Kinder bei der Hand nehmen

Natalya ist SOS-Mutter im Kinderdorf Puschkin bei St. Petersburg. Zuvor arbeitete sie als Lehrerin und bildete sich dann durch ein Sonderpädagogik-Studium fort. Hier erzählt sie, wie sie mit ihren SOS-Kindern lebt, lacht und lernt.

 

Russische SOS-Mutter mit Kind
"Meine Kinder geben mir viel Kraft und Energie":  SOS-Mutter mit Kind

In Ihrer SOS-Familie haben Sie gerade ein neues Kind aufgenommen. Wie erleben Sie dies?

Mein Kleinster, Tamerlan, ist drei Jahre alt. Er ist jetzt seit zwei Wochen bei uns. Meine Gefühle für ihn sind bereits sehr stark – vielleicht sogar stärker als damals, als mein eigenes Kind in diesem Alter war. Ich denke, das liegt daran, dass ich damals nicht so reif war. Jetzt bin ich behutsamer und geduldiger. Ich will Tamerlan meine Liebe geben und ihm so viel wie möglich über diese Welt beibringen.

 

Sie haben Sonderpädagogik studiert. Wie profitieren Sie von Ihrem Studium bei Ihrer Arbeit als SOS-Mutter?

Im Kinderdorf betreuen wir Kinder, die Verlust und Vernachlässigung erfahren haben. Sie leiden deshalb häufig unter Entwicklungsdefiziten. Durch mein Studium verstehe ich Kinder und ihre Probleme besser – und ich kann ihnen besser helfen.

 

SOS-Kind beim Kochen
"Ich will kochen lernen!": Ein Mädchen aus Natalyas SOS-Familie

Woher nehmen Sie Ihre Motivation?

Die Kinder geben mir Kraft. Natürlich kostet meine Arbeit viel Energie, aber ich bekomme von den Kindern unglaublich viel zurück. Es sind ganz alltägliche Momente, die mich motivieren. Zum Beispiel morgens, wenn ich in die Kinderzimmer gehe: Ein Kind blinzelt mich mit verschlafenen Augen an, streckt die Hände nach mir aus und sagt "Mama".

Oder wenn wir gemeinsam im Bad Zähneputzen: Die Kinder beobachten mich ganz genau, wie ich meine Zahnbürste benutze, und machen es mir dann nach. Kurz darauf sause ich einem lachenden Kind hinterher, das sich nicht waschen will. Es fasziniert mich einfach, wie Kinder sich entwickeln und immer weiter dazu lernen.

 

Erzählen Sie bitte mehr!

Die Mädchen in meiner SOS-Familie wollten unbedingt kochen lernen. Am Anfang zeigte ich ihnen, wie es geht. Dann dauerte es nicht lange, und sie suchten selbstständig in Kochbüchern und Zeitschriften nach Rezepten. Schließlich begannen sie, den Tisch zu dekorieren und Freunde einzuladen. Wenn Kinder etwas gelernt haben, sind sie stolz darauf und ihr Selbstvertrauen wächst. Und: Wenn ein Kind etwas kann, dann wollen die anderen es auch lernen. Auch die Jungen wollen jetzt kochen.

 

Lernen Kinder immer so spielerisch?

Leider nicht. Einige Kinder verweigern sich. Das sind oft Mädchen und Jungen, die in ihrer frühen Kindheit stark vernachlässigt wurden, ihre Mutter nie sahen und aus sehr schwierigen Verhältnissen kommen.

 

Wie erreichen Sie diese Kinder?

Mit viel Geduld und Liebe. Allmählich beginnen sie Vertrauen zu entwickeln - zu mir und in ihre Fähigkeiten. Ich habe zwei Jungen, die nicht in die Schule gehen wollten. Ich nahm beide jeden Tag bei der Hand, brachte sie zur Schule und holte sie nach dem Unterricht wieder ab. Wir lernen gemeinsam - und seit kurzem gehen sie selbstständig in die Schule.

Hilfe für Kinder in Not

Die SOS-Kinderdörfer engagieren sich in 36 europäischen Ländern für verlassene und sozial benachteiligte Kinder. Helfen Sie mit Ihrer Spende oder Patenschaft!

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