indien bleiben. Am Ende steckte man mich mit zwölf anderen Kindern aus Bangladesch in ein Gefängnis. Dort wurden die SOS-Kinderdörfer in Indien auf uns aufmerksam und nahmen sich unserer an. Keiner von uns wollte in Indien bleiben, wir wollten einfach nur in unsere Heimat. Am 19.10.1995 kehrten wir dann zurück nach Bangladesch.

Dort versuchten SOS-Mitarbeiter zunächst unsere Angehörigen ausfindig zu machen – aber in meinem Fall und auch bei anderen aus unserer Gruppe erwies sich das als hoffnungslos.
So wurden wir im SOS-Kinderdorf aufgenommen. Dort fanden wir eine neue Familie mit einer SOS-Mutter und Geschwistern. Endlich hatten wir ein Zuhause, nach unserer langen Odyssee.
In der Schule hatte ich gute Noten und bekam die Chance, ans College zu gehen und später Medizin zu studieren. Da ich ein Stipendium erhielt, ging ich zur Facharztausbildung für orthopädische Chirurgie nach Kairo in Ägypten.

"Ich habe in meinem Leben viel Leid und Armut gesehen, aber was ich hier erlebe, ist schlimmer", sagt Dr. Mohammad Ariful Haque.

Chirurg ist mein Traumberuf. So kann ich Menschen helfen. Bereits während meines Studiums engagierte mich in meiner Freizeit ehrenamtlich, um arme Menschen medizinisch zu versorgen. Mein größter Traum ist es, ein Krankenhaus für Bedürftige aufzubauen.

Noch während meiner Facharztausbildung in Kairo bekam ich einen Anruf: Ob ich den Rohingya-Flüchtlingen in Bangladesch helfen wolle?
Mit meinem Taschengeld und der Unterstützung eines Freundes kratzte ich das Geld für ein Flugticket zusammen. Ich nahm das nächste Flugzeug und ging nach der Landung direkt in ein Flüchtlingscamp.

Elend in den Flüchtlingscamps

Ich habe in meinem Leben viel Leid und Armut gesehen. Aber was ich in Ukhiya erlebe, im Grenzgebiet in der Nähe von Cox´s Bazar in Bangladesch, ist schlimmer. Viele der Rohingya-Flüchtlinge leben unter entsetzlichen Bedingungen. Sie sind in Unterkünften untergebracht, die diesen Namen kaum verdienen. Die Kinder und alte Menschen leiden am meisten. Es fehlen Ärzte und Psychologen. Aber das ist es, was die Kinder jetzt brauchen. Auch ihre seelischen Verletzungen sitzen tief: Sie mussten mitansehen, wie Menschen umgebracht wurde, sie haben Zerstörung und Gewalt erlebt. Ich wusste sofort, was sie fühlen, weil ich in ihrem Alter auch viel durchlitten habe.

Normalerweise behandelt man zwischen 35 bis 40 Patienten am Tag. Hier sind es aber bis zu 70. Wie kann ich einen Menschen abweisen, der dringend meine Hilfe braucht?

Bis zu 70 Patienten täglich behandelt Dr. Mohammad Ariful Haque.

An einem Tag behandelte ich einen 6-jährigen Jungen, der nach den Strapazen des langen Fußmarsches ohnmächtig zusammenbrach. Die Eltern waren in Panik, aufgrund des extremen Flüssigkeitsverlusts schwebte das Kind in Lebensgefahr. An einem anderen Tag operierte ich einen Jungen am Bein, ein ambulanter Eingriff, und ich versorgte auch ein weiteres Kind der Familie. Die Eltern waren unendlich dankbar und boten mir ihre gesamten Lebensmittel an. Natürlich habe ich das abgelehnt, aber das hat mich tief bewegt.

"Ich will etwas zurückgeben"

Ich arbeite hier als freiwilliger Helfer, weil ich mich aufgrund meiner eigenen Geschichte dazu verpflichtet fühle: Ich bin, was ich heute bin, weil mir jemand geholfen hat. Ich hatte nichts, aber die SOS-Kinderdörfer haben mir ein Leben und eine Zukunft gegeben.

Man hat mich gefragt, ob ich mich als Vorbild sehe. Nein! Ich bin einfach ein ganz normaler Mensch, der etwas zurückgeben will."

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